"Eiskalte militärische Eskalation" Uno-Sicherheitsrat berät über Aleppo

Der Uno-Sicherheitsrat berät auf einer Sondersitzung über die dramatische Lage in Aleppo. Generalsekretär Ban ist "entsetzt über die eiskalte militärische Eskalation" - eine Lösung aber scheint unmöglich.

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Die Wasserversorgung in Aleppo ist zusammengebrochen, ebenso die medizinische Versorgung und die Strukturen der zivilen Hilfsorganisationen. Jetzt beschäftigt sich die Uno mit der verheerenden Lage in der syrischen Stadt. Noch am Sonntag wird der Uno-Sicherheitsrat in New York zu Beratungen über die Luftangriffe gegen Aleppo zusammenkommen. Das Treffen hatten Großbritannien, die USA und Frankreich noch in der Nacht beantragt.

Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon hatte sich zuvor "entsetzt über die eiskalte militärische Eskalation" in Aleppo geäußert. Besonders scharf reagierte er auf Berichte, wonach die syrische Luftwaffe bei ihrer Offensive gegen die von Rebellen kontrollierten Stadtteile sogenannte bunkerbrechende Bomben einsetzt. Sie lassen mehrstöckige Gebäude wie Kartenhäuser zusammenfallen und zerstören selbst Keller. Der systematische Einsatz derartiger Waffen in dichtbesiedelten Gebieten käme einem Kriegsverbrechen gleich, sagte Ban.

Stadtviertel in Aleppo (Foto von den Weißhelmen)
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Stadtviertel in Aleppo (Foto von den Weißhelmen)

Nach dem Abbruch der Waffenruhe Anfang der Woche hatte die Regierung in Damaskus die Luftangriffe auf die von Rebellen kontrollierten Teile der Stadt verschärft. Damit soll eine Bodenoffensive vorbereit werden, mit der die syrische Armee die seit 2012 zwischen Rebellen und Regierungstruppen geteilte Stadt vollständig zurückerobern will. Syriens Außenminister Walid Muallem verteidigte das Vorgehen der Regierungstruppen. Die Regierung glaube an einen Sieg, insbesondere, seit seine Truppen mit der Unterstützung durch Russland, Iran und die libanesische Hisbollah-Miliz große Fortschritte mache.

In einer gemeinsamen Erklärung der Außenminister der USA, Deutschlands, Frankreichs, Großbritanniens und Italiens sowie der EU-Außenbeauftragten hieß es, es sei "an Russland zu beweisen, dass es willens und fähig ist, außergewöhnliche Schritte zu ergreifen", um eine neue Waffenruhe in Syrien zu retten.

"Schlimmste humanitäre Tragödie seit dem Zweiten Weltkrieg"

Die schweren Bombardements bedeuten laut Uno-Syrienvermittler Staffan de Mistura "eine Rückkehr zum offenen Konflikt". Aus seiner Sicht sei es die schlimmste humanitäre Tragödie seit dem Zweiten Weltkrieg, sagte de Mistura dem arabischen Sender "Al Jazeera".

Raketen seien am Samstag auf mindestens 13 Bezirke im heftig umkämpften Ostteil niedergegangen, teilte die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte mit. Mindestens 32 Menschen seien dabei gestorben. Die Rettungshelfer der Weißhelme berichteten von mehr als 50 Toten und Hunderten Verletzten.

Stadtviertel von Aleppo nach Bombardement
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Stadtviertel von Aleppo nach Bombardement

Die wenigen noch arbeitsfähigen Krankenhäuser Aleppos seien mit den vielen Verwundeten überfordert. Es fehle an medizinischer Ausrüstung und Personal, wegen fehlender Betten lägen viele Verletzte vor Schmerzen wimmernd auf dem Boden. Krankenwagen können die Straßen wegen fehlender Beleuchtung und Treibstoffmangels kaum passieren, Trümmerberge versperren oftmals den Weg.

Syrischer Junge nach Angriff im Hospital
AFP

Syrischer Junge nach Angriff im Hospital

Für Hunderttausende Menschen in der gesamten Stadt gibt es laut Unicef nach dem Angriff auf ein Pumpwerk und der Abschaltung einer weiteren Einrichtung zudem kein fließendes Wasser.

Frustration nach dem vorläufigen Scheitern der diplomatischen Bemühungen in New York war auch Uno-Vermittler de Mistura anzumerken: "Ich bin nun 46 Jahre bei den Vereinten Nationen, 19 Kriege inklusive Afghanistan und den Balkan, was kompliziert genug war. Ich habe niemals so viele Parteien mit so vielen unterschiedlichen Zielen gesehen wie in diesem Konflikt", sagte er "Al Jazeera".

"Was als friedlicher Aufstand begann und sich dann zu einer gewaltsamen Unterdrückung wendete und danach zu einer Militarisierung sowohl des Aufstandes als auch der Unterdrückung, wurde ein regionaler Stellvertreterkrieg und danach ein konkurrierender internationaler Einsatz. Das ist das größte Problem in diesem Konflikt", sagte er.

In der zentralsyrischen Stadt Homs erreichte unterdessen ein Hilfskonvoi mit 36 Lastwagen den Bezirk Al-Waer. Nach einem Abkommen zwischen Regierung und Rebellen hatten Hunderte Aufständische das belagerte Al-Waer Anfang der Woche verlassen. Die Lieferung, an der auch die Vereinten Nationen beteiligt waren, enthielt dem Internationalen Roten Kreuz zufolge Nahrung, Medizin und Wasser für 75.000 Menschen.

nck/Reuters/AFP/dpa

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