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Saudi-Arabien: In der Dschihad-Rehab

Foto: DONNA ABU NASR/ ASSOCIATED PRESS

Saudi-Araber in Syrien Einmal Dschihad-Entzug und zurück

Ahmed al-Schajia ist Saudi-Arabiens bekanntester Terror-Aussteiger: Er überlebte ein Attentat, an dem er beteiligt war, danach schien er sich von den Radikalislamisten abgewandt zu haben. Doch nun kämpft er wieder für sie, diesmal in Syrien.

Riad/Damaskus - Die Narben im Gesicht und an den Händen, denen Finger fehlen, zeugen noch von der Explosion. Denn Ahmed al-Schajia hat den Anschlag überlebt, an dem er selbst mitwirkte. Zwischen acht und zwölf Menschen kamen ums Leben, als die Bombe in seinem Lastwagen zündete - die Angaben über die Todeszahl sind unterschiedlich.

Es war der Weihnachtstag 2004, Ahmed al-Schajia war 19 Jahre alt und hatte sich gerade von Radikalislamisten in den Irak einschleusen lassen. Er lenkte den Lastwagen, als seine zwei Kumpanen, Qaida-Männer, plötzlich aussteigen wollten. "Fahr schon mal und warte da vorne. Wir kommen gleich nach." Schajia rollte weiter, in Richtung der jordanischen Botschaft. Dann plötzlich Dunkelheit. Die Bombe wurde aus der Ferne gezündet.

Schajia sagt, er habe sich al-Qaida im Irak angeschlossen, um für die Radikalislamisten zu kämpfen. Doch sofort sterben wollte er eigentlich nicht. Der junge Mann fühlte sich bei den Extremisten wohl wie in einer neuen Familie - fern vom eigenen Vater, der ihn misshandelt haben soll. Schajias Leben wird im 2012 erschienenen Buch "Terrorists in Love" erzählt.

Die Explosion auf dem Lastwagen war für Schajia ein Neuanfang. Zuerst war er wie die anderen Verletzten im Krankenhaus behandelt worden, bis die Iraker bemerkten, dass er am Steuer des Lastwagens gesessen hatte. Schajia kam ins Gefängnis von Abu Ghuraib. Dort verriet er seine Kontaktmänner von al-Qaida.

Der Irak schob den Saudi im Jahre 2005 in seine Heimat ab, wo er wegen seiner Verbrennungen und Verletzungen operiert und weiter behandelt wurde. Die Regierung in Riad schickte ihn in ein 2007 geschaffenes Vorzeigeprogramm, ein Rehabilitationszentrum für Dschihadisten. Männer, die für ihren Glauben sterben wollten, sollen dort der Gewalt abschwören, inmitten der Vorzüge des Lebens: Pool, Volleyballfeld, Kunsttherapie. Im Islamunterricht werden ihnen zudem ihre Irrtümer erklärt.

Jetzt kämpft der Vorzeige-Aussteiger wieder für Extremisten

Der junge Mann wurde zu Saudi-Arabiens berühmtestem Ex-Dschihadisten. Schajia war einer der ersten Absolventen und Musterschüler des Programms. Anderen jungen Radikalislamisten predigte er: "Unschuldige darf man nicht töten." Doch was genau heißt das? Auch Terroristen glauben nicht, dass sie Unschuldige töten. Wer schuldig ist, ist Ansichtssache.

Jetzt, neun Jahre später, kämpft er wieder für die Extremisten - diesmal in Syrien, wohin er 2013 ausreiste. Er behauptet, sich "Islamischer Staat im Irak und Syrien" angeschlossen zu haben, ausgerechnet: Die Gruppe besteht aus vielen Veteranen der irakischen Qaida. Den Männern also, die Schajia Sprengstoff auf den Lastwagen packten.

Schajias Haltung zum Radikalislamismus scheint so ambivalent wie die seiner Heimat zu sein. Mit dem "Dschihad-Entzug" will Saudi-Arabien der Welt zeigen, dass es die Bekämpfung von Radikalismus ernst nimmt. Seit 2007 haben rund 2400 Saudis das Programm absolviert, durchschnittlich blieben sie drei Monate. Die Rückfallquote liegt nach offiziellen Angaben  bei nur 1,5 Prozent. Wegen des Bürgerkriegs in Syrien hat Saudi-Arabien ein zweites Rehabilitationszentrum eröffnet und plant noch drei weitere.

Die Regierung in Riad hat Angst vor Syrien-Heimkehrern. Zwischen 2003 und 2006 erschütterte eine Anschlagsserie der Qaida das islamische Königreich. Doch die Ausreise junger Saudis in den syrischen Bürgerkrieg scheint die Regierung nicht zu stören. Nach Schätzungen sollen Hunderte, möglicherweise sogar mehr als tausend Saudis nach Syrien gereist sein.

Über seine Zeit mit al-Qaida im Irak hatte sich Schajia beklagt, man habe ihn nie schießen lassen. Nur ein einziges Mal hätten die irakischen Radikalen ihm eine Kalaschnikow zum Halten gegeben. Aus Syrien verbreitet Schajia nun ein Porträt  in heroischer Kämpferpose, das Sturmgewehr bereit. Ob er dieses Mal schießen wird, ist fraglich. Die Bombe hat von seinen Fingern kaum etwas übrig gelassen.

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