Drogenkrieg in Mexiko Land im Blutrausch

Bestialische Morde, hilflose Behörden, verängstigte Menschen: Die Rauschgiftmafia verwandelt Mexiko in ein Krisengebiet. Die Regierung schickt immer mehr Soldaten, pumpt Millionen in den Kampf gegen die Kartelle und hat nun einen Drogenboss ausgeschaltet. Trotzdem scheint der Krieg verloren.

Von


Hamburg - Vier Männer zerrten Alejandro Hernández und die anderen Journalisten in einen Wagen. Sie wurden geschlagen und bedroht. Jeden Tag, jede Nacht. Fünf Tage lang hielten sie die Männer fest, das war Ende Juli. "Wir hatten immer das Gefühl, dass wir im nächsten Moment sterben könnten", sagte Hernández nach seiner Befreiung. Er hatte blutige Wunden am Kopf und im Gesicht. Doch er hatte Glück: Viele Reporter, die über die Drogenmafia berichteten, leben nicht mehr.

Seit vier Jahren führt Mexikos Präsident Felipe Calderón einen harten Kampf gegen die Kartelle - doch der Krieg der Rauschgiftmafia wird immer brutaler. Mehr als 28.000 Menschen sind seit Calderóns Amtsantritt getötet worden. Konservativen Schätzungen zufolge sterben jeden Tag 18 Menschen. "Die Gewalt eskaliert", gab Calderón am Montag zu.

Die rivalisierenden Kartelle verüben grausame Morde: Allein im Juli fand die Polizei mehr als 50 teils verbrannte und gefolterte Körper in einem Massengrab - und wenige Tage später acht abgetrennte Köpfe. Die Gewalt eskaliert nicht nur im heißen, staubigen Norden des Landes, sondern auch in Touristenzentren wie Acapulco und in der Industriestadt Monterrey.

Fotostrecke

19  Bilder
Mexiko: Opfer und Täter im Drogenkrieg
Getötet werden längst nicht nur Drogenhändler, sondern auch Unbeteiligte - Studenten, Schüler, Mitarbeiter eines US-Konsulats. Das amerikanische Außenministerium veröffentlichte vor zwei Wochen eine neue Reisewarnung. Viele Bürger blieben bei den Regionalwahlen Anfang Juli aus Angst zu Hause. Die "Narcos" hatten Politiker bedroht - und einen Bürgermeister und einen Gouverneurskandidaten ermordet.

Mexikos Präsident setzt auf Härte: Er schickt immer mehr Militär in die umkämpften Gebiete im Norden, die Zahl ist auf 50.000 Soldaten und Polizisten angewachsen. Zehntausende Hektar Schlafmohn und Marihuanafelder wurden vernichtet. Wichtige Drogenbosse wurden festgenommen oder getötet, zuletzt einer von drei Anführern des mächtigen Sinaloa-Kartells.

Doch das ist nur eine gewonnene Schlacht. Die Kartelle töten weiter, die Zahl der Morde steigt.

Der Aufstieg der Rauschgiftbanden in Mexiko begann in den achtziger Jahren. Damals operierten sie noch weitgehend unbehelligt vom Staat - geduldet von Politikern der mehr als 70 Jahre herrschenden Partei PRI, die teilweise auch in die Machenschaften verstrickt waren. Die kolumbianischen Kartelle wurden schwächer, die mexikanischen profitierten davon.

Das Nordamerikanische Freihandelsabkommen (Nafta) vereinfachte zudem seit 1994 den Güteraustausch zwischen den USA und Mexiko - und den Schmuggel. Es ist ein lukratives Geschäft: Die Gewinnmarge liegt Experten zufolge bei 80 Prozent. "Beim Grenzübertritt erhöht sich der Wert jedes Kilogramms Kokain um mehrere tausend US-Dollar", erklärt Karl-Dieter Hoffmann, Geschäftsführer des Zentralinstituts für Lateinamerika-Studien an der Katholischen Universität Eichstätt.

Bis vor wenigen Jahren konnten die mexikanischen Kartelle ihren Anteil am Kokainschmuggel in die USA steigern. Nun liegt er bei geschätzten 90 Prozent, mehr geht kaum - und die Kartelle kämpfen untereinander um Marktanteile.

Kleinere Kartelle fordern zudem die großen heraus. So spaltete sich etwa die Gruppe "Los Zetas" vom Golf-Kartell ab: desertierte Elitesoldaten der mexikanischen Armee, die als sehr brutal gelten. Bei YouTube veröffentlichen sie Videos, auf denen sie Gefangene foltern - oder Menschen enthaupten. Rivalisierende Kartelle haben ähnliche Trupps gegründet.

Der Kampf wird befeuert durch mehr Geld und bessere Waffen. Seit Mexiko immer mehr Soldaten schickt, seit die USA immer mehr High-Tech und Sicherheitskräfte einsetzen, ist der Schmuggel gefährlicher geworden. Die Rauschgiftmafia rüstet auf - mit Sturmgewehren, Pistolen und gepanzerten Wagen. Oftmals wird das durch die laxen amerikanischen Gesetze begünstigt: 90 Prozent der Waffen, die im Drogenkrieg sichergestellt werden, lassen sich auf Händler in den USA zurückverfolgen.

Und auf Operationen des Militärs - wie zuletzt gegen den Boss des Sinaloa-Kartells - folgen oft blutige Vergeltungsaktionen. Nachdem Hunderte Mitglieder der Organisation "La Familia Michoacana" im Herbst 2009 festgenommen wurden, rächte sich die Organisation: Zahlreiche Polizisten und Soldaten wurden angegriffen und erschossen.

Calderóns Strategie sei gescheitert, werfen ihm Kritiker vor - auch weil es ernste Vorwürfe gegen das Militär gibt. Amnesty International bemängelt, dass es 2009 viele Berichte über schwere Menschenrechtsverletzungen gegeben habe, die von Soldaten begangen wurden - dazu gehörten demnach "außergerichtliche Hinrichtungen und andere widerrechtliche Tötungen, 'Verschwindenlassen', Folter und andere Misshandlungen sowie willkürliche Festnahmen".

"Die Menschen fühlen sich verfolgt vom Militär. Die Truppe hier zu haben, bedeutet auch Vergewaltigungen und Morde", sagt auch der mexikanische Schriftsteller Élmer Mendoza, der in seinen Kriminalromanen die Welt des Drogenhandels schildert. "Die Straßen sind voll mit Soldaten und Waffen, aber die Gewalt ist nicht weniger geworden."

Doch was ist die Lösung für diesen Krieg? Sich mit den Gangstern arrangieren? Die Grenzstädte verloren geben?

Lateinamerikanische Politiker fordern die Freigabe von Drogen - schließlich habe auch die Militäroffensive nicht dazu geführt, dass der Konsum in den USA verringert wurde. Und die Kartelle verdienen gut an den illegalen Substanzen. Drei angesehene Ex-Präsidenten plädierten Anfang des Jahres für die "Entkriminalisierung der Drogen". So forderten der Brasilianer Fernando Henrique Cardoso, der Mexikaner Ernesto Zedillo und der Kolumbianer César Gaviria, Rauschgift kontrolliert freizugeben.

Fotostrecke

11  Bilder
Grafiken: Fakten zum globalen Drogenkrieg

"Tut etwas, um Gottes willen, tut etwas", schleuderte eine Mutter den Soldaten entgegen, nachdem ihr Sohn im Februar bei einer Geburtstagsfeier getötet wurde. "Lasst nicht zu, dass sie unsere Kinder ermorden, ohne dafür bestraft zu werden." Doch die Täter werden oft nicht zur Verantwortung gezogen. Den kriminellen Organisationen stehen schwache Strafverfolgungsbehörden gegenüber, meint Shannon O'Neil, Expertin für Mexiko beim Council on Foreign Relations. "Ohne fähige und unbestechliche Gerichte und Polizisten kann dieser Kampf nicht gewonnen werden", schreibt sie und fordert daher: Polizisten bräuchten umfassendes Training, bessere Ausrüstung und höhere Gehälter.

"Die meisten Helfer und Komplizen besitzen die Drogenkartelle in den Reihen der ohnehin als notorisch korrupt geltenden Polizei", glaubt auch Lateinamerika-Experte Hoffmann. Nicht selten agierten ganze Einheiten der lokalen Polizei als "Augen und Ohren des jeweils tonangebenden Kartells": "Dies ist nur möglich, weil auch deren Vorgesetzte auf den Gehaltslisten der Bosse stehen."

Wie sehr die "Narcos" viele Bereiche der Gesellschaft kontrollieren, zeigt sich an einem Fall, der Mexiko vor wenigen Wochen erschütterte: Eine Gefängnisdirektorin ließ zu, dass eine Verbrecherorganisation Häftlinge rekrutierte und zu nächtlichen Mordtaten losschickte. Waffen und Fahrzeuge erhielten sie von der Haftanstalt. Die Häftlinge töteten in den vergangenen fünf Monaten wahrscheinlich 35 Menschen.

Diesen Fall wollten Journalisten untersuchen, Männer wie Alejandro Hernández. Auf dem Weg vom Gefängnis zum Flughafen wurde er verschleppt - weil er die Machenschaften der Verbrecher ans Licht bringen wollte.

insgesamt 1919 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Skandalos, 30.07.2010
1.
Zitat von sysopGrausige Morde, blutige Kämpfe: In Mexiko eskaliert der Drogenkrieg. Tausende Soldaten haben die Grenzregion zu den USA nicht befrieden können. Politiker, Unternehmer, Polizei - viele sind in die Geschäfte der mächtigen Dealer verstrickt. Wie kann das Land der Rauschgiftmafia entkommen?
Durch die Legalisierung von Drogen in den USA. Dort gibts ja eine aktuelle Initiative, die sich großer Unterstützung quer durch alle Parteien erfreut. Prohibition funktioniert einfach nicht.
karmamarga 30.07.2010
2. Wie entkommen?
Zitat von sysopGrausige Morde, blutige Kämpfe: In Mexiko eskaliert der Drogenkrieg. Tausende Soldaten haben die Grenzregion zu den USA nicht befrieden können. Politiker, Unternehmer, Polizei - viele sind in die Geschäfte der mächtigen Dealer verstrickt. Wie kann das Land der Rauschgiftmafia entkommen?
Den Shabab-Milizen das Land schenken. Dann weiss jeder im Land mit wem oder was er es zu tun hat. So wie jetzt geht die Sache endlos weiter.
Ohli 30.07.2010
3. Keine Macht der Drogenmafia
Zitat von sysopGrausige Morde, blutige Kämpfe: In Mexiko eskaliert der Drogenkrieg. Tausende Soldaten haben die Grenzregion zu den USA nicht befrieden können. Politiker, Unternehmer, Polizei - viele sind in die Geschäfte der mächtigen Dealer verstrickt. Wie kann das Land der Rauschgiftmafia entkommen?
Die Abteilung der UN, die sich des Themas Drogen angenommen hat, gibt auf ihren jählich stattfindenden Konferenzen in Wien seit 2 Jahren bekannt, das der "War on Drugs", der hauptsächlich in den 80er Jahren von Ronald Reagan proklamiert wurde, verloren ist. Jahrzehnte in denen Milliarden für die Strafverfolgung ausgegeben wurden, umsonst. Der weltweite illegale Drogenanbau hat sich erhöht, die Verkaufszahlen und der Umsatz haben sich erhöht (geschätzte 500 Milliarden US-Dollar wurden im vergangenen Jahr weltweit mit illegalen Drogen umgesetzt). Weiter so wie bisher, bedeutet weitere Profite für die organisierte Kriminalität, weiter Korruption, weiter mit dem Elend und Leid. Eine drogenfreie Gesellschaft ist eine Illusion, sagte einmal der Drogenbeauftragte der Regierung Kohl, Eduard Lintner. Das Ziel muss eine staatlich regulierte Vergabe aller zur Zeit illegalen Drogen sein. Wie eine erfolgreiche Drogenpolitik aussehen kann, zeigt der "Frankfurter Weg" und deren Projekt mit der Heroinvergabe an schwerstabhängige. Regulierung statt Repression, Akzeptanz und Toleranz, statt Stigmatisierung und Strafverfolgung von Konsumenten. Es wäre auf jeden Fall eimal wünschenswert, wenn man sich sachlich und pragmatisch mit dem Thema Drogen auseinandersetzen würde, statt wie bisher polemisch und emotional. Einen schönen Tag noch, wünscht Ohli
Roller, 30.07.2010
4.
Zitat von sysopGrausige Morde, blutige Kämpfe: In Mexiko eskaliert der Drogenkrieg. Tausende Soldaten haben die Grenzregion zu den USA nicht befrieden können. Politiker, Unternehmer, Polizei - viele sind in die Geschäfte der mächtigen Dealer verstrickt. Wie kann das Land der Rauschgiftmafia entkommen?
Ganz einfach: die Legalisierung aller Drogen.
obi wan 30.07.2010
5. Gegen jede Art von Titeln und Orden!!!!
Keine Ahnung wie Mexiko entkommen kann. Ich kann nur sagen: Sicher nicht durch so politisch vielleicht korrekte aber vollkommen nutzlose Konzepte wie Rauschgift legalisieren, Dialog suchen u.ä. Mal sehen wann hier die Ersten hier auftauchenk, die so etwas als alleiniges Allheilmittel ernsthaft verkaufen wollen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.