Dschihadismus Propaganda aus dem Knast

Mehreren inhaftierten dschihadistischen Vordenkern ist es gelungen, Propaganda aus britischen Hochsicherheitsgefängnissen herauszuschmuggeln. Das jedenfalls berichtet die Quilliam Foundation, ein Londoner Think Tank. Doch die Studie ist umstritten.

Abu Katada, Nemesis des britischen Staates: Fatwas aus dem Gefängnis geschmuggelt?
REUTERS

Abu Katada, Nemesis des britischen Staates: Fatwas aus dem Gefängnis geschmuggelt?


London - Abu Katada ist so etwas wie die Nemesis des britischen Staates: Der Dschihadist mit dem beeindruckenden Bart hat jahrelang in Londons Moscheen Gewalt gepredigt und mutmaßlich eine ganze Reihe Extremisten beeinflusst.

Seit Jahren sitzt er im Gefängnis, und zwar nicht in irgendeinem, sondern in einem Hochsicherheitstrakt im Long Lartin Prison in Worcestershire. Dennoch ist es ihm gelungen, über das Internet und aus dem Knast heraus Fatwas zu verbreiten, die zur Gewalt und zum Mord an moderaten Muslimen aufrufen.

So jedenfalls berichtet es die Londoner "Times" unter Berufung auf einen aktuellen Report der Quilliam-Foundation. Dabei handelt es sich um einen vom britischen Innenministerium unterstützten Think Tank, der sich mit Extremismus beschäftigt und zu dessen Mitarbeitern auch ehemalige radikale Islamisten zählen.

Laut dem "Times"-Bericht ist Abu Katada, den der britische Inlandsgeheimdienst einmal als "Osama Bin Ladens rechte Hand in Europa" beschrieb, indes kein Einzelfall. Mindestens zwei ähnliche Fälle sollen stattgefunden haben.

So soll der mutmaßliche Qaida-Rekruteur Abu Doha im Belmarsh Prison nahe London Kurse besucht haben, die es ihm dann wiederum ermöglichten, anderen Inhaftierten als "Mentor" zur Verfügung zu stehen.

Abu Hamza schließlich, laut "Times" 2006 wegen Mordaufrufen verurteilt, habe im selben Gefängnis Hasspredigten durch Wasserrohre hindurch gehalten. Ebenfalls im Belmarsh Prison habe der Algerier Rachid Ramda, Mitverschwörer bei einem Anschlag auf die Pariser Metro, Freitagsgebete geleitet.

Justizminister nennt den Bericht "alarmistisch"

Die Quilliam-Foundation mache, so die "Times", fehlerhaftes Management in den Justizvollzugsbehörden dafür verantwortlich, dass diese dschihadistischen Vordenker selbst aus dem Knast heraus ein Publikum erreichen könnten oder zumindest konnten. Seit langem halten Terrorexperten Gefängnisse für potentielle Brutstätten des Extremismus.

Die Vorfälle hätten laut "Times" nicht stattfinden dürfen, Abu Katada beispielsweise sollte eigentlich von allen Unterstützern abgeschnitten sein. Gelang es ihm dennoch, gemeinsam mit einem ebenfalls inhaftierten ägyptischen Dschihadisten, die besagten Fatwas herauszuschmuggeln?

Laut einem Bericht der BBC hat die Quilliam-Foundation keinen Beweis dafür, dass die im Internet kursierenden und Abu Katada zugeschrieben Texte wirklich von ihm stammen - auch wenn einer von ihnen das Leben in einem britischen Hochsicherheitsgefängnis beschreibe.

Auch der britische Justizminister Shahid Malik nannte die Ergebnisse der Studie "sehr, sehr überraschend" und kritisierte die Forscher scharf: "Ihre sogenannte Recherche enthält keine Belege." Der Report sei "alarmistisch" und "nicht hilfreich".

Anrufe beim Fernsehen - aus dem Knast

Für ihre Studie hat sich die Quilliam-Foundation laut "Times" auf Berichte von Augenzeugen in den Gefängnissen sowie auf offizielle Berichte der Gefängnisverwaltung gestützt. In manchen Fällen habe das Gefängnispersonal die Ideologen selbst mit einer besonderen Rolle ausgestattet und sie als Repräsentanten der muslimischen Gefangenen behandelt, heißt es in dem Beitrag.

Im Oktober 2006 gelang es laut dem "Times"-Bericht einem libyschen Häftling sogar, aus Long Lartin heraus einen Fernsehsender anzurufen, wobei er seine Haftumstände mit denen im US-Gefangenenlager Guantanamo Bay verglich.

Die offiziellen Reaktionen der Vollzugsbehörden auf die Studie sind indes verschnupft. Der Quilliam-Foundation wird vorgeworfen, sich nicht um Besuche in den Gefängnissen oder um Gespräche mit den zuständigen Behörden bemüht zu haben.

Die Vollzugsbehörden bestreiten zudem, dass Abu Katada jemals in der Lage war, mit Unterstützern außerhalb des Gefängnisses zu kommunizieren. Dafür werde er viel zu genau überwacht.

Allerdings, so die "Times" weiter, gäben die Beamten in vertraulichen Gesprächen durchaus zu, dass Extremisten das Gefängnissystem für ihre Zwecke ausnutze.

yas

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