Streit um Tusk-Wiederwahl Kaczynski riskiert Polens Isolation

Polens Regierung scheint entschlossen, die Wiederwahl Donald Tusks zum EU-Ratspräsidenten zu verhindern. Warschaus De-facto-Regent Jaroslaw Kaczynski läuft Gefahr, durch eine persönliche Fehde sein Land zu isolieren.
Jaroslaw Kaczynski

Jaroslaw Kaczynski

Foto: Czarek Sokolowski/ AP

Im Drama um eine zweite Amtszeit für EU-Ratspräsident Donald Tusk ist die polnische Regierung offenbar zum Äußersten entschlossen. "Wir werden alles tun, um sicherzustellen, dass die Wiederwahl heute nicht stattfindet", sagte Polens Außenminister Witold Waszczykowski dem Nachrichtensender TVN24. Man werde die anderen EU-Staaten informieren, "dass der heutige Gipfel in Gefahr ist, wenn sie die Wahl durchdrücken wollen."

Ein Vertreter der polnischen Regierung nannte anschließend Details: Man wolle die Wahl zunächst verschieben und dann auf einem Sondergipfel über den nächsten EU-Ratspräsidenten entscheiden, ehe Tusks Amtszeit im Mai endet.

Doch mit diesem Ansinnen dürfte Polen scheitern. "Das Thema steht auf der Agenda, deshalb muss man entscheiden", sagte Maltas Regierungschef Joseph Muscat, der als amtierender Vorsitzender der EU-Ratspräsidentschaft die Wahl leitet. "Es gibt klare Regeln, die ich befolgen werde. Die Entscheidung wird heute getroffen." Da sie mit qualifizierter Mehrheit erfolgt, kann Polen allein kein Veto einlegen.

Muscat weiß die meisten anderen EU-Staaten hinter sich. Es gebe eine "überwältigende Mehrheit" für die Wiederwahl Tusks, sagte ein deutscher Regierungsmitarbeiter. Auch Kanzlerin Angela Merkel sprach sich klar für Tusk aus. Dessen Wiederwahl sei "Zeichen der Stabilität für die gesamte Europäische Union". Sie freue sich darauf, "die Zusammenarbeit mit ihm fortzusetzen", sagte Merkel am Donnerstag im Bundestag. Vor Beginn des Gipfels wollte sie sich mit Polens Regierungschefin Beata Szydlo treffen - vermutlich, um den Konflikt zu entschärfen.

EU-Ratspräsident Donald Tusk

EU-Ratspräsident Donald Tusk

Foto: JOHN THYS/ AFP

Szydlo gab sich jedoch unnachgiebig: Ohne Polens Zustimmung werde es keine Einigung über den Verbleib Tusks im Amt geben, sagte sie vor dem Gespräch mit Merkel. Es sei eine "Frage des Prinzips", dass die EU keinen Ratspräsidenten wähle, der nicht die Unterstützung seines Heimatlands habe. Polen werde dieses Prinzip "bis zum Schluss verteidigen". Wer das nicht verstehe, trage zur "Destabilisierung" der EU bei.

Doch selbst unter den Osteuropäern scheinen die Polen keine Verbündeten zu haben. Litauens Staatspräsidentin Dalia Grybauskaite etwa sagte kurz vor dem Gipfel: "Ich denke, dass Tusk wiedergewählt wird." Denn sollte das nicht geschehen, wäre es eher unwahrscheinlich, dass ein anderer Osteuropäer den Job bekommt. "Das wissen die Osteuropäer", sagt der EU-Außenpolitiker Elmar Brok (CDU). "Selbst die Ungarn, Polens traditionelle Verbündete, sind für Tusk."

Das liege auch daran, dass es hier um keine grundsätzliche Frage gehe. "Jeder weiß, dass das eine persönliche Angelegenheit zwischen Tusk und Kaczynski ist", so Brok.

Jaroslaw Kaczynski, Chef der regierenden Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) und Polens starker Mann, wirft Tusk seit Jahren vor, mitschuldig am Tod seines Zwillingsbruders Lech zu sein. Auch politisch gelten Kaczynski und Tusk, dessen liberalkonservative Bürgerplattform in Polen in der Opposition ist, als Intimfeinde. Dass die restlichen 27 EU-Mitgliedstaaten es nun zulassen, dass eine persönliche Fehde die Geschicke der gesamten Gemeinschaft prägt, erscheint unwahrscheinlich.

Polens Premierministerin Beata Szydlo

Polens Premierministerin Beata Szydlo

Foto: LASZLO BALOGH/ REUTERS


Was aber, wenn Ministerpräsidentin Szydlo den Gipfel aus Protest verlässt? Kaczynskis Kalkül könnte sein, dass die anderen Mitgliedstaaten einen solchen Eklat scheuen und am Ende einlenken werden. "Das könnte aber auch nach hinten losgehen", sagt der Grünen-Europapolitiker Reinhard Bütikofer. "Möglicherweise sagen die anderen dann, wir machen einfach ohne Polen weiter." Brok hielte das für das kleinere Übel. "Es wäre eine größere Katastrophe, wenn der persönliche Streit zweier Männer die EU blockieren würde."

Zudem wäre der Gipfel auch ohne die Polen handlungsfähig, selbst in Angelegenheiten, die einstimmige Beschlüsse verlangen. Enthaltungen einzelner Mitgliedstaaten verhindern sie nicht. Anders ausgedrückt: Wer nicht da ist, kann auch kein Veto einlegen. Dafür müsste Szydlo bleiben und den Gipfel aktiv blockieren, was aber ebenfalls politisch riskant wäre.

Die vielleicht wichtigste Entscheidung des zweitägigen Treffens können die Polen ohnehin nicht blockieren. Am Freitag legen die Staats- und Regierungschefs den Inhalt der Erklärung von Rom fest, die Ende März bei den Feierlichkeiten zum 60. Jahrestag der Römischen Verträge präsentiert wird. Sie soll eine Art Geburtsurkunde der neuen EU ohne Großbritannien werden. Da die Briten bei der Sitzung am Freitag fehlen, gehört sie nicht zum offiziellen Gipfel, sondern ist lediglich ein "informelles Treffen". Damit fällt auch der Zwang zur Einstimmigkeit weg.

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