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Marc Pitzke

Trumps Rede zur Lage der Nation Absurde Show

Die "State of the Union" ist eine amerikanische Tradition: Der Präsident erläutert dem Kongress seine Agenda, um die Nation zu einen. Donald Trump jedoch machte seine Antrittsrede zum spaltenden Keil.

Das Ritual ist obsolet. Schon lange vor Donald Trump war die traditionelle Rede des US-Präsidenten zur Lage der Nation nur noch eine leere Show. Pathos, Jubel, God bless America: Selbst Polit-Junkies vergaßen das alles schnell wieder. Nicht ohne Grund warnte bereits Woodrow Wilson, der das leidige Zeremoniell einst begründet hatte: "Es möge nicht zum Brauch werden."

Zum Brauch wurde es trotzdem - doch nie zuvor so ad absurdum geführt wie jetzt, mit Trumps erster "State of the Union". Statt die Amerikaner zu versöhnen, spaltete er sie nur noch mehr, statt den Kongress für seine Agenda zu begeistern, trieb er ihn nur weiter auseinander, statt einer ehrlichen Lage der Nation gab es Propaganda, Verzerrungen und Lügen.

Einwanderer sind Killer, die Steuerreform ist die tollste aller Zeiten, der "Krieg gegen die wunderschöne saubere Kohle" ist vorbei, es werden endlich wieder Autos/Autobahnen gebaut, Medikamente werden billiger, der "Islamische Staat" ist kaputt, Guantanamo bleibt geöffnet, Nordkorea ist "verwahrlost", wir brauchen mehr Atombomben, alle Amerikaner müssen an Gott glauben: Fast jeder Absatz enthielt eine neue Groteske, die ein Körnchen Wahrheit unter einer Lawine der Demagogie begrub.

Nur ein Wort fehlte völlig in dem 80-Minuten-Rekordredemarathon - das wichtigste Wort, das über Trumps Präsidentschaft hängt wie eine Guillotinenklinge: Russland.

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Trump-Rede: "Wir sind stolz auf unsere Flagge"

Foto: WIN MCNAMEE/ AFP

Auf der Tribüne saßen die Ehrengäste, wie immer waren es Amerikaner, die sich durch Heldentum oder überwundenes Elend qualifiziert hatten. Doch nie zuvor wurden sie so schamlos instrumentalisiert. Am schlimmsten erging es zwei weinenden Familien aus Long Island, deren von der mexikanischen MS-13-Gang ermordeten Töchter als Exempel herhalten mussten für das Unheil aller illegaler Immigranten. "Ganz Amerika trauert mit euch", intonierte Trump und pausierte für Applaus. "320 Millionen Herzen brechen für euch."

Typisch Trump, das alles, trotz Teleprompter. Der Basis dürfte es gefallen haben. Den anderen? Wohl weniger. Einheit war das Motto - Spaltung der Effekt. Die Demokraten schwiegen, buhten oder waren sowieso erst gar nicht erschienen. Die Republikaner grölten auf Kommando.

Und wer klatschte nach jedem Satz am meisten? Trump selbst.

Die First Lady dagegen klatschte weniger. Anders als ihre Vorgängerinnen bei diesen Anlässen bemühte Melania Trump tiefgekühlte Distanz. Sie ließ Trump schon auf dem Weg zum Kapitol in der Limousine sitzen und kam alleine, verzog dann kaum eine Miene und trug demonstrativ Cremeweiß, die Symbolfarbe couragierter Frauen, wie manche Kommentatoren hier sofort anmerkten.

Zufall? Trumps angebliche Affäre mit der Pornodarstellerin Stormy Daniels soll Melania Trump sehr empört haben. Deshalb war sie offenbar schon nicht mit nach Davos gekommen, sondern lieber ins Spa gegangen.

Stormy Daniels trat übrigens unmittelbar nach Trumps Rede in der Latenight-Show "Jimmy Kimmel Live" auf. Das sagte mehr aus über die Lage der Nation als alles andere. Ad absurdum.

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