Nordfrankreich Räumung des Flüchtlingslagers von Calais hat begonnen

"Ich möchte nur meine Mutter sehen": Vor allem die jungen Flüchtlinge im "Dschungel" von Calais sind verzweifelt. Das Lager wird nun geräumt, die Menschen sollen im ganzen Land verteilt werden.


Mehr als 6000 Flüchtlinge leben in der Zelt- und Hüttenstadt in der nordfranzösischen Hafenstadt Calais. Nun wird das als "Dschungel" bekannte illegale Lager geräumt.

Vor dem Registrierzentrum im Camp warteten am Montagmorgen mehrere Hundert Menschen. Sie sollen dort befragt werden, bevor sie auf ganz Frankreich verteilt werden. Ein Asylverfahren findet noch nicht statt. Die Behörden stellen sich darauf ein, bereits am ersten Tag bis zu 3000 Menschen in Bussen von Calais aus in andere Orte zu bringen. Der Zeitung "Le Monde" zufolge soll jede Viertelstunde ein Bus abfahren. Man setze darauf, dass sich die Menschen freiwillig melden, so der Sprecher des Pariser Innenministeriums.

Viele Bewohner wehren sich gegen die Räumung, teilweise auch gewaltsam. In der Nacht zum Montag gab es erneut Zusammenstöße zwischen Migranten und Sicherheitskräften. Mülltonnen wurden angezündet. Aus einer Gruppe von mehreren Dutzend Menschen flogen Steine auf Polizisten, die Tränengas einsetzten. Bereits in der Nacht zuvor hatte es Ausschreitungen gegeben.

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Calais: Der "Dschungel" wird geräumt

Bewaffnete Beamte patrouillierten am Montagmorgen in der Zeltstadt. Aus Sorge vor gewaltsamem Widerstand gegen die Räumung sollen 1250 Polizisten im Einsatz sein. Einige afghanische Flüchtlinge haben bereits angekündigt, das Lager auf keinen Fall verlassen zu wollen. Insgesamt soll die Räumung nach Angaben der Präfektur eine Woche dauern.

"Wir müssen einige Menschen noch davon überzeugen, die Unterbringung zu akzeptieren und ihren Traum von Großbritannien aufzugeben", sagte Didier Leschi von der französischen Einwanderungsbehörde.

Für den 16 Jahre alten Aaron aus Eritrea geht es nicht einmal um den Traum von einem besseren Leben in Großbritannien. "Ich möchte nur meine Mutter sehen", sagt er, als er von der britischen Zeitung "Guardian" angesprochen wird. "Kann jemand mir helfen, meine Mutter zu finden?"

Er habe sie bei der Flucht durch die Wüste verloren. Sie hätten gemeinsam nach England gewollt, "also ist es meine einzige Hoffnung, sie dort zu finden". Wie Aaron stammen viele der Flüchtlinge in Calais aus Eritrea, viele andere aus Afghanistan oder dem Sudan.

Und wie Aaron halten sich in Calais viele Minderjährige ohne Verwandte auf. Für sie soll es ein spezielles Verfahren geben. Sie können zunächst in Containern in Calais bleiben. Bei Kindern, die Angehörige in Großbritannien haben, pocht Frankreich auf eine Familienzusammenführung. Allein in der vergangenen Woche sind nach Angaben der Präfektur fast 200 Minderjährige im Rahmen der Kooperation mit London nach Großbritannien gelangt.

"Ich habe keine Angst mehr"

Immer wieder versuchten Flüchtlinge in den vergangenen Monaten, auf Fähren über den Ärmelkanal oder durch den Eurotunnel heimlich nach Großbritannien zu gelangen. Sie wollten Lastwagen stoppen, um als blinde Passagiere nach Großbritannien zu gelangen.

Die französischen Behörden wollen das illegale Camp von Calais bereits seit Längerem räumen. Hilfsorganisationen gehen sogar von mehr als 8100 Bewohnern aus, die hier bislang unter prekären Umständen lebten. Das soll nun ein Ende haben. Die Menschen sollen auf etwa 160 Aufnahmezentren in ganz Frankreich verteilt werden.

Bereits ab 6 Uhr am Montagmorgen warteten Dutzende Flüchtlinge mit Koffern und Kleiderbündeln vor dem Registrierzentrum. Denn nicht alle haben Angst vor diesem Schritt. "Überall in Frankreich ist es sicherer als in Afghanistan, und es kann nicht schlimmer werden als in diesem Camp", sagt ein junger Afghane dem "Guardian". Er wolle Asyl beantragen und Medizin studieren.

Doch Beobachter fürchten, dass Hunderte Menschen das Lager von Calais bereits verlassen haben und nun an anderen Orten in Nordfrankreich campieren. Oder dass neue und kleinere illegale Lager in der Gegend um Calais entstehen.

Auch eine 20 Jahre alte Äthiopierin will dort bleiben. Sie sagt dem "Guardian", sie sei entschlossen, zu ihrer Familie nach London zu gelangen. "Ich habe keine Angst mehr. Ich habe so viele schreckliche Dinge gesehen, Menschen sterben sehen, dass ich einfach weitermache."

kgp/dpa/AFP



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