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13. Juli 2011, 15:14 Uhr

Dürre in Ostafrika

Wie es zur Jahrhundertkatastrophe kam

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Tausende Menschen drohen zu verhungern, Millionen Männer, Frauen und Kinder sind bedroht und auf Hilfe angewiesen: Die Uno warnt vor einer Jahrhundertdürre in Ostafrika. Wie konnte es zu der Krise kommen?

Berlin - Mütter verlieren ihre Kinder auf der Flucht, sie sterben in ihren Armen. Die, die es schaffen, sich Dutzende Kilometer durch die staubige Landschaft zu schleppen, bis zu einem Flüchtlingslager, liegen dort entkräftet auf dem Boden. Die Mitarbeiter der internationalen Hilfsorganisationen, die Medikamente und Wasser, etwas zu essen verteilen, sind vollkommen überfordert. Sie haben keine Zeit und auch nicht genug Personal, um sich um die Menschen zu kümmern.

In Ostafrika droht die schlimmste humanitäre Katastrophe seit Jahrzehnten. "Wir können es uns nicht erlauben, zu warten", warnt Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon. Aber wie konnte es zur der Jahrhundertnot in Somalia, Kenia, Äthiopien und Dschibuti kommen?

Wie entstand die Not am Horn von Afrika?

Rund zwölf Millionen Menschen brauchen wegen der Dürre am Horn von Afrika laut Uno schnell Hilfe. "Es hat dort so wenig geregnet wie seit fast 60 Jahren nicht mehr", sagt Ralf Südhoff vom Ernährungsprogramm der Uno, WFP. Hinzu kommen lokale Besonderheiten: In den Gebieten, die am schwersten von der Jahrhundertdürre betroffen sind, leben auch die ärmsten Menschen der Region. Schon ohne die Trockenheit leiden sie Not, können ihr Leben nur mit Mühe bestreiten.

Viele Menschen betreiben Viehzucht, aber durch die Dürre sterben Tausende Rinder und Ziegen. Die überlebenden Tiere sind oft dürr und krank. "Die Nomaden bekommen keinen angemessenen Preis mehr für ihre Tiere, wenn sie sie verkaufen", sagt Ian Bray von der britischen Hilfsorganisation Oxfam. So entsteht ein Teufelskreis, denn das Geld bräuchten die Menschen dringender denn je. Durch den ausbleibenden Regen sind in der Region nämlich die Getreidepreise explodiert, in Somalia ist Hirse so teuer wie noch nie - im vergangenen Jahr stieg der Preis um 240 Prozent. In Äthiopien ist der Maispreis in die Höhe geschnellt. Die global gestiegenen Lebensmittelpreise indes erschweren die Hilfe der großen Organisationen - von den Spendengeldern können sie immer weniger Nahrungsmittel kaufen.

Warum trifft es Somalia so schlimm?

Die bewaffneten Konflikte im Süden Somalias verschärfen die Dürrekatastrophe zusätzlich. "Viele Menschen trauen sich aus Angst vor Milizenangriffen kaum noch, ihre Felder zu bestellen", sagt Südhoff vom WFP. Auch Nomaden können in viele Gebiete nicht mehr mit ihren Tieren ziehen, weil dort Bürgerkrieg herrscht. Häufig treiben die bewaffneten Milizen Schutzgelder ein. "Es ist extrem schwierig für die Menschen, dort ihrer täglichen Arbeit nachzukommen", sagt Kerstin Petretto, Somalia-Expertin vom Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg.

Die Menschen sind geschwächt, haben tagelang nichts gegessen und nur wenig getrunken - aber im eigenen Land gibt es keine Rettung. Tausende Somalier flüchten deshalb in die Nachbarländer Kenia und Äthiopien. Es sind kaum noch internationale Helfer im Land - sie fürchten Anschläge der militanten Islamisten. Die al-Schabab-Miliz, die den Süden des Landes faktisch kontrolliert, hat zwar in der vergangenen Woche humanitären Organisationen wieder erlaubt, ins Land zu kommen. Ob die Lage für Helfer damit wirklich weniger gefährlich ist, ist vollkommen unklar. "Die Schabab ist keine einheitliche Organisation, die Miliz hat keine hierarchische Struktur. Es könnte trotz der Erlaubnis sein, dass Milizionäre weiter internationale Helfer angreifen", sagt Wissenschaftlerin Petretto. Sie fürchtet, dass die islamistische Miliz aus der Dürre politisches Kapital schlagen könnte. "Die Schabad kann nur gewinnen: Wenn sie wirklich Hilfsorganisationen wieder ins Land lässt, kann sie sich damit rühmen, dass sie dem somalischen Volk Rettung ermöglicht. Wenn die Helfer nicht kommen, werden die Islamisten sagen: Seht, die internationale Gemeinschaft lässt euch verhungern."

Wohin können die hungernden Somalier fliehen?

Tausende kommen jede Woche im kenianischen Dadaab an, dem größten Flüchtlingslager der Welt - aber das Camp ist hoffnungslos überfüllt. Hilfe kann kaum noch geleistet werden. Statt 90.000 Menschen, für die das Lager ursprünglich geplant war, leben dort nun mehr als 380.000. "Ich habe schon viele Flüchtlingslager auf der Welt besucht. Aber noch nie sah ich Menschen in einer so verzweifelten Lage ankommen", sagte Uno-Flüchtlingskommissar António Guterres. Nach Angaben von "Ärzte ohne Grenzen" steigt besonders der Zahl der Kinder, die in Lebensgefahr sind: "Im Juni haben wir im Flüchtlingslager Dadaab, dreimal so viele Kinder in unser Ernährungsprogramm aufnehmen müssen wie im Jahr zuvor", berichtet der Vorstandsvorsitzende der deutschen Sektion, Tankred Stöbe. Am Dienstag hat Bundeskanzlerin Merkel dem kenianischen Staatspräsidenten Mwai Kibaki eine Millionen Euro für Dadaab versprochen.

Auch die Lage in den Flüchtlingscamps in Äthiopien ist extrem angespannt. Bereits jetzt beherbergten die äthiopischen Lager 114.000 Menschen, berichtete eine Sprecherin des Uno-Welternährungsprogramms. "Die Todesrate in den Camps ist schockierend", so ein Mitarbeiter der amerikanischen Agentur für Internationale Entwicklung USAID.

Wer hat Schuld an der Krise?

Das Wetter, die politischen Akteure in Somalia, aber auch schlechte Regierungsführung in den anderen Ländern am Horn von Afrika. "Es fehlt in diesen Ländern an einer präventiven Politik, an Strukturen, die einen Umgang mit den ja immer wiederkehrenden Dürren ermöglichen. Es werden zu wenig Vorräte aus guten Ernten angelegt, die Verteilung der Lebensmittel funktioniert nicht richtig", sagt Wissenschaftlerin Petretto.

Beobachter und Hilfsorganisationen beklagen aber auch Fehler der internationalen Gemeinschaft. Ian Bray von Oxfam kritisiert, dass ein immer geringerer Prozentsatz der Hilfsgelder direkt in landwirtschaftliche Aufbauprojekte vor Ort fließe. "Die Katastrophenhilfe kommt immer sehr schnell, aber langfristige Aufbauhilfe, die die lokalen Probleme strukturell angeht, gibt es kaum", so Bray. Kleine lokale Nahrungsmittelproduzenten müssten gezielt gestärkt werden. Am Horn von Afrika etwa bräuchten die Menschen dringend Hilfe dabei, ihr Vieh gesund zu halten. Es müssten Straßen gebaut werden, damit die Menschen besseren Zugang zu den Märkten haben.

Außerdem sei die Reaktion auf die Jahrhundertdürre viel zu spät gekommen, sagt Bray. "Die Warnungen davor, gab es bereits Mitte letzten Jahres. "Aber erst, wenn die schrecklichen Bilder zu sehen sind, kommt auch das Geld." Für viele Menschen aber komme die Hilfe jetzt schon viel zu spät, sagt Forscherin Petretto. "Eine schleichende Krise wie die in Ostafrika ist eben nicht so plakativ wie etwa das Erdbeben auf Haiti, wo in ein paar Sekunden das ganze Land zusammengebrochen ist", sagt Ralf Südhoff vom WFP.

Wird die Lage noch schlimmer?

Die staatliche Behörde USAID hat online eine Art Frühwarnsystem für Hungersnöte installiert. Auf der Seite fews.net gibt es Karten zur Ernährungssituation am Horn von Afrika. Die Daten prophezeien noch eine deutliche Verschärfung der Lage. Schon von April bis Juni herrschte in großen Gebieten Äthiopiens und Somalias die zweithöchste Alarmstufe, genannt "Emergency", also Notlage. Bis September werden sich die Hungergebiete nach der Berechnung deutlich ausweiten und dann auch große Teile Kenias betreffen. Die höchste Alarmstufe "Hungersnot" droht. Erreicht ist diese höchste Stufe laut fews.net unter anderem dann, wenn 30 Prozent der Kinder akut mangelernährt sind. Die Uno schätzt, dass zwölf Millionen Menschen in der Region von Hunger bedroht sind. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sind insbesondere Kinder in jüngster Zeit zunehmend von Unterernährung betroffen. Laut Unicef schweben allein in Kenia 65.000 von ihnen in akuter Lebensgefahr.

Wie kann geholfen werden?

Die Helfer sind sich einig: Es muss vor allem schnell mehr Unterstützung für die Menschen geben - neue Flüchtlingslager werden gebraucht. Aber die kenianische Regierung hat es bisher abgelehnt, ein weiteres Lager in der Nähe des völlig überfüllten Dadaab-Camps zu eröffnen. Die Regierung fürchtet, dass sich die Hunderttausenden Flüchtlinge dauerhaft im Land niederlassen könnten. Auch Somalia braucht Hilfe - sonst drohen weiter Tausende auf der tagelangen Flucht zu sterben. "Die Lage in den Grenzregionen von Kenia und Äthiopien ist ohnehin schon extrem schwierig", sagt Forscherin Petretto. "Auch wenn es wegen der politischen Lage weiterhin riskant ist, muss weiterhin direkt in Somalia geholfen werden", sagt sie.

Die Uno fordert dringend mehr Geld. Nach Angaben des Ernährungsprogramms WFP fehlen mehr als 500 Millionen Euro, um die nächsten Monate in Ostafrika Hilfe leisten zu können. "Ich fordere die Mitgliedstaaten auf, die Programme zu unterstützen, um in der Region ohne Aufschub Leben zu retten", drängte Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon. Auch die Afrikanische Union rief die Weltgemeinschaft und insbesondere die afrikanischen Staaten zur Unterstützung für Somalia auf - ein Drittel der Bevölkerung dort sei dringend auf humanitäre Hilfe angewiesen.

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