Doppelanschlag im Irak Zahl der Toten in Bagdad steigt auf über 130

Es ist der blutigste Tag in Bagdad seit Monaten: Bei zwei Selbstmordanschlägen mit Autobomben sind in der irakischen Hauptstadt mindestens 132 Menschen getötet worden, rund 500 wurden verletzt. Die Helfer vermuten noch weitere Opfer in den zerstörten Regierungsgebäuden.

dpa

Bagdad - Die Bomben explodierten mitten im Herzen der Stadt: Am Sonntagvormittag gegen halb elf Uhr Ortszeit detonierten innerhalb nur weniger Minuten in Bagdad zwei in Autos versteckte Sprengsätze. Laut Polizei zündeten in beiden Fällen Selbstmordattentäter die Bomben. Stunden nach den Attentaten zeigte sich ein verheerendes Bild: Mindestens 132 Menschen verloren ihr Leben, 512 weitere mussten in Krankenhäuser eingeliefert werden.

Die erste Autobombe ging an einer belebten Straße zwischen den Ministerien für Justiz und Arbeit hoch. Das präparierte Fahrzeug sei mitten auf der Straße explodiert, berichteten Augenzeugen. Die Wucht war so enorm, dass die Regierungsgebäude schwer beschädigt wurden. Feuerwehrleute versuchten, über Leitern in die oberen Stockwerke der Ministerien vorzudringen, wo sie weitere Opfer befürchten. Schreie gellten durch die Straßen. Unter den Toten waren nach Klinikangaben zahlreiche Frauen und ältere Menschen.

Zehn Minuten später ging die zweite Autobombe im Stadtteil Salhije hoch. Vor dem Gouverneurssitz lagen Leichen und Leichenteile verstreut. Rettungskräfte bargen verkohlte menschliche Überreste aus zerstörten Fahrzeugen. Einige Leichen seien zu heiß gewesen, um sie anzufassen und hätten in Tücher gewickelt werden müssen, sagten Retter. Durch die Wucht der Explosion wurden auch hier umliegende Gebäude stark beschädigt, Fensterscheiben gingen zu Bruch. Abwasserleitungen zerbarsten und setzten ganze Straßenzüge unter Wasser. Dicke Rauchwolken standen über dem Anschlagsort. Die Polizei riegelte die Zufahrtsstraßen ab, um Feuerwehrfahrzeuge und Rettungswagen ein Durchkommen zu ermöglichen.

"Ich weiß nicht, wie ich das überstanden habe. Die Explosion hat alles zerstört, es war wie bei einem Erdbeben", sagte ein ortsansässiger Händler der Nachrichtenagentur Reuters.

Kurze Zeit nach der Explosion in Salhije begab sich Ministerpräsident Nuri al-Maliki zu dem Anschlagsort am Gouverneurssitz. Er sprach mit Hilfskräften und Sicherheitsbeamten, verzichtete aber zunächst auf eine offizielle Stellungnahme zu dem Attentat. Regierungssprecher Ali al-Dabbagh sagte, der Anschlag zeige die Handschrift von al-Qaida und ihren Verbündeten und könnte gegen die geplante Parlamentswahl im Januar gerichtet sein.

Der Nationale Sicherheitsrat im Irak bemüht sich derzeit um eine Beilegung des Streits um ein neues Wahlrecht, damit Mitte Januar gewählt werden kann. Das größte Problem ist dabei der Streit um die nördliche Erdölstadt Kirkuk, die an das autonome Kurdengebiet grenzt. Die kurdische Autonomieregierung will Kirkuk in das Kurdengebiet eingliedern, was die dort lebenden Araber und Turkmenen aber ablehnen. Zunächst war geplant, dass das Parlament schon am Montag über ein neues Wahlrecht abstimmen sollte.

Die Zahl der Anschläge im Irak ist seit dem Rückzug der US-Soldaten aus den Städten am 30. Juni wieder stark gestiegen. Am 19. August wurden bei Anschlägen auf das Außen- und das Finanzministerium in Bagdad mindestens 95 Menschen getötet und mehr als 600 verletzt. Damals machte die Regierung Anhänger der verbotenen Baath-Partei des gestürzten Machthabers Saddam Hussein verantwortlich, denen Syrien angeblich Unterschlupf gewährt.

ler/Reuters/AFP



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Emil Peisker 29.06.2009
1.
Zitat von sysopDie letzten US-Truppen verlassen die Städte im Irak. Wie sehen Sie die Zukunft des Landes?
Sie sind ja noch im Irak. Und bei größeren Verwerfungen dürfen sie auch eingreifen, wenn die Iraker sie bitten. Wenn Sie das land komplett verlassen haben, wird sichtbar, ob die neue irakische Armee das Heft in der Hand hat. Hoffentlich, kann ich da nur sagen.
nahal, 29.06.2009
2.
Zitat von sysopDie letzten US-Truppen verlassen die Städte im Irak. Wie sehen Sie die Zukunft des Landes?
hoffnungsvoll. eine hoffnung, die vor 6 jahren nicht vorhanden war. es liegt jetzt am irakischen volk und nicht mehr an einen despoten. und von innen wäre diese änderung, leider, nicht gekommen.
elandy 29.06.2009
3.
Zitat von nahalhoffnungsvoll. eine hoffnung, die vor 6 jahren nicht vorhanden war. es liegt jetzt am irakischen volk und nicht mehr an einen despoten. und von innen wäre diese änderung, leider, nicht gekommen.
aha und woher wollen sie das wissen? oder ist das nur eine plumpe Rechtfertigung für den US-Angriff?
atzlan 29.06.2009
4.
Zitat von nahalhoffnungsvoll. eine hoffnung, die vor 6 jahren nicht vorhanden war. es liegt jetzt am irakischen volk und nicht mehr an einen despoten. und von innen wäre diese änderung, leider, nicht gekommen.
Wirklich interessant, worauf Sie hoffen: "Wenn das so weitergeht, haben die Amerikaner es immerhin geschafft, im Mittleren Osten eine islamische Militärdiktatur zu etablieren." http://www.zeit.de/2008/52/Irak-Reportage?page=1 (S.3)
SaT 29.06.2009
5.
Zitat von nahalhoffnungsvoll. eine hoffnung, die vor 6 jahren nicht vorhanden war. es liegt jetzt am irakischen volk und nicht mehr an einen despoten. und von innen wäre diese änderung, leider, nicht gekommen.
Wenn es denn so wäre – wäre dies in Ihren Augen Hunderttausende von Toten wert? Auch dann wenn es sich bei diesen Toten um Ihre Angehörigen handeln würde? Im Iran tut sich gerade etwas von innen. Einmischung von außen würde dort nur schaden. Übrigens tat sich auch in Mittel und Osteuropa vor 20 Jahren etwas von innen genauso wie in Spanien in den 70'er.
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