Drama um "Hansa Stavanger" Geisel-Angehörige berichtet vom Nervenkrieg

Vier Monate war Wladislaw J. Geisel auf der "Hansa Stavanger". In einem kurzen Telefonat konnte er seiner Frau jetzt von dem Nervenkrieg an Bord des Containerfrachters berichten. Die Reederei hatte versäumt, sie von der geglückten Befreiung zu informieren.

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Berlin - "Mein Mann würde niemals vor mir am Telefon weinen"; sagt Natalia F. * leise ins Telefon, "er ist sehr tapfer". Es war früh am Dienstagmorgen, als das Telefon der jungen Russin in Nowomoskowsk südlich von Moskau klingelte. Endlich konnte sie selbst hören, was sie gestern schon aus den Nachrichten erfahren hatte. Ihr Mann Wladislaw J. * ist am Leben.

Im Poker um das Lösegeld verschleppten die Piraten einen russischen Offizier und drei deutsche Seeleute von der "Hansa Stavanger" an Land

Im Poker um das Lösegeld verschleppten die Piraten einen russischen Offizier und drei deutsche Seeleute von der "Hansa Stavanger" an Land

Der Anruf in Nowomoskowsk kam von See vor der Küste Somalias. Nach seiner Wache an Bord durfte der Erste Offizier der am Montag freigelassenen "Stavanger" seine Frau in Russland anrufen und ihr selber sagen, dass es ihm gutgeht. Dass er endlich frei ist nach vier Monaten Geiselhaft in der Hand von Piraten. Dass er sich danach sehnt, endlich wieder nach Hause zu kommen.

Es sind kurze Gespräche, die die Geiseln vom Bordtelefon mit ihren Angehörigen führen dürfen. Sie zeugen von der Belastung und der Angst um ihr Leben, welche die 24 Seeleute - fünf Deutsche, außerdem Russen, Philippiner und Ukrainer - in den Tagen seit dem 4. April durchstehen mussten. Verschleppt von einer Bande unberechenbarer junger Männer, die mit Kalaschnikows bewaffnet und schon nachmittags von der Droge Khat berauscht waren.

Die Besatzung war nur ein Faustpfand, um ihr Ziel zu erreichen: ein Millionenlösegeld von der Hamburger Reederei der "Stavanger".

Details hat Natalia noch nicht erfahren können. Ihr Mann versuchte, routiniert zu bleiben. So zu tun, als ob alles normal ist. Er berichtete, dass kurz nach der Freilassung ein deutscher Arzt und Soldaten von zwei Kriegsschiffen, welche die "Stavanger" nach Mombasa in Kenia begleiten werden, an Bord gekommen seien. Essen und Wasser haben die Deutschen mit an Bord gebracht. In den letzten Wochen war die Nahrung knapp geworden und der Treibstofftank so leer, dass der Generator abgeschaltet werden musste und das Schiff nachts nicht mehr beleuchtet werden konnte.

Wie an jedem anderen Tag habe er seine "üblichen Arbeiten", erledigt. Der Erste Offizier hielt über Nacht Bordwache und konnte sich dann am Morgen zum ersten Mal nach vier Monaten ausschlafen. Für Einzelheiten der Freilassung war in dem Telefonat keine Zeit.

Gleichwohl spürte Natalia auch am Telefon, wie es ihrem Mann geht. "Die psychische Anspannung war sehr groß", sagt sie.

Besonders hart waren für den Ersten Offizier die Tage um den 19. Juli. Um den Druck beim Poker ums Lösegeld zu erhöhen, verschleppten die Piraten Wladislaw J. gemeinsam mit einem deutschen Offizier und zwei 19-jährigen Crewmitgliedern auf das somalische Festland.Eingerahmt von schwer bewaffneten und vermummten Komplizen der Piraten wurden sie mit einem Handy fotografiert. Wir können die Geiseln jederzeit töten, lautete die brutale Nachricht, welche die Piraten mit den Bildern verbreiten wollten.

Das Bild von ihrem Mann und den drei Deutschen bekam Natalia kurze Zeit später per E-Mail zugeschickt. In der Hocke sitzen die vier Männer zwischen zwei martialischen Kämpfern mit Maschinenpistolen und schauen verängstigt in die Kamera. Das Foto ging auch an die Reederei. Ganz kurz ließen die Piraten von einem somalischen Mobiltelefon Wladislaw J. damals auch mit seiner Frau telefonieren. Eine Stunde von der Hafenstadt Harardere, vor der die "Stavanger" ankerte, seien sie entfernt, sagte er. Jederzeit mussten die vier Männer damals damit rechnen, dass sie getötet werden.

Die Fotos waren Teil der Eskalationsstrategie in den Verhandlungen um das Lösegeld von 2,75 Millionen Dollar, das am Montag schließlich von einem Kleinflugzeug über der "Stavanger" abgeworfen worden war.

Über Monate war es hin und her gegangen. Immer wieder gab es Einigungen, doch dann scheiterten die Verhandlungen erneut. Auf dem Schiff hatten die Seeleute den Eindruck, der Hamburger Reeder Frank Leonhardt interessiere sich nicht für das Leben der Geiseln und feilsche um jeden Dollar. Trotz des Glücks über das Ende des Dramas sei immer noch "ein fader Beigeschmack", sagt Natalia F.

Angehörige enttäuscht von Reeder Leonhardt

An der Hamburger Elbchaussee, wo die Reederei ihren Sitz hat, hingegen sah man sich einem unberechenbaren Verhandlungspartner gegenüber. Mehrmals wechselten die Gesprächspartner über die Monate, fast täglich gab es neue Forderungen. Ganz offen sagten die Piraten dem Reeder Leonhardt auch, dass er mehr zahlen müsse als andere Schiffsbesitzer, da es ein deutsches Schiff sei und fünf Geiseln an Bord aus Deutschland kämen. "Einem solchen Gegner muss mit besonnenem statt mit übereiltem Handeln begegnet werden", sagte Leonhardt am Dienstag zu seiner Verteidigung.

Für Natalia F. stellt sich der Fall anders dar. In einem Brandbrief hatte sie Ende Juli schwere Vorwürfe gegen Leonhardt erhoben. Auch jetzt ist sie enttäuscht. Zwar lade Leonhardt in Hamburg zur Pressekonferenz, sagt sie bitter. Doch weder er noch Mitarbeiter der Reederei hätten zum Telefon gegriffen, um den Angehörigen die frohe Kunde von der Freilassung zu überbringen. "Ich denke, es hat geholfen, dass die Angehörigen Druck auf die Reederei ausgeübt haben und die Aufmerksamkeit auf den Fall der 'Hansa Stavanger' gelenkt haben", sagt sie. Sonst wäre nichts passiert, glaubt Natalia F.

Die Frage, ob der Reeder die Verhandlungen nachlässig führte, ist schwer zu beantworten. Zwar stellte sich auch beim in die Verhandlungen eingeschalteten Bundeskriminalamt der Eindruck ein, dass Leonhardt sehr hartleibig verhandle. Gleichwohl geben BKA-Experten zu bedenken, dass beim Poker mit den somalischen Piraten eine harte Linie der einzige Weg zum Ziel sei. Deshalb beispielsweise habe Leonhardt den Kontakt zwischenzeitlich sogar einschlafen lassen. Wenn man dem Gegenüber zeige, dass man nervös werde, so eine Leitlinie, habe man gleich verloren.

Reeder sichert psychologische Hilfe zu

Leonhardt rief in Hamburg zur Pressekonferenz, um sich selbst gegen die in den letzten Wochen aufgekommene Kritik zu wehren. Die Piraten verurteilte er als "skrupellose Kriminelle", die bei den Verhandlungen vollkommen unzuverlässig gewesen seien. "Viele Aussagen der Gegenseite waren wenige Stunden später schon nichts mehr wert", sagte Leonhardt. Das Feilschen der Gegenseite hat aus seiner Sicht eine Lösung erschwert und viel wertvolle Zeit gekostet. Für Besatzung und Angehörigen müsse es eine "schier unerträglich lange Zeit" und eine "unzumutbare seelische Belastung" gewesen sein.

Der Besatzung versprach Leonhardt, dass sich die Reederei um sie kümmern werde. Entweder sollten sie sich in Mombasa erst ein bisschen erholen oder gleich per Flugzeug in die Heimat fliegen. Wenn psychologische Hilfe benötigt werde, wolle die Reederei auch dafür sorgen.

Vermutlich am Freitagmorgen soll das Schiff in Mombasa ankommen. Von einem deutschen Marineschiff aufgetankt, ist es bereits unterwegs gen Süden. Da jedoch durch die lange Liegezeit vor Harardere am Kiel des Frachters eine dicke Muschelschicht gewachsen ist, kommt die "Stavanger" nur mit etwa fünf Knoten (knapp zehn Kilometer pro Stunde) voran.

Am Dienstagmorgen am Telefon sagte Wladislaw seiner Frau auch, dass er möglichst schnell nach Hause kommen würde. Ob sein Wunsch sich erfüllt, ist indes noch ungewiss. "Er hat gesagt, dass sie jetzt erst noch einen Hafen ansteuern, vielleicht nehmen sie sogar neue Ladung auf", sagt Natalia, "es könnte ein bis zwei Wochen dauern, bis er wieder in Russland ist."

Moderne Piraten - Gefahr am Horn von Afrika
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Maschinengewehre statt Enterhaken
Fernab aller Seeräuberromantik ist die moderne Piraterie eine Form der organisierten Kriminalität. Nach dem Seerechtsübereinkommen von 1982 gelten als Piraterie räuberische oder erpresserische Überfälle auf Schiffe auf hoher See. Angriffe innerhalb nationaler Hoheitsgewässer werden als Strandpiraterie bezeichnet.

Am gefährlichsten sind die Gewässer vor Afrika. Somalia, Nigeria und Tansania sind Schwerpunkte der Angriffe. Vor der Küste Somalias operieren Piraten oft von Mutterschiffen aus, von denen sie auf pfeilschnellen Booten mit Maschinenpistolen und Panzerfäusten bewaffnet zu Raubzügen aufbrechen. Die gekaperten Schiffe werden dann vor die Küste gebracht.
Piratennest Puntland
Puntland ist eine Region am Horn von Afrika, rund 212.000 Quadratkilometern groß, 2,4 Millionen Einwohner. Vor zehn Jahren erklärte sich der trockene Landstrich zum autonomen Teilstaat von Somalia. Tonangebend sind die Stammesstrukturen der Darod, die dort ihr Hauptsiedlungsgebiet haben. Zwei Drittel der Menschen hier sind Nomaden, nahezu alle sunnitische Muslime. Einst lebten sie vom Fischfang vor der 1300 Kilometer langen Küste am Indischen Ozean sowie der Zucht von Kamelen, Schafen und Ziegen.

Gemessen an somalischen Verhältnissen galt die Region bisher als stabil, nach Selbstmordanschlägen auf Regierungsgebäude im Oktober wird aber befürchtet, islamistische Terroristen könnten auch im Puntland Fuß fassen. Inzwischen herrscht auch hier weitgehende Gesetzlosigkeit. Kriminelle Banden verdienten viel Geld mit dem Schmuggel von Flüchtlingen aus Somalia und Äthiopien auf die arabische Halbinsel. Dazu kommen Piratenüberfälle. Die Machthaber von Puntland wurden wiederholt beschuldigt, die Piraten zu unterstützen und einen Teil des Lösegeldes für Schiffe und Besatzungsmitglieder selbst zu kassieren.
Stützpunkte
Das berüchtigtste Piratennest ist Eyl. Gegenwärtig haben Piraten laut Amnesty International nahe der Küstenstadt mehr als 130 Menschen als Geiseln genommen. Insgesamt befinden sich in der Region noch knapp 250 Seeleute und Dutzende Schiffe in der Gewalt der Piraten. Verhandlungen über Lösegeld laufen vielfach.
Lukratives Geschäft
Piraterie in somalischen Gewässern hat sich in den vergangenen Jahren zu einem lukrativen Geschäftszweig ausgeweitet: Erfolgreiche Entführungen bringen nach Schätzungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung Lösegelder in Höhe von einer bis fünf Millionen US-Dollar. Der fast 20 Jahren tobende Bürgerkrieg und die damit einhergehende Verarmung und Militarisierung Somalias haben den Angriffen den Nährboden bereitet.
Zunehmende Entführungen
Somalischen Piraten gelingt es immer häufiger, Schiffe in ihre Gewalt zu bringen. Einem Anfang November veröffentlichten Uno-Bericht zufolge wurden trotz des Einsatzes der internationalen Flotte vor der Küste Somalias in den ersten neun Monaten 2011 37 Schiffe gekapert - im Vorjahreszeitraum waren es noch 33.

Es sei "erschreckend", dass die Piraten mittlerweile 438 Besatzungsmitglieder und Passagiere sowie 20 Schiffe in ihrer Gewalt hätten, sagte der Uno-Untergeneralsekretär B. Lynn Pascoe. Es müsse mehr getan werden, um die Ursachen von Raubüberfälle und Entführungen zu beseitigen.

Doch noch ist von einer Lösung keine Spur, im Gegenteil: Die Angriffe werden brutaler. Am 7. November 2011 erschossen somalische Piraten einen Mann, der die von ihnen gekaperte Yacht nicht verlassen wollte. Die anderen Geiseln - darunter eine Frau und ein Junge - wurden Augenzeugen zufolge an Land gebracht. Bislang kam die Tötung von Geiseln selten vor.
Folgen für Reedereien
Die zunehmenden Angriffe haben die Einfahrt ins Rote Meer bereits so unsicher gemacht, dass erste Reedereien Schiffe nicht mehr von dort durch den Suez-Kanal, sondern auf die weit längere Route um das Kap der Guten Hoffnung schicken. So sollen extrem hohe Versicherungsprämien wegen des Piraten-Risikos oder Kosten für eigene Sicherheitsmannschaften an Bord vermieden werden.

Britische Reedereien und Versicherer haben die Idee einer Privatarmee erneut in die öffentliche Diskussion gebracht.
Anti-Piraten-Missionen
Internationale Streitkräfte versuchen im Rahmen der NATO-Mission "Ocean Shield" und der EU-Mission "Atalanta", die Piraterie zu bekämpfen. Doch während die Kriegsschiffe im besonders gefährdeten Golf von Aden zwischen Somalia und Jemen patrouillieren, haben die Seeräuber ihren Aktionsradius zunehmend auf den Indischen Ozean verlagert. Manchmal gelingen allerdings auch Erfolge: Im April 2010 konnte die niederländische Fregatte "Tromp" den deutschen Frachter "Taipan" aus der Hand von Piraten befreien.

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