Duma-Wahlen Russlands Parteien und ihre Spitzenkandidaten

Einiges Russland - Die "Partei der Macht"

Dmitrij Medwedew: Der amtierende Staatschef macht den Platz frei für Ex-Staatschef Putin

Dmitrij Medwedew: Der amtierende Staatschef macht den Platz frei für Ex-Staatschef Putin

Foto: AP/ RIA Novosti

Spitzenkandidat: Dmitrij Medwedew

Russlands noch amtierender Staatschef hat den Weg für die Rückkehr von Wladimir Putin in den Kreml frei gemacht. Bei den Präsidentschaftswahlen im März tritt er nicht mehr an. Zwar kritisierte Dmitrij Medwedew zu Beginn seiner Amtszeit die Kreml-Partei "Einiges Russland" noch scharf. Nun aber führt er sie selbst als Spitzenkandidat zur Parlamentswahl und soll - wie Wladimir Putin beteuert - im kommenden Jahr auf den Posten des Regierungschefs rücken.

Wahlchancen

"Einiges Russland" steuert auf einen klaren Wahlsieg zu, auch dank massiver Schützenhilfe von Behörden und Provinzgouverneuren. In der ehemaligen Unruherepublik Tschetschenien garantiert Gewaltherrscher Ramsan Kadyrow regelmäßig Wahlergebnisse von weit über 90 Prozent. Doch auch "Einiges Russland" plagen Sorgen: Der Intelligenz ist der Wahlverein des Kremls als "Partei der Gauner und Diebe" verhasst, weil ihre Kader im Ruf stehen, sich mehr um das eigene Wohl als das des Volkes zu kümmern.

2007 erreichte "Einiges Russland" noch 64 Prozent der Stimmen und 70 Prozent der Mandate in der Duma. Damit kann die Putin-Partei dieses Mal nicht rechnen, selbst die Prominenten auf der Parteiliste - wie der Boxer Nikolai Walujew oder Tennisstar Marat Safin - werden daran kaum etwas ändern.

Laut letzten Umfragen wollen dieses Mal nur noch rund 50 Prozent der Wähler für die "Partei der Macht" stimmen.

Liberal-Demokratische Partei Russlands - Wahlverein des "Russen-Hitlers"

Wladimir Schirinowski: Stets verlässlich an der Seite der Kreml-Partei "Einiges Russland"

Wladimir Schirinowski: Stets verlässlich an der Seite der Kreml-Partei "Einiges Russland"

Foto: STAFF/ REUTERS

Spitzenkandidat: Wladimir Schirinowski

Um Missverständnisse zu vermeiden: Schirinowskis Liberaldemokraten sind weder liberal noch demokratisch. Als nationalistisches Schreckgespenst jagte der "Russen-Hitler" mit chauvinistischem Gepolter einst dem Westen Angst ein. In Russland mimt Schirinowski seit 20 Jahren den Anwalt des kleinen Mannes und schürt fremdenfeindliche Ressentiments.

Wladimir Schirinowski, zugleich Vizevorsitzender der Duma, brachte in einer Auflage von zwölf Millionen Stück eine Broschüre unters Volk, in der er die angeblich russenfeindliche Haltung der Regierung geißelt. Sie ziehe "dem arbeitenden Iwan Geld aus der Tasche, um es dem Banditen Mohammed zu geben, der Iwan dann in Stücke schneidet und sich selbst einen dritten Mercedes kauft".

Schirinowski kritisiert damit die Politik des Kreml, die moslemisch dominierten Unruheprovinzen des Nordkaukasus zu subventionieren. Wird in der Duma abgestimmt steht Schirinowski aber stets verlässlich auf der Seite der Kreml-Partei "Einiges Russland". Kein Wunder: Bei der Gründung der LDPR stand vor zwei Jahrzehnten schon der sowjetische Geheimdienst Pate.

Wahlchancen

Schirinowski absorbiert seit 20 Jahren verlässlich Stimmen am rechten Rand, damit rechts neben der handzahmen LDPR keine starke rechte Oppositionspartei entsteht. Bei den diesjährigen Wahlen aber sieht sich Schirinowski politischen Produktpiraten gegenüber: Weil immer mehr Russen nationalistischen Parolen wie "Russland den Russen" zustimmen rücken auch die anderen Parteien nach rechts. Für den Kreml geht Russlands Nato-Botschafter Dmitrij Rogosin auf Stimmenjagd, der Russlands Großstädte zu "Zentren der Diktatur russischer Kultur" machen will. Selbst Kommunistenführer Gennadij Sjuganow, traditionell eigentlich der Völkerfreundschaft verbunden, profiliert sich als verlässliche Kraft im "aufflammenden nationalen Befreiungskampf".

Demoskopen sehen Schirinowskis LDPR deshalb nur leicht stärker bei 11 bis 13 Prozent.

Kommunistische Partei Russlands - Sammelbecken der Putin-Gegner

Gennadij Sjuganow: Behäbiger Berufsoppositioneller

Gennadij Sjuganow: Behäbiger Berufsoppositioneller

Foto: STAFF/ REUTERS

Spitzenkandidat: Gennadij Sjuganow

Kommunistenführer Gennadij Sjuganow ist die große Konstante der russischen Politik. Schon 1996 trat er bei Präsidentschaftswahlen an - und zwang Staatschef Boris Jelzin in einen zweiten Wahlgang. Unter Wladimir Putin hat Sjuganow allerdings eine bemerkenswerte Verwandlung erfahren: vom gefürchteten Gegner zum behäbigen Berufsoppositionellen. Als er 2008 gegen Dmitrij Medwedew bei den Präsidentschaftswahlen antrat griff er den Kandidaten des Kreml kaum einmal frontal an.

Wahlchancen

Einerseits sterben den Kommunisten viele ihrer klassischen Wähler weg. Andererseits erfreut sich die KP als "einzige echte Oppositionspartei" regen Zulaufs bürgerlicher Protestwähler aus dem liberalen Lager, weil sie ihre Stimme nicht den demokratischen Parteien geben wollen, die wohl ohnehin an der Sieben-Prozent-Hürde scheitern werden. Das stärkt das Selbstbewusstsein der Kommunisten: Als Putin im November vor dem Parlament sprach und sich die Abgeordneten von "Einiges Russland" und LDPR erhoben blieben die Kommunisten um Sjuganow demonstrativ sitzen.

Die KP dürften bei der Wahl zur Duma überraschend stark abschneiden: Meinungsforscher sehen die Partei zwischen 16 und 19 Prozent.

Gerechtes Russland - Schlingern zwischen Opposition und Kreml-Gefolgschaft

Sergej Mironow: Politisches Kunstprodukt, von Putins Strippenziehern geschaffen

Sergej Mironow: Politisches Kunstprodukt, von Putins Strippenziehern geschaffen

Foto: Dmitry Lovetsky/ ASSOCIATED PRESS

Spitzenkandidat: Sergej Mironow

"Gerechtes Russland", laut eigenen Angaben eine sozialdemokratische Partei, ist das Stiefkind des Kremls. Einst wurde die Partei von Putins Strippenzieher geschaffen, als zweite "Partei der Macht" und linkskonservatives Gegengewicht zu "Einiges Russland". Das politische Kunstprodukt sollte zudem den Kommunisten Wähler abspenstig machen.

Vor allem aber trug die Partei zur Verwirrung der herrschenden Elite bei: Bei Regionalwahlen wussten Gouverneure und Behörden mitunter nicht mehr, welchen Kandidaten sie unterstützen sollten - den von "Einiges Russland" oder den von "Gerechtes Russland". Seitdem hat der Kreml offenbar das Interesse an "Gerechtes Russland" verloren. Die Partei wirkt seither leicht orientierungslos: Einerseits ist Spitzenkandidat Sergej Mironow ein alter Freund von Wladimir Putin. Angesichts des Liebesentzugs durch den Kreml mehren sich aber auch rebellische Umtriebe: Wie die Kollegen von den Kommunisten blieben die "Gerechten Russen" sitzen, als Putin im Parlament sprach.

Wahlchancen

"Gerechtes Russland" galt lange als heißer Kandidat für die Rolle des größten Wahlverlierers. Umfragen prognostizierten der Partei ein Scheitern an der Sieben-Prozent-Hürde.

Inzwischen kann die Partei aber wohl mit 10 bis 11 Prozent rechnen.

Jabloko - Die letzte Bastion der Demokraten

Grigorij Jawlinskij: Viele bürgerliche Protestwähler laufen zu den Kommunisten über

Grigorij Jawlinskij: Viele bürgerliche Protestwähler laufen zu den Kommunisten über

Foto: DENIS SINYAKOV/ REUTERS

Spitzenkandidat: Grigorij Jawlinskij

Als junger Ökonom prophezeite Jawlinskij in den achtziger Jahren die Krise der Sowjetunion. 1990 verfasste er das "500 Tage"-Programm, das einen Übergang der Sowjetunion von der Plan- zur Marktwirtschaft vorsah. 1993 gründete er seine Partei - das "Ja" in Jabloko steht seither für Jawlinskij. 1996 und 2000 unterlag er bei den Präsidentschaftswahlen. Jawlinskijs Jabloko-Partei ist die letzte offiziell registrierte Partei der demokratischen Opposition.

Wahlchancen

Ausgerechnet mit den Kommunisten muss Jabloko bei diesen Wahlen um seine Stammwählerschaft konkurrieren. Viele bürgerliche Protestwähler wollen lieber die KP wählen, weil sie fürchten, das Jabloko an der Sieben-Prozent-Hürde scheitert und ihre Stimmen dann ihr Gewicht verlieren. Die Angst ist berechtigt: Laut den letzten Umfragen dümpelt Jabloko zwischen einem und drei Prozent.

Erreicht die Partei wenigstens fünf Prozent könnte Jawlinskij aber dennoch in die Duma einziehen - mit einem Trostmandat, dass Russlands Wahlrecht Parteien gewährt, die nur knapp den Einzug ins Parlament verpassen.

Patrioten Russlands - Das Phantom im Wahlkampf

Spitzenkandidat: Gennadij Semigin

Er ist das Phantom des Wahlkampfs: Obwohl seine Partei bei den Wahlen antritt verhält sich der Chef der Linkszentristen seltsam apathisch im Hintergrund.

Wahlchancen

Die "Patrioten Russlands", durch Fusion mehrerer kleinerer Parteien entstanden und etwa 85.000 Mitglieder stark, konnten bei den Regionalwahlen im Frühjahr Erfolge verzeichnen: In Kaliningrad, dem früheren Königsberg, erreichte die Partei 8,5 Prozent, in der Kaukasusrepublik Dagestan sogar 9,3 Prozent.

Chancen auf den Einzug in die Staatsduma haben die Patrioten aber wohl nicht.

Rechte Sache - Die Zombiepartei

Andrej Dunajew: Konkursverwalter einer ruinierten Partei

Andrej Dunajew: Konkursverwalter einer ruinierten Partei

Foto: Maxim Shipenkov/ dpa

Spitzenkandidat: Andrej Dunajew

Nach dem Rückzug des Milliardärs Michail Prochorow vom Posten des Parteivorsitzenden ist Andrej Dunajew so etwas wie der Konkursverwalter einer ruinierten Partei. Erst hatte der Kreml den politisch recht unbedarften Prochorow ausgesandt, um mit "Rechte Sache" westlich und liberal gesinnte Wähler zu binden. Der Oligarch, dessen Vermögen auf 13 Milliarden Euro taxiert wird, wurde als Führer von "Rechte Sache" installiert.

Als das Projekt aus dem Ruder lief stampften es die Kreml-Strategen wieder ein - und ließen treue Gefolgsleute wie Dunajew gegen Prochorow putschen. Seither geistert die Partei als politischer Untoter durch die russische Parteienlandschaft.

Wahlchancen

Nach dem gescheiterten Experiment mit Prochorow ist "Rechte Sache" mehr tot als lebendig. Die blassen Funktionäre um Dunajew machen im Wahlkampf kaum von sich reden.

Mehr als zwei Prozent dürfte die Partei nicht erreichen.

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