Räumung in Calais 1250 Sicherheitskräfte im "Dschungel" im Einsatz

In der Nacht brannten Mülltonnen, am Tag ist die Lage ruhig - das Flüchtlingslager in Calais wird geräumt. Vor einer Registrierungsstelle bilden sich lange Schlangen.

AFP

Die Auflösung des illegalen Flüchtlingslagers im nordfranzösischen Calais ist entgegen der Befürchtungen ruhig angelaufen. Bereits im Morgengrauen warteten mehrere Hundert Menschen mit Rollkoffern und Taschen bepackt vor einem Registrierzentrum in der Nähe des Camps. Die Menschen werden nun mit Bussen auf Regionen in ganz Frankreich verteilt.

In der wilden Zelt- und Hüttensiedlung, die unter dem Namen "Dschungel" bekannt geworden ist, hatten sich in den vergangenen Jahren Flüchtlinge gesammelt, die illegal über den Ärmelkanal Großbritannien erreichen wollten. Zuletzt hatten dort etwa 6500 Menschen gelebt. Die meisten kamen aus Ländern wie Afghanistan, Äthiopien, Eritrea und dem Sudan.

Noch in der Nacht hatten in dem Camp Mülltonnen gebrannt, es gab Ausschreitungen, die Polizei setzte Tränengas ein. Die Behörden hatten befürchtet, dass Aktivisten die Auflösung des Lagers auch am Tag mit gewaltsamen Protesten begleiten würden. Bewaffnete Polizisten patrouillierten am Morgen im Camp. Im Einsatz sind nach offiziellen Angaben rund 1250 Sicherheitskräfte.

Die französische Regierung äußerte sich zufrieden über den Beginn der Räumung. Innenminister Bernard Cazeneuve sprach von einer "ruhigen und geordneten Operation". Die vollständige Räumung soll noch eine Woche dauern. Für Montag war nicht geplant, die Hütten einzureißen.

Bei der Präfektur sprach man von einer "noch nie da gewesenen Operation":

  • In dem Registrierungszentrum findet eine erste Befragung der Migranten statt, noch kein Asylverfahren. Den Menschen sollen zwei Regionen vorgegeben werden, zwischen denen sie wählen können. Ausgenommen sind der Großraum Paris und Korsika.
  • Die französische Regierung will die meisten Bewohner des Lagers in 451 Aufnahmezentren im ganzen Land umsiedeln.
  • Tausende Flüchtlinge sollen so im ganzen Land verteilt werden, von Montag bis Mittwoch werden 145 Busse rollen.

Man setze darauf, dass sich die Menschen freiwillig meldeten, so ein Sprecher des Pariser Innenministeriums. "Keiner wird gezwungen, sich in einen Bus zu setzen."

Hilfsorganisationen warnten aber, es werde nicht lange ruhig bleiben in Calais: Rund 2000 Flüchtlinge wollten die Region nicht verlassen, weil sie heimlich nach Großbritannien gelangen wollten, sagte der Leiter der Organisation L'Auberge des Migrants, Christian Salomé. Derzeit laufe alles gut, weil jene Flüchtlinge zu den Bussen kämen, die "ungeduldig darauf gewartet haben wegzugehen". Er mache sich aber Sorgen über die folgenden Tage. "Dann sind nur noch die Leute hier, die nicht weg- und weiterhin nach Großbritannien gelangen wollen."

Im Video: Nächtliche Ausschreitungen vor Beginn der Räumung des Lagers

Wer sich weigert, bei der Schließung des Lagers zu kooperieren, dem droht nach Einschätzung von Hilfsorganisationen die Abschiebung in sein Heimatland. Das gilt etwa für Flüchtlinge, die nicht in die bereitgestellten Busse steigen wollen. Oder für solche Flüchtlinge, deren Asylantrag in Frankreich bereits abgelehnt wurde.

In dem Registrierungszentrum werden unbegleitete Minderjährige, Familien und Kranke oder Schwangere getrennt von den anderen Migranten erfasst.

Kinder und Jugendliche, die alleine unterwegs sind, durften zunächst in Containern in Calais bleiben. Für ihr Aufnahmeverfahren gibt es besondere Regeln. Zuletzt sollen sich im "Dschungel" rund 1300 unbegleitete minderjährige Flüchtlingen aufgehalten haben. Rund 40 Prozent von ihnen geben an, in Großbritannien Angehörige zu haben - viele von ihnen wollen unbedingt dorthin weiterreisen. Sie können nun darauf hoffen, im Zuge des Familiennachzugs dort aufgenommen zu werden.

London ist auch bereit, als besonders "verletzlich" angesehene minderjährige Flüchtlinge ohne Verwandte in Großbritannien aufzunehmen. In der Regel betrifft das junge Mädchen.

kgp/dpa/AFP



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