Drogenabhängige in Russland Leben mit der Sucht

Russland zählt zu den größten Heroinmärkten der Welt, die Zahl der Abhängigen steigt. Der Fotograf Aleksandr Martynov hat Süchtige mit der Kamera begleitet.

Aleksandr Martynov

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Sergej sucht nach einer Vene, in die er das Heroin spritzen kann, tastet seinen Arm ab, er sagt: "Mach deine Fotos."

Sergej, 38, ist seit mehr als 20 Jahren abhängig. Er hat einige Entzüge hinter sich und ist jedes Mal rückfällig geworden. Sergej ist einer von mehreren Abhängigen, die der Fotograf Aleksandr Martynov getroffen und fotografiert hat, deren Geschichten er gehört hat.

1,3 Millionen Menschen in Russland injizieren sich regelmäßig Drogen, davon gehen die Autoren des Uno-Drogenreports aus, bezogen auf das Jahr 2016. Russland führt eine repressive Drogenpolitik. Wer Rauschgift für den persönlichen Gebrauch kauft, wird strafrechtlich verfolgt. Fast jeder vierte Gefangene in Russland sitzt wegen Drogendelikten ein, jedes Jahr landen dafür gut 40.000 Russen hinter Gittern - die meisten von ihnen sind nicht Verkäufer, sondern Konsumenten.

Fotograf Martynov traf Sergej in seiner Wohnung. Als "Rauschgiftkammer" beschreibt er die Räume. An den Wänden fehle Tapete, Risse zögen sich über die Decken. Als der Fotograf ankam, hatte sich Sergej den ersten Schuss des Tages schon gesetzt.

Der Fotograf hat auch Mitja und Julia begleitet, ein drogenabhängiges Paar, beide außerdem HIV-positiv. Julia hat einen dreijährigen Sohn, den sie so gut wie möglich von ihrer Sucht abschirmt. Sie will nicht, dass ihn einmal das gleiche Schicksal ereilt wie seine Mutter. Julia ist abhängig, seit sie 22 Jahre alt ist.

Wohnorte und Nachnamen in dieser Geschichte nennt der Fotograf nicht, als Schutz: Die Menschen sollen nicht sofort zu identifizieren sein. Denn mit einer Drogensucht gehen in Russland oft Stigmatisierung und soziale Ausgrenzung einher.

Es sind Geschichten von Menschen, die bis heute auf die entscheidende Hilfe warten, die ihnen zu einem Leben ohne Drogen verhilft. "Es scheint mir", sagt Martynov über die Protagonisten, "dass ihr Leben bereits vorbei ist. Und zwar seit dem Moment, als sie zum ersten Mal Drogen nahmen."

Lesen Sie in der Fotostrecke die Berichte von Sergej, Mitja und Julia:

Fotostrecke

13  Bilder
Drogenabhängige in Russland: "Wie in einer Rauschgiftkammer"
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