Drei Monate Bush junior Die Fratze des hässlichen Amerikaners

Raubeiniges Großmachtgehabe, Raubbau an der Natur, Flirt mit den Abtreibungsgegnern: US-Präsident George W. Bush treibt in Schwindel erregendem Tempo die konservative Revolution voran - und bringt damit Amerikaner und Verbündete gegen sich auf.

Als George W. Bush am 13. Dezember nach der umstrittensten Präsidenten-Wahl der US-Geschichte zu seinem Volk sprach, befriedete er die gespaltene Nation mit einem großen Versprechen: "Ob Sie mich gewählt haben oder nicht, ich werde mein Bestes geben, um Ihre Interessen zu vertreten und mir Ihren Respekt zu verdienen."

Nach drei Monaten im Amt hat sich diese Versprechung bisher nur für einen Teil des Landes erfüllt: für die Konzerne der Old Economy. Vom ersten Tag an zahlte Bush in einem beispiellosen Akt von Gefälligkeitspolitik diejenigen aus, die ihn mit ihren geöffneten Geldbeuteln ins Oval Office gehievt hatten.

Die Ölindustrie wird im Naturpark Alaskas bohren dürfen, für die Holzfäller will Bush geschützten Staatswald öffnen, den Rüstungsproduzenten beschert er ein gigantisches Raketenabwehrprogramm. Die erlaubte Arsenmenge im Trinkwasser wurde erhöht, ein Gesetz zum Schutz am Arbeitsplatz einkassiert, und Bushs Vorstoß, den Kohlendioxid-Ausstoß zu vermindern, starb nach großspuriger Ankündigung in der Schublade. "Das Geschäft der Bushs ist das Geschäft", kommentierte die "New York Times".

Erfüllungsgehilfe der Industrie

Sogar den Amerikanern wird schwindlig bei dem Tempo, in dem sich der mächtigste Mann der Welt als Marionette der Wirtschaft entpuppt. Nach einer Umfrage der "Washington Post" Anfang April glaubten 61 Prozent, dass sich Bush mehr für den Schutz der Industrie-Interessen einsetzt als für die Belange des Durchschnittsbürgers. Diese Wahrnehmung deckt sich mit jener der Konservativen. Die rechtsgerichtete Heritage-Foundation bejubelt das Bush-Team als "reaganhaftiger als Reagan", und der Chefstratege Grover Norquist sagt: "In dieser Administration gibt es kein 'die' und 'wir'. Die sind wir. Wir sind die."

Mit Sorge beobachtet das Ausland den Backlash in den USA. Denn besonnene Stimmen des erzkonservativen Kabinetts, etwa Außenminister Colin Powell, haben kaum eine Chance gegen die kampferprobten Falken um Vizepräsident Dick Cheney und Verteidigungsminister Donald Rumsfeld.

In Rekordzeit brachte die Regierung Bush das Ausland durch raubeiniges Großmachtgehabe gegen sich auf. Die Fratze des hässlichen Amerikaners kam zum Vorschein: erst die Bomben auf Bagdad, dann abfällige Äußerungen über Russland und den Rausschmiss von Spionen. Clintons Steckenpferd, die Friedensdialoge mit den Palästinensern und den Iren, wurde auf Eis gelegt.

Bush contra Kyoto

Es folgte der heftig kritisierte Ausstieg aus dem Kyoto-Klimaabkommen mit der lapidaren Begründung: Das sei schlecht für die US-Wirtschaft. Damit war das Signal gesetzt: Gemacht wird nur noch, was Amerika dient. Um die geplante Aufrüstung, mit der die Bushs den Wirtschaftsabschwung bremsen wollen, zu rechtfertigen, zauberte Bush sogar den Kalten Krieg wieder aus dem Hut. Ehemalige Ostblockstaaten gelten nun nicht mehr als strategische Partner, sondern sind ab sofort Konkurrenten oder gar potenzielle Aggressoren.

In diesem Sinne brüskierte er den südkoreanischen Staatschef Kim Dae Jung bei dessen Antrittsbesuch mit der Eröffnung, dass die USA die Gespräche mit Nordkorea nicht weiterführen werden. Dafür bekommt Taiwan weiterhin Waffen, ob Peking will oder nicht, teilte Bush dem chinesischen Vizepräsident Qian Qichen mit.

In der Affäre um das in China notgelandete amerikanische Spionageflugzeug schließlich manövrierte Bush die USA auf einem ebenso arroganten wie dilettantischen Schlingerkurs haarscharf an einer Krise vorbei - erst unverschämt, dann einlenkend, nach Freigabe der Crew wieder unverschämt.

Angetreten war der Präsidentensohn mit seiner Idee vom "mitfühlenden Konservatismus". Damit wollte er die politischen Gräben in Washington zuschütten. Tatsächlich aber verhärten sich allerorten die Fronten, auch daheim. Schon hat der Gewerkschaftsbund zum "Fußkrieg" aufgerufen, die Umweltverbände sind auf den Barrikaden, ebenso die Frauen, die angesichts des erzkonservativen Justizministers John Ashcroft um das Recht auf Abtreibung fürchten.

Demokraten machen Front

Mit Verspätung mobilisieren die Demokraten, die sich anfänglich vom Charme des Texaners haben einlullen lassen, alle Kräfte. Trotz republikanischer Mehrheit im Abgeordnetenhaus und einer Pattsituation im Senat gelang es ihnen, die beiden Hauptvorhaben von Bush zu torpedieren. Sein Paket zur Steuersenkung wurde von 1,6 auf 1,2 Billionen Dollar zurückgestutzt und seine große Bildungsreform mächtig gerupft.

Auffällig war dabei, wie eigentümlich unbeteiligt Bush diese Niederlagen einfuhr. Eine Kreuzzugsmentalität wie Ronald Reagan, der unerbittlich das Reich des Bösen beschwor, geht dem 54-Jährigen ab. Er machte nicht einmal Anstalten, sein Bildungsprogramm zu retten. Während Bill Clinton überliefertermaßen selbst in intimsten Situationen noch mit Senatoren telefonierte, griff Bush nicht einmal zum Hörer, um den abtrünnigen Senator James Jeffords für seinen Steuerplan zu gewinnen. Wofür, so fragt man sich in den USA bange, steigt dieser Mann in den Ring?

Fest steht: Bush ist kein Getriebener wie Clinton. Punkt 6 Uhr abends lässt der mächtigste Mann der Welt den Griffel fallen und geht in den Feierabend. Zum Zeitpunkt des Bombenangriffs auf Bagdad war er auf Reisen. Als ein Verrückter um 11 Uhr vormittags nahe dem Weißen Haus eine Waffe zückte, war Bush im Fitness-Center. Als die Crew des in China notgelandeten Spionageflugzeugs mit Pauken und Trompeten in Gottes eigenem Land empfangen wurde, suchte ihr Boss Ostereier auf seiner Ranch in Texas.

Bushs Lachnummern

Die jüngsten Rassenunruhen in Cincinnati überließ er delikaterweise Justizminister Ashcroft. Keinen fürchten die Afro-Amerikaner mehr. Bush scheut den Stress und das Rampenlicht - aus gutem Grund. Denn ohne akribische Vorbereitung und Teleprompter verkommen seine Auftritte meist zur Lachnummer. Seine peinlichen Versprecher und klaffenden Wissenslücken sind ein steter Quell der Freude für Late-Night-Talker.

Vielen Amerikanern allerdings ist das Lachen längst vergangen, und der Widerstand wächst. Neben Gewerkschaften, Umweltschützern und der politischen Linken machen selbst konservative Kräfte zunehmend mobil gegen die rücksichtslose Bush-Politik. So stellte das Council on Foreign Relations, ein hochkarätiger Think-Tank für Außenpolitik, eine unabhängige Einsatzgruppe aus 30 Spezialisten zusammen, die dem Präsidenten in einem Brief baten, die Zusammenarbeit mit Nordkorea nicht aufzukündigen.

Der Widerstand wächst

Reiche Amerikaner wie Großspekulant George Soros sprachen sich in ganzseitigen Anzeigen gegen Bushs unanständige Steuerkürzungen für Reiche aus. Zahlreiche Kirchen widersetzen sich Bushs Plan, dass sie die sozialen Aufgaben des Staates übernehmen sollen.

Lange wird es nicht mehr dauern, so glauben Beobachter, bis sich die wirtschaftlich und politisch einflussreiche Avantgarde an der West- und Ostküste gegen die Wild-West-Manieren ihrer Regierung zur Wehr setzten. Der Hebel liegt bereit: 2002 wird ein Teil des Senats neu gewählt: 20 republikanische und 13 demokratische Sitze sind zu vergeben. Spätestens dann könnten die Karten neu gemischt werden.