Dschihadisten in Gaza "Gegen uns ist die Hamas Islamismus light"

Sie wollen die Alleinherrschaft und sind bereit, dafür in den Krieg zu ziehen: Im Gaza-Streifen trainiert eine Gruppe radikaler Islamisten, denen die Hamas zu moderat ist. SPIEGEL ONLINE traf den Führer der Bewegung - der vor Anschlägen in Deutschland warnt.

Aus Gaza berichtet


Gaza - Es hat eine Weile gedauert, das Treffen mit Abu Mustafa anzuberaumen. Treffpunkte wurden ins Auge gefasst, dann wieder verworfen. Viele Stunden später, in denen der Fahrer endlose Runden durch Gaza gedreht hat, kommt der Anruf: Am Strand soll das Treffen stattfinden, da sind viele Menschen, da fällt man nicht so auf, so die Erklärung - die sich alsbald als absurd herausstellt.

Dschihad für die Weltherrschaft: Ein Qaida-naher Islamist hantiert im Gaza-Streifen mit einer Rakete

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Wohl selten hat an den Stränden von Gaza jemand so hervorgestochen wie der Mann, der sich Abu Mustafa nennt. Mühsam arbeitet er sich auf zwei Krücken durch den Sand, sein Bein ist bis zum Oberschenkel eingegipst. Auch die pakistanische Tracht, die er trägt, ist fremd hier. Das weite Hemd, das bis zu den Knien reicht, erschwert das Hantieren mit den Krücken zusätzlich. Endlich lässt er sich in einen Plastikstuhl fallen. "Friede sei mit dir", heißt er den Gast leise willkommen.

Es gibt in diesen Tagen viele, die mit Abu Mustafa sprechen wollen. Etwa zehn Männer täglich melden sich bei ihm, schätzt er. Sie wenden sich an ihn, weil Abu Mustafa den Schlüssel zu einer Ideologie in der Hand hält, die sich im Gaza-Streifen großen Zulaufs erfreut: Es ist die Idee der dschihadistischen Salafisten, der Glaube an eine der radikalsten Formen des Islam. "Wir treffen uns heimlich, in Moscheen und Privathäusern", sagt Abu Mustafa, der eine Art Anlaufstelle für Neuzugänge ist. Mehr als 5000 Mann stark sei die Gefolgschaft der Salafisten in Gaza inzwischen, behauptet er - Frauen und Kinder nicht mitgerechnet.

"Noch sind wir nicht gut genug organisiert, aber wir sind dabei, Netzwerke zu bilden", sagt der 33-Jährige. Das Ergebnis soll eine mächtige Bewegung sein, dafür trainieren ihre Anhänger den bewaffneten Kampf und werden in Dogmatik und Strategie geschult. "Wenn die so weit sind, zu den Waffen zu greifen, werden sie keine Gnade kennen", hatte der Mittelsmann - selbst Kämpfer einer bewaffneten Miliz - vor dem Treffen am Strand gewarnt: "Abu Mustafa ist ein sehr gefährlicher Mann."

"Wir fühlen genau wie al-Qaida"

Ein schlichtes, gottgefälliges Leben, in dem der Glaube alles bestimmt, in der die Gesetze der Religion den Alltag regeln: Es ist der rückwärtsgewandte Traum von einer besseren Welt, dem die Salafisten nachhängen. Auf den ersten Blick unterscheidet sich das nicht groß von den Heilsversprechen anderer utopistischer Sekten - wäre da nicht der Aspekt des Heiligen Krieges. Denn um ihre Vision zu verwirklichen, sind Abu Mustafa und seine Männer bereit, in den Kampf zu ziehen und Unschuldige zu töten.

"Schau mal", erklärt Abu Mustafa, dem der Vollbart bis auf die Brust reicht. "Es wird drei Möglichkeiten geben: Die einen werden zum Islam finden, die anderen, die nicht konvertieren wollen, werden unter der Herrschaft des Islam leben und eine gewisse Freiheit genießen." Der Heilige Krieg komme ins Spiel, wo sich Ungläubige dem Machtanspruch widersetzten. "Dann müssen wir kämpfen. So wie unsere Brüder am 11. September", sagt Abu Mustafa.

Die Anschläge in New York und Washington seien eine Antwort gewesen auf die Missachtung des Islam, lautet seine Analyse. "Wenn irgendwo auf der Welt ein Muslim angegriffen wird, muss man zurückschlagen, auch an anderer Stelle." Der salafistische Islam sei wie eine Katze, sagt Abu Mustafa. "Sie ist sehr freundlich, aber wenn sie angegriffen wird, wird aus der Katze ein Tiger."

"Wir fühlen genau wie al-Qaida, wir teilen ihr Denken", sagt Abu Mustafa. Gibt es auch Kontakte zu dem Terrornetzwerk? "Das ist eine Möglichkeit", sagt er ausweichend. Auch die Frage, ob Ausländer in das Salafisten-Milieu im Gaza-Streifen eingesickert seien, mag er nicht beantworten.

"Deutschland ist doch meine zweite Heimat"

Abu Mustafa spricht nicht gern mit Journalisten: Es ist riskant, sich aus dem Schatten zu wagen, denn die Hamas beobachtet die Salafisten mit höchstem Misstrauen. Beide Gruppierungen beanspruchen für sich, den wahren Islam zu repräsentieren, beide kämpfen um dieselbe Klientel. Dass sich Abu Mustafa nach langem Zögern trotzdem zu einem Treffen mit SPIEGEL ONLINE bereit erklärte, geschah - wie er sagt - aus Dankbarkeit. "Ich schulde den Deutschen viel", sagt er in seinem langsamen, sorgfältigen Deutsch.

Abu Mustafa hat ein Diplom der Universität Saarbrücken. Sieben Jahre lang, bis 2000, habe er an der Saar gelebt, Konstruktions- und Verfahrenstechnik studiert - und ein fast normales Studentenleben geführt. Er jobbte als Umzugshelfer und auf dem Bau, in der Wohnküche des Studentenwohnheims tischte er für die Flurbewohner palästinensische Spezialitäten auf. "Ich vermisse Deutschland", sagt er. Erst kürzlich hat er sich bei Google Earth seine alte Straße angeschaut, die Mensa, die Fakultät.

Abu Mustafa sagt, dass er in Deutschland freundlich aufgenommen worden sei. Schwierig sei es manchmal gewesen - die Begegnungen mit den freizügig gekleideten Frauen, die Mitbewohner, die sich für Discos und Kneipen interessierten. Es hat ihn im Glauben gefestigt, sagt er. "Es wäre besser für diese Menschen, den reinen Islam zu haben. Wir werden versuchen, ihnen den Glauben zu bringen."

Wegen der Unterstützung Israels und des Afghanistan-Einsatzes sei Deutschland ein ausgemachtes Ziel für seine Glaubensbrüder, warnt Abu Mustafa. "Deutschland sollte besser Angst davor haben, attackiert zu werden." Er selbst würde jedoch nicht gegen Deutschland kämpfen. "Das ist doch meine zweite Heimat."



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