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26. März 2003, 18:07 Uhr

E-Mail aus Bagdad

Picknick mit der Miliz

Reinhold Waßmann ist einer der wenigen Deutschen, die sich noch in Bagdad aufhalten. In unregelmäßiger Folge berichtet er SPIEGEL ONLINE per Telefon oder Mail vom surrealen Alltag in der umkämpften Stadt.

Bagdad: Brennendes Wohnhaus
REUTERS

Bagdad: Brennendes Wohnhaus

Bagdad - Es ist schon fast gespenstisch, wenn man aus dem Fenster schaut. Der Himmel ist gelblich-braun und es herrscht fast orkanartiger Sturm. Die Sichtweite beträgt etwa 400 bis 500 Meter. Es ist heute sehr stark bewölkt, kalt und sehr windig. Mein Zimmernachbar, ein Iraker, sagte mir im Fahrstuhl, dass das typisch sei im März. An manchen Tagen Sommerwetter und an manchen Tagen Winterwetter. Meine Nachbarn sind sonst sehr verschlossen, mit Fragen halte ich mich zurück. Die Menschen haben andere Sorgen, als auf Fragen zu antworten.

Gestern Nachmittag war ich im St. Raphael Hospital und habe mit Schwester Maryanne, gesprochen. Es sind noch keine Verwundeten eingeliefert worden, aber sehr viele junge Frauen mit Fehlgeburten. Die Schwangeren halten den psychischen und physischen Druck nicht Stand und verlieren ihr Baby. Ihre Männer sind vermutlich überwiegend an der Front und die Zukunft ist sehr ungewiss. Der Krieg fordert schon Menschenopfer, die noch gar nicht geboren sind. Man könnte wirklich weinen.

Ich bin anschließend mit einem weiteren Helfer aus Berlin, Fred Klinger, auf dem Weg zu unseren Hotels in einer menschenleeren Moschee gewesen. Nur ein moslemischer Südamerikaner war dort, mit dem wir uns lange über den Krieg und die jetzige Situation unterhalten haben. Er war wie wir aus Protest gegen diesen ungerechten und vermeidbaren Krieg nach Bagdad gekommen.

Bettler auf der Straße

Auf dem weiteren Weg zum Hotel begrüßte uns ein circa 55jähriger gut gekleideter Mann. Er weinte, bettelte um Geld für seine Enkeltochter, das fiel ihm schwer, verständlicherweise. Es ist sehr ungewöhnlich, in Bagdad von Männern angebettelt zu werden.

Zu meinen Pflichten gehört, dass ich zur Distriktpolizei gehen muss, um mich anzumelden. Fred Klinger war gerade dort, begleitet von seinem ihm inzwischen zugeteilten Aufpasser. Er musste eine Strafgebühr bezahlen, weil der Termin um einen Tag überschritten war. Mit Polizisten gibt es aber auch andere Erfahrungen. Als ich in unserer Strasse am Milizposten vorbeikam, winkten mich die am Boden sitzenden Polizisten zu sich. Sie aßen gerade und luden mich zum Essen ein. Ich kniete mich zu Ihnen und aß Fladenbrot mit Huhn und Reis. Sie konnten nur ein paar Brocken englisch. Aber man muss nicht immer reden um sich zu verstehen.

Bagdad: Opfer nach einem Bombenangriff
REUTERS

Bagdad: Opfer nach einem Bombenangriff

Gerade, während ich diese Zeilen tippe, es ist inzwischen 15 Uhr, spaziert unten eine kleine Demonstrationsgruppe mit mehreren Transparenten vorbei, während wieder zwei Bomben fallen. Der Aufruf ist auf Arabisch, ich kann ihn nicht verstehen. Auf einen Transparent steht in Englisch "Kein Blut für Öl".

Das irakische Fernsehen sendet sehr wenig aktuelle Beiträge. Es werden, wie immer in der Kriegsberichterstattung, nur "positive" Szenen gezeigt. Zum Beispiel vorgestern, wo offensichtlich ein einfacher Bauer mit seiner alten Schrotflinte die Besatzung eines Kampfhubschraubers gefangen genommen hat, nebst Kampfhubschrauber. Dieser Kampfhubschrauber wurde dann von allen Seiten gefilmt und gezeigt, 20 Minuten lang.

Durchhalteparolen im Fernsehen

Meistens läuft auch ein zwanzigminütiger Videoclip, in dem Saddam bejubelt wird: mal von Kindern, mal von Erwachsenen, in unterschiedlichen "Verkleidungen", mal im Anzug mal im Kampfanzug und mal in Beduinenkleidung. Dann folgen Truppenaufmärsch. Dieser Videoclip wird laufend wiederholt. Es ist schon makaber, wenn man während eines Bombardements eine Saddam zujubelnde Menschenmenge im Fernseher sieht.

Im Radio hat ein amerikanischer Piratensender seit Beginn der Bombardierung sein Programm umgestellt. Er sendet nun ausschließlich auf Arabisch und hat sich inzwischen auf drei FM-Frequenzen breit gemacht. Keine amerikanische Popmusik mehr.

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