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G-20-Gipfel: Auflauf auf dem roten Teppich

Foto: JIM YOUNG/ AFP

Doppelgipfel in Toronto Laufsteg der Mächtigen

Viel Inszenierung, wenig Ergebnisse: Angesichts horrender Kosten für die Treffen von Huntsville und Toronto stellt sich die Frage nach dem Sinn solcher Megagipfel. Die G-8-Runde hat massiv an Bedeutung verloren, doch der elitäre Club der Mächtigen will weitergipfeln - und billiger werden.

Es sah ein bisschen so aus wie beim Model-Casting im Fernsehen, nur dass der rote Teppich den Laufsteg ersetzte. Einmal ringsherum um eine kleine Grüninsel hatten die kanadischen Gastgeber den edlen Läufer vor der Tür des schicken Deerhurst Resorts verlegt. Der heimische Premier Stephen Harper nahm Aufstellung, dann ließ das Protokoll seine Gäste losmarschieren.

Solo schritt ein jeder auf ihn zu, Händeschütteln, Lächeln für die Fotografen, Schulterklopfen, dann auf der anderen Seite weiter, zurück ins Haus. Der nächste bitte. Nicht ausgeschlossen, dass Harper im Kopf Haltungsnoten vergab: Naoto Kan, Japans Premier, etwas verhuscht, Angela Merkel bodenständig, Obama lässig, Sarkozy und Berlusconi mit diesem Touch besonderer Eitelkeit.

Willkommen bei der G-8-Show, dem Auftritt der mächtigsten Staats- und Regierungschefs der Welt.

Die Zusammenkunft des elitären Zirkels in der kanadischen Ferienregion Muskoka bildete an diesem Freitag und Samstag den Aufgalopp zur erweiterten Runde der G20, die sich für den Rest des Wochenendes gut zweieinhalb Autostunden entfernt in Toronto trifft. Die Metropole befindet sich schon seit Tagen im sicherheitstechnischen Ausnahmezustand. Zehntausende Kräfte haben das Stadtzentrum, in dem die Staatenlenker konferieren, abgeriegelt. Am Samstag zogen Randalierer durch die Innenstadt, zündeten Peterwagen an, zertrümmerten Fensterscheiben. Torontos Polizeichef William Blair sprach von einem "schwierigen Tag" für die Sicherheitskräfte.

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Doppelgipfel: Massive Proteste in Toronto

Foto: MIKE SEGAR/ REUTERS

Ein kilometerlanger Stahlzaun mit Sicherheitsschleusen soll ungebetene Demonstranten vom Tagungsort fernhalten. Kolportierter Kostenpunkt: Rund 1,1 Milliarden kanadische Dollar, umgerechnet etwa 870 Millionen Euro. Viel mehr als jeder vergleichbare Gipfel zuvor.

Kritiker rechnen verärgert durch, was sich für das Geld alles kaufen ließe: vier Airbus A380 Superjumbos oder 11.000 Porsche Carrera 911 zum Beispiel. Würde das Geld in Hilfen für Familien in armen Ländern investiert, müssten mehr als 48.000 Mütter und 840.000 Säuglinge nicht sterben, sagen Hilfsorganisationen. Oder es könnten fast zehn Millionen Abtreibungen und 25 Millionen ungewollte Schwangerschaften verhindert werden. Und so weiter.

Empörte Bürger

"Das ist so eine Geldverschwendung", erregt sich ein Taxifahrer in Toronto. Und so wie er denken viele in der Stadt. Die lokalen Zeitungen sind voll mit Geschichten empörter Einwohner. Sie erkennen ihr Toronto nicht wieder, diese sonst so freiheitsliebende, multikulturelle Stadt. Sie schütteln den Kopf darüber, dass die Behörden der Polizei still und leise Sondervollmachten übertragen haben. So dürfen arglose Bürger, die sich den Absperrgittern auf fünf Metern nähern und sich nicht ausweisen wollen, einfach für Stunden in Gewahrsam genommen werden. Von einer schleichenden Aushöhlung der Freiheitsrechte schreibt "The Globe and Mail", zwischen "power and paranoia" sieht der "Toronto Star" seine Heimat.

Ist es das wirklich alles wert? Stehen der Aufwand und die Kosten für den Doppelgipfel, die Selbstinszenierung der Staats- und Regierungschefs in angemessenem Verhältnis zum Ertrag des Ganzen?

Die Teilnehmer selbst haben die Erwartungen schon vor der Zusammenkunft heruntergeschraubt. Echte Ergebnisse erwarte sie erst vom nächsten Gipfel im November in Seoul, hängte Kanzlerin Merkel die Latte tief. Von einer "Zwischenetappe" sprachen ihre Berater.

Ein Blick auf das bisher in Toronto Erreichte und noch zu Erwartende zeigt in der Tat: Viel Vorzeigbares gibt es nicht. Die G-8-Staaten wollen die Mütter- und Kindersterblichkeit in armen Ländern bekämpfen, 5,9 Milliarden Euro soll es dafür in den nächsten fünf Jahren geben, Deutschland beteiligt sich mit 400 Millionen. Es geht dabei um zwei schon vor Jahren beschlossene Milleniumsziele, bei deren Umsetzung man jedoch bis heute weit hinterherhinkt.

Das war es dann auch schon an Konkretem. Frühere Versprechen an Entwicklungsländer würden dagegen nun unter den Tisch fallen, beklagt die Hilfganisation Oxfam, die darin einen Skandal sieht. Die außenpolitischen Botschaften sind wenig spektakulär: Nordkorea wird verurteilt wegen seines Angriffs auf ein südkoreanisches Kriegsschiff, "tief besorgt" zeigt man sich wegen des iranischen Atomprogramms. Die Wirtschaftspolitik steht in der Achter-Runde dagegen nicht mehr weit oben auf der Tagesordnung. Schon in Toronto sind die Wege aus der Krise Thema der G20.

Doch auch von dort gibt es kaum Fortschritte zu vermelden. Bei den angepeilten neuen Finanzmarktregeln ist man in vielen Bereichen im Verzug. Die globale Finanztransaktionssteuer und die Bankenabgabe, wie Merkel sie will, wird es nicht geben. Auch bei der künftigen Wachstumsstrategie ist man sich uneins. Von Misstönen will zwar niemand etwas wissen, stattdessen ist viel von gegenseitigem Verständnis die Rede - was allerdings nicht heißt, dass man sich annähert. Immerhin kann Deutschland einen kleinen Erfolg verbuchen: Im Abschlussdokument wird das Ziel enthalten sein, dass die Staaten bis 2013 ihre Defizite halbieren sollen. Verbindlich ist das nicht.

"Testfall" für die G20

Die G20 muss ihre Handlungsfähigkeit erst noch beweisen, darauf verweist auch die Bundesregierung gern. Die Regulierung des Finanzmarktes sei hier ein "Testfall". In G-20-Kreis gebe es "viele Fragen, in denen wir natürlich erst noch zusammenkommen müssen", sagte Angela Merkel am Samstag. Fast scheint es, als schwingt darin ein wenig Trauer über den Bedeutungsverlust der G-8-Runde mit, auch wenn die Kanzlerin betont, dass es ein Fortschritt sei, dass Industrie- und Schwellenländer an einem Tisch säßen. Sie weiß schließlich, nur gemeinsam lässt sich ein Weg aus der Krise finden.

Doch Merkel wie auch die anderen G-8-Chefs vermissen in der großen Runde die Effizienz. Es fehlt die informelle Atmosphäre, die offene Debattenkultur, die die Staatenlenker aus den USA, Kanada, Russland, Japan, Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Italien im kleinen Kreis so schätzen. Denn wenn der saudische König und der chinesische Staatschef im G-20-Format nacheinander völlig voneinander losgelöste Monologe halten, kann das schon mal die Dynamik einer Diskussion abwürgen.

Trotz des fortschreitenden Bedeutungsverlustes wollen Merkel und Co. die intimeren G-8-Treffen daher unbedingt beibehalten. "Die Rolle der G8 als wichtiges Diskussionsforum wird erhalten bleiben", sagte die Kanzlerin. Es wird also auch künftig sowohl im großen wie auch im kleinen Rahmen gegipfelt.

Fragt sich nur, zu welchem Preis. Im kommenden Jahr übernimmt Frankreich die Präsidentschaft. Auf die hohen Kosten von Huntsville und Toronto angesprochen, versicherte Präsident Nicolas Sarkozy am Samstagabend (Ortszeit) schon mal, dass es an ihm nicht gelegen habe. "Wir sind in einem sehr bescheidenen, sehr vernünftigen Hotel abgestiegen", beteuerte er. "Ich habe keinen Luxus gesehen."

Den soll es auch nicht geben, wenn Sarkozy den nächsten G-8-Gipfel im Frühjahr 2010 in Nizza ausrichtet. Zu den kanadischen Gipfelkosten könne er zwar nichts sagen, erklärte der französische Präsident. Die Kosten in Frankreich aber würden "zehnmal niedriger" sein.

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