Zeuge in Trumps Ukraineaffäre Was über Oberstleutnant Vindman bekannt ist

Einwanderer, dekorierter Kriegsveteran, Verkörperung des "American Dream": Alexander Vindman ist ein wichtiger Zeuge in der Ukraineaffäre - und wird aus dem Trump-Lager hart attackiert. Was weiß man über ihn?

Alexander Vindman nach einer Anhörung im US-Repräsentantenhauses: Patriotismus und American Dream
Manuel Balce Ceneta/AP

Alexander Vindman nach einer Anhörung im US-Repräsentantenhauses: Patriotismus und American Dream

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Alexander Vindman war beunruhigt. Der Oberstleutnant der US-Armee hatte einem Telefonat zwischen Donald Trump und dessen ukrainischem Amtskollegen Wolodymyr Selenskyj beigewohnt. Was er zu hören bekam, so schilderte es Vindman nun in einer Anhörung im Repräsentantenhaus, hätte die nationale Sicherheit der USA beeinträchtigen können.

Jenes im Juli geführte Telefongespräch zwischen den beiden Staatschefs steht am Anfang der Ukraineaffäre und könnte schon bald in ein Amtsenthebungsverfahren gegen den US-Präsidenten münden. Als einer von wenige Mitarbeitern, die mithörten, könnte Vindman dabei eine entscheidende Rolle spielen.

"Ich hielt es nicht für angemessen zu verlangen, dass eine ausländische Regierung gegen einen US-Bürger ermittelt", sagte Vindman in der Anhörung. Er habe erkannt, dass es als parteipolitisches Spiel gedeutet würde, wenn die Ukraine eine Untersuchung gegen Joe Biden und seinen Sohn Hunter einleite. Die Ukraine würde deshalb die überparteiliche Unterstützung in Washington verlieren. "Das alles würde die nationale Sicherheit der USA untergraben."

"Ich sitze hier als Oberstleutnant der US-Armee, als Immigrant"

Vindmans Sorge um die Sicherheit der USA, das zeigt seine inzwischen veröffentlichte Aussage, ist untrennbar verbunden mit seiner Erfahrung als Offizier und Einwanderer. "Ich sitze hier als Oberstleutnant der US-Armee, als Immigrant", sagte Vindman vor den Kongressabgeordneten.

Seine Geschichte ist die eines Amerikaners, der das Ideal eines Patrioten ebenso wie den "American Dream" fast bis ins Klischeehafte verkörpert.

Vindman wird 1975 in der Ukraine geboren. Kurz nach dem Tod seiner Mutter flieht Vindmans Familie aus der Sowjetunion, 1979 lassen sie sich in New York nieder. Gemeinsam mit seinem Zwillingsbruder Yevgeny, genannt "Eugene", und seinem älteren Bruder Leonid wächst Alexander in Brighton Beach auf. Die Wohngegend im New Yorker Stadtteil Brooklyn ist wegen ihres hohen Anteils an Flüchtlingen aus der Sowjetunion bis heute auch als "Little Odessa" bekannt.

Die Geschichte der Familie ist so prototypisch amerikanisch, dass die Vindman-Zwillinge in den Achtzigerjahren als Protagonisten in einer Dokumentation des gefeierten Filmemachers Ken Burns auftauchen. Sein Vater habe mehrere Jobs gehabt, nachts habe er Englisch gelernt, erinnert sich Vindman in seiner Aussage. Er habe stets betont, wie wichtig es sei, sich in die US-Gesellschaft zu integrieren. "Trotz anfänglicher Schwierigkeiten hat sich meine Familie ihren eigenen amerikanischen Traum aufgebaut", sagt Vindman.

Stationen in Südkorea, Deutschland und im Irak

Mehr als 20 Jahre lang dient Vindman in der US-Armee, er wird unter anderem in Südkorea und in Deutschland stationiert. Im Irakkrieg wird er durch eine Bombe verwundet und mit dem "Purple Heart" ausgezeichnet, dem Verwundetenabzeichen der US-Streitkräfte.

Vindman, der seine frühe Kindheit in Kiew verbrachte, spricht fließend Ukrainisch und Russisch. In den Nullerjahren spezialisiert er sich auf den eurasischen Raum, wird an die US-Botschaften in Kiew und Moskau entsandt. Schließlich steigt er zum führenden Ukraine-Experten im Nationalen Sicherheitsrat auf.

Dort ist laut "New York Times" ("NYT") inzwischen auch sein Zwillingsbruder Yevgeny, der ebenfalls auf eine Laufbahn in der US-Armee zurückblickt, als Jurist tätig. Dem Zeitungsbericht zufolge ist Eugene auch an der Seite seines Bruders, als sich dieser nach dem Telefonat zwischen Trump und Selenskyj an seinen Vorgesetzten wendet. Vindman habe sich in jeder Hinsicht an die Einhaltung der Befehlskette gehalten, zitiert die "NYT" nach der Anhörung den demokratischen Kongressabgeordneten Stephen F. Lynch.

Antisemitische Stereotype auf Fox News

Militärlaufbahnen wie die der Vindmans werden in den USA traditionell als patriotisch gefeiert und geachtet - von Republikanern womöglich noch etwas mehr als von Demokraten. Dennoch stellten manche Trump-Unterstützer zuletzt Vindmans Loyalität zu den USA infrage.

Vindman arbeite offenbar aus dem Weißen Haus heraus gegen die Interessen des Präsidenten, sagte etwa Fox-News-Moderatorin Laura Ingraham in ihrer Sendung. Ihr Gast, der Juraprofessor John Yoo, stieg bereitwillig darauf ein: "Manche würden das Spionage nennen."

Die renommierte Politikjournalistin Julia Ioffe, selbst Tochter jüdischer Einwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion, warf Ingraham vor, alte antisemitische Stereotypen bedienten. Den jüdischen Offizier Vindman der "doppelten Loyalität" zu bezichtigen, sei "nun ja, antisemitisch", twitterte Ioffe.

Trump selbst nannte Vindman auf Twitter einen "Never Trumper", einen jener Republikaner also, die niemals Trump unterstützen würden. Der Präsident warf ihm also indirekt vor, aus politischer Motivation heraus zu handeln.

Vindman stritt den Vorwurf, seine Aussage sei parteipolitisch motiviert, in der Anhörung ab: "Ich habe diesem Land auf überparteiliche Weise gedient und habe dies mit dem größten Respekt und der größten Professionalität für republikanische wie für demokratische Administrationen getan."

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