Drama um Sgrena Keine Geldkoffer mehr für die Terroristen

Der Fall Sgrena drohte zu einer schweren italienisch-amerikanischen Krise zu eskalieren. Inzwischen bemühen sich beide Seiten um Schadensbegrenzung: Die USA akzeptieren eine gemeinsame Untersuchungskommission, Ministerpräsident Berlusconi will im Gegenzug künftig darauf verzichten, Geiseln freizukaufen.


Sarg mit Caliparis Leichnam: Per Du mit Berlusconi
AP

Sarg mit Caliparis Leichnam: Per Du mit Berlusconi

Rom - Einen Moment lang schien es, als sei einer Handvoll Rekruten der 3. US-Gebirgsjäger-Infanteriedivision gelungen, was allen Terroristen bisher nicht glückte: Italien zu einen gegen die USA. Nach dem unglücklichen Tod des Polizisten Nicola Calipari fand sich die Linke zum ersten Mal vor dem "Altar des Vaterlandes" ein, dem verachteten und verspotteten Monument des Vittorio Emmanuele. Einen "guten Politiker" nannte der Neokommunist Fausto Bertinotti seinen Regierungschef, als Silvio Berlusconi im ersten Wutanfall den US-Botschafter einbestellt hatte. Nebeneinander saßen ehemalige Neofaschisten und Maoisten beim Staatsakt. "Du hast uns das Vaterland zurückgegeben", sagte Giani Letta, Berlusconis graue Eminenz.

Nicola Calipari ist ein Nationalheld. Und Italien ein Land, das Helden bitter nötig hat. Eine verunsicherte Nation, in der eine Regierungspartei die Zerschlagung der Nation fordert, und der Premierminister als oberster Diener des Staates mit großem Erfolg für nichts anderes als den eigenen Vorteil eintritt - ein solches Land entdeckt, dass es noch Beamte gibt, die bis zum letzten Atemzug ihre Pflicht tun, mehr als ihre Pflicht.

Doch bereits als die Nation zusammen in der Basilika Santa Maria degli Angeli saß, waren die Gräben wieder aufgerissen - unabhängig von den Ermittlungen über die genauen Umstände der Schießerei. Mitschuld daran waren Äußerungen einer verwundeten, traumatisierten Frau, die gerade der Hölle entkommen war und sich zu Sätzen verleiten ließ wie: "Ich habe immer den zivilen Widerstand im Irak unterstützt. Aber im Krieg kann ich verstehen, dass man zu diesen Exzessen gelangt." Damit meinte sie die eigene Entführung.

Inzwischen ist von Hinterhalt und absichtlicher Erschießung nicht mehr die Rede: "Ich habe nie gesagt, dass die Amerikaner mich töten wollten", sagte Sgrena gestern Abend im Fernsehen. "Ich habe nur gesagt, dass das, was geschehen ist, die Dynamik eines Hinterhalts hatte."

Berlusconi soll außer sich gewesen sein

Außenminister Gianfranco Fini kündigte gestern im Parlament eine gemeinsame Untersuchungskommission an: Ein italienischer General werde dem US-Chefermittler Peter Vangjel zur Seite gestellt. Strittig ist immer noch, weshalb die US-Patrouille nicht von der Ankunft der Italiener informiert worden war. CNN hat gemeldet, die Patrouille sei unterwegs gewesen, weil der neue US-Botschafter in Bagdad, John Negroponte, erwartet wurde. Fini erklärte wiederholt, Calipari habe "alle nötigen Kontakte" zu den Amerikanern gemacht. Allerdings sei nicht mitgeteilt worden, wer sich in dem Wagen befand.

Sgrena: Kein Hinweis auf den "Feuersturm"
EPA/DPA

Sgrena: Kein Hinweis auf den "Feuersturm"

Erste Fotos des Toyotas lassen einige Einschüsse in Vorderreifen und Frontscheibe erkennen, kein Hinweis auf den "Feuersturm", an den Giuliana Sgrena sich erinnert. Der Motorblock, auf den nach den "Rules of Engagement" zunächst hätte geschossen werden müssen, scheint allerdings unversehrt.

Völlig unklar ist, mit welcher Geschwindigkeit sich der Wagen den Posten näherte. Die Amerikaner sprechen von "etwa 80 Stundenkilometern". Fini sagte gestern, das Auto fuhr mit "nicht mehr als 40 Stundenkilometern. Niemand hat ein Zeichen zum Anhalten gegeben".

Zur Debatte stehen jetzt die Einsatzregeln für die Soldaten an den Checkpoints. John F. Burns, der erfahrene Irak-Reporter der "New York Times", schreibt von täglichen Zwischenfällen, bei denen irakische Zivilisten und Mitarbeiter westlicher Firmen vor Checkpoints unter Feuer geraten: "Amerikanische Soldaten haben das Recht jederzeit zu schießen, sobald sie Grund zur Annahme haben, dass sie oder andere in ihrer Einheit von Selbstmordattentätern oder Angriffen der Aufständischen bedroht sind." Der Befehlshaber der Koalitionstruppen im Irak, General George Casey, kündigte gestern an, die "Rules of Engagement" für die Checkpoints zu überarbeiten.

Berlusconi soll außer sich gewesen sein, als er vom Tod eines seiner besten Beamten erfuhr. Nicola Calipari und der Premierminister waren per Du miteinander. Er sei es leid, heisst es, "dass die Leichtfertigkeit von jemandem, der sich gegen jede Vorsicht im Irak bewegt, von denen bezahlt wird, die damit nichts zu tun haben, wie der arme Calipari".

Doch schmerzhafter ist die Frage, weshalb Nicola Calipari hinter dem Rücken der Amerikaner operieren musste. Weshalb er die letzte Phase einer hochgefährlichen Unternehmung mit einem gewöhnlichen Mietwagen angehen musste, statt von den Amerikanern einen Hubschrauber zu ordern, und weshalb er das Risiko auf sich nahm, bei völliger Dunkelheit über die gefährlichste Straße Bagdads zu fahren, statt in der italienischen Botschaft den Morgen abzuwarten. In Frage steht die bisherige Politik der italienischen Regierung im Umgang mit Geiselnehmern.

"Kollektive Heuchelei"

In der "Repubblica" spricht Giuseppe d'Avanzo von "kollektiver Heuchelei" und wirft seinem Land vor, Mitschuld am Tod seines Helden zu tragen: "Die irakischen Banditen wissen gut, dass Italien ein gefühlsgesteuertes und fragiles Land ist, das sich leicht mobilisieren lässt. Wir haben gezahlt, um (die entführten Bodyguards) Agliani, Cupertino und Stefio zurückzubekommen. Wir haben gezahlt, um die beiden Simones zu retten. Wir haben gezahlt, um (dem ermordeten) Fabrizio Quattrocchi ein Begräbnis geben zu können. Die Italiener zahlen. Das ist unsere Maxime, sie ist eine Katastrophe in einem Land, wo die Sicherheit für alle Westler problematisch ist."

Kaum war die Sgrena in den Händen der Entführer, schon wurde von Verhandlungen gesprochen. Und Verhandlungen bedeuten im Lande Berlusconis: Kaufverhandlungen. Das Gerücht, es seien zwischen sechs und acht Millionen Euro an die Terroristen bezahlt worden, ist bislang weder bestätigt noch dementiert worden.

In den letzten Monaten sollen einige Millionen Euro auf diese Weise von Rom an den irakischen Widerstand gegangen sein. Mit einer Million Dollar können auf dem irakischen Schwarzmarkt 16.660 Granatwerfer, tausend Mörser oder 250 Kilo Plastiksprengstoff gekauft werden, so ein Sprecher der "Heritage Foundation".

Aus dem Palazzo Chigi, dem Sitz des Premiers, wird berichtet, Berlusconi habe sich mit dem US-Botschafter Sembler geeinigt, in Zukunft nicht mehr auf Verhandlungen zu setzen: "Es ist nicht mehr möglich, dass die irakische Guerilla in Dubai Raketen-Shopping macht mit Sondermitteln der italienischen Regierung", zitiert der "Corriere" einen Beamten. Der politische Preis für die gemeinsame Untersuchungskommission sei gewesen, in Zukunft die Geldkoffer verschlossen zu halten.



© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.