Dubai Klatsch der Kulturen

Dubai ist tödlich - für abgestandene Vorurteile. Denn hier existiert alles nebeneinander: die ägyptische Moschee, der indische Blumenladen, der Whiskey an der Hotelbar, die Stromrechnung per SMS. Die Emiratis beweisen: Islam und Fortschritt passen zusammen.

Dubai - Meine Freundin Puneh aus Teheran liebte es, doch Nasir konnte es nicht ertragen. Ihr Haus in Dubai: Flieder und Zitterpappeln vor der Tür, Gärtner, die den Rasen pflegten, Nachbarn aus Europa, Arabien und Amerika, ihre Volvos, ihre Porsches, ihre Jeeps.

"So viele interessante Leute", sagt Puneh, die Kunstagentin. "Ich fühlte mich so frei: als Mensch, als Frau, als Individuum."

"Diese Wichtigtuerei, diese aufgesetzte Perfektion. Nichts an dieser Stadt ist echt", sagt ihr Freund Nasir, der Künstler. "Ich bekam keine Luft mehr. Kein einziges Gemälde hätte ich dort zustande gebracht."

Acht Tage lang hielt Nasir es in Dubai aus, genau so lang, wie seine erste Ausstellung dauerte, dann floh er zurück nach Teheran. Nächtelang hing er bei Puneh am Telefon und bekniete sie zurückzukommen. Sie tat es - und bereut es. Was sie aufgab, war ein Leben in der modernsten und schnellsten, großspurigsten und trivialsten Stadt des Nahen Ostens.

Als ich die beiden in Iran besuchte und mit hohem Fieber nach Dubai zurückkam, war ich überrascht: Philippinische Krankenschwestern holten mich an der Maschine ab und brachten mich in die Flughafenklinik. Ein syrischer Arzt bestand darauf, dass ich die Nacht über dablieb, Bluttests abwartete, Infusionen bekam. Die indische Rezeptionistin verstand beim Verlassen der Klinik meine Frage nicht: "Rechnung? Welche Rechnung? Ihre Behandlung übernimmt das Emirat Dubai."

Wasserdichtes Sicherheitssystem

Wie die meisten, die hier leben, legte ich mir eine "E-Card" zu: Seither gehe ich am Flughafen an den Passkontrollen vorbei, lege den Zeigefinger auf einen Sensor, ein Tor geht auf, und ich bin durch. Bevor ich jemanden abhole, klicke ich im Internet auf seine Flugnummer, gebe meine Handynummer ein - und bekomme jede halbe Stunde per SMS Bescheid, ob die Maschine Verspätung hat.

Wasser- und Stromrechnung, Zahnarzttermine, Mautgebühren - alles kommt per Handy. Bevor die Polizei nach einem Unfall das Autokennzeichen notiert, stellt sie die Mobilnummer fest - das Handy, dein Identitätsausweis.

Das System ist ziemlich wasserdicht, von "passiver Sicherheit" sprechen stolz die Erfinder. Man spürt sie erst, wenn man verdächtig wird: "Ihre Frau hat zwar einen deutschen Pass", sagte mir der Beamte auf der Ausländerbehörde, "doch ihr Vorname hört sich nicht deutsch an. Gehen Sie bitte nach oben. Oberst Ahmed erwartet Sie." Eine Kollegin, die früher aus Jerusalem berichtet hatte, befragte man nach ihrer Meinung zum Irak-Krieg, bevor man ihr Umzugsgut freigab.

Im Transitbereich des Flughafens stehen Profiler und Dokumentenprüfer, die einen Blick für schräge Typen haben: Es sitzen Menschen im Gefängnis, denen man 0,02 Gramm Marihuana aus der Hosentasche schüttelte.

Merkwürdiges Gleichgewicht

Im Übrigen ist Dubai keine Stadt, in der ich mich beobachtet fühle. Nichts von dem, was in Kairo, in Beirut, in Amman lästige Routine ist: Metalldetektoren am Eingang öffentlicher Gebäude, bewaffnete Patrouillen in den Shopping Malls. Dafür sind im SPIEGEL am Kiosk alle nackten Hintern übermalt, und im Internet gab es bis vor kurzem keine "Bild"-Zeitung zu lesen: "Der Inhalt dieser Website steht nicht im Einklang mit den politischen und moralischen Werten der Vereinigten Arabischen Emirate." Kaufen wiederum konnte man die "Bild" schon seit langem - für umgerechnet zwei Euro im Supermarkt.

Für einen Arabien-Korrespondenten ist die Stadt sehr spannend: Nirgendwo sind an einem Ort so viele junge, ehrgeizige und gut ausgebildete Nordafrikaner, Syrer, Libanesen, Iraker, Saudis anzutreffen, die ihrer repressiven Heimat den Rücken gekehrt haben. Dubai ist ein Global Village, vor allem aber ist es ein arabisches Dorf.

Wer als Journalist für internationale Medien arbeitet, spürt, vom heiklen Thema der vernachlässigten Gastarbeiter abgesehen, keine Beschränkungen. Im Vergleich zu Kairo und Beirut, den traditionellen Nahost-Korrespondentenposten außerhalb Israels, ist Dubai praktisch: Es gibt Direktflüge nach Casablanca wie nach Kabul - und auf absehbare Zeit wohl keinen Bürgerkrieg.

Auf ein merkwürdiges kulturelles Gleichgewicht hat die Stadt der 150 Nationen sich eingependelt: Im Ramadan gilt tagsüber striktes Ess-, Rauch- und Trinkverbot in der Öffentlichkeit; ahnungslose Europäer werden höflich zur Räson gebracht. Umgekehrt gibt es Schweinefleisch-Theken in den Supermärkten, und wer Wein und Whisky will, kann sich in einem der internationalen Hotels betrinken.

Höflich und oberflächlich

In meiner Straße steht rechts eine von Ägyptern betriebene Moschee, ein pakistanischer Krämer-, ein indischer Blumenladen und zwei Villen von Emiratis. Links teilen sich acht Häuser einen Garten, die Mieter sind, der Reihe nach, Familien aus: Iran, Deutschland, Ägypten, Libanon, Frankreich, Kongo, Ungarn, Südafrika. Jeden Freitag kommen ein paar hundert Männer mit ihren Söhnen zum Gebet und parken die Straße zu, wohlhabende Araber in ihren Limousinen, pakistanische Bauarbeiter auf ihren Fahrrädern. Die lingua franca ist Englisch, die Umgangsformen sind zivil, selbst die Jemeniten halten sich an die europäisch strikten Verkehrsregeln.

"Am Ende", sagt Abd al-Asis al-Ali, Personalchef der Fluggesellschaft Emirates, "lösen sich Kulturkonflikte meistens mit dem Hausverstand: Provokationen vermeiden, das Gemeinsame betonen." Er könnte es wissen. In seiner Firma arbeiten Menschen aus 120 Ländern. Seit der Gründung 1985 gab es zwölf Disziplinarfälle, sagt er.

"Hi, Sir", "Hi, Madam" heißt die Standard-Anrede in den Malls und den Hotels - das kommt aus Asien, von wo die Dienstleistungsstadt Dubai ihr Personal rekrutiert: Der Ton ist höflich und, wie die Stadt im Ganzen, ziemlich oberflächlich. Gräbt man tiefer, blüht, wie kaum sonst wo auf der Welt, der Klatsch der Kulturen: Es gibt Witze über die Libanesinnen und ihre plastischen Chirurgen, über arrogante Iraner, trinkfeste Briten, schwierige Inder – und die Deutschen, die angeblich um jede Taxirechnung feilschen.

So viel angewandte Völkerkunde Dubai bietet - so tödlich ist die Stadt für abgestandene Vorurteile: Das Gegenbeispiel steht fast immer um die Ecke.


"Tausendundeine Pracht": Lesen Sie in der Titelgeschichte des aktuellen SPIEGEL (seit Samstag am Kiosk) alles über den Goldrausch am Golf, über das "Über-Morgenland" Dubai.

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