E-Mail-Skandal Stimmenfang mit Schwulenhatz

Der Skandal um den Ex-Abgeordneten Mark Foley droht den US-Republikanern die Wahl zu verhageln. Verzweifelt und mit immer härteren Mitteln kämpfen sie um den Machterhalt. Der Wahlkampf wird zur Schlammschlacht - inklusive einer Hexenjagd auf Schwule.

New York - Sie nennen sie nur "die Liste". Sie soll die Namen von zwei Dutzend schwulen oder lesbischen Republikanern enthalten - darunter eine Senatorin, vier Abgeordnete, neun Stabschefs und zwei Berater im Weißen Haus. Diese "samtene Mafia", so wispern interessierte Kreise, habe mitgeholfen, die Gelüste des Ex-Abgeordneten Mark Foley nach minderjährigen Kongressboten jahrelang zu vertuschen, um einen der Ihren zu schützen.

So weit ist es gekommen. Zwangs-Outing, Schuldzuweisungen, Schüren von Vorurteilen: Der Skandal um Foleys schlüpfrige E-Mails an Teenager ist zur Hexenjagd auf Schwule geworden, die ihre Sexualität in Washington auch heute noch oft geheimhalten, aus Angst vor Repressionen. Ein Blog publizierte gestern eine Version der Liste, und selbst CNN outete nonchalant ein paar Kongressmitarbeiter. Bei homosexellen Republikanern, sagt David Corn vom Magazin "Nation", der als erster über die Existenz der Liste berichtete, gehe die Angst um vor einem "rechtsextremen Lynch-Mob".

Im US-Wahlkampf ist jedes Mittel recht. Denn dort geht es jetzt um alles: Vier Wochen vor dem Stichtag rasseln die Republikaner einer Katastrophe entgegen und die Demokraten einem Erdrutschsieg. Das Blatt hatte sich schnell gewendet: Jemand lancierte Foleys E-Mails und Instant Messages (IM's) an die Presse, der trat zurück, und die Partei von Sitte und Anstand steht seither im Verdacht, sie habe von seinen Annäherungsversuchen an allzu junge Boys seit Jahren gewusst, das aber vertuscht.

Die Grand Old Party versinkt in Chaos

Der Skandal scheint die Wahlchancen der Republikaner vollends verhagelt zu haben. Wäre heute Wahl, würden nach der aktuellen Gallup-Umfrage 59 Prozent der Amerikaner die Demokraten wählen und nur 36 Prozent die Republikaner. Rette sich, wer kann: Klar, dass das in einer Schlammschlacht endet. Inklusive Schwulenhatz, von der einige vermuten, sie werde von den Demokraten forciert, um die Republikaner zu spalten, und andere, die Republikaner wollten so die vom Foley-Drama düpierte Christenbasis zurückzugewinnen.

Fest steht: Die Grand Old Party versinkt in Panik, und jeder Schritt dient nur noch dem eigenen Überleben. Schon ruft "Time" das "Ende der republikanischen Revolution" und deren hehrer Ideale aus: "Jede Revolution beginnt mit der Macht einer Idee und endet, wenn als einzige Idee der Machterhalt bleibt."

Die Zeichen stehen schlecht für die Partei des Präsidenten, der selbst hilflos zusehen muss, wie auch seine Popularität auf ein neues Rekordtief von 33 Prozent stürzte. Fast 80 Prozent der Amerikaner wissen vom Foley-Skandal. Davon glauben zwei Drittel an ein republikanisches Cover-Up. Andere Umfragen besagen, dass sich vor allem Kirchgänger und Mütter von der Partei abwenden. Derweil finden sich die Demokraten auf ungewohntem Terrain: Sie gelten plötzlich als die Partei der nationalen Sicherheit und moralischen Werte.

"Was Schwule nun mal tun"

Doch in vier Wochen kann sich noch viel ändern, und die Republikaner sind bereits oft voreilig totgesagt worden. Schon hat das National Republican Congressional Committee (NRCC) zusätzliche 7,8 Millionen Dollar in den Wahlkampf gesteckt, um die 30 wackligsten ihrer Repräsentantenhaussitze zu stützen - mit neuen TV-Werbespots, Postwurfsendungen und Telefonanrufen bei den Wählern zu Hause.

Andere schrecken auch vor härteren Bandagen nicht zurück. Der konservative Fernsehprediger Pat Robertson schlug folgende Sprachregelung vor, um die Partei vom Foley-Debakel zu distanzieren: "Der Mann tat, was Schwule nun mal tun." Der Abgeordnete Chris Cannon sekundierte: "Man braucht keinen Schwulen-Radar, um zu verstehen, dass er gewisse Neigungen hat."

"Beschämend", nannte Patrick Sammon, der Vizechef der Log Cabin Republicans, der Schwulengruppe der Partei, diese hauseigene Ausgrenzungsstrategie gestern etwas hilflos.

Alles nur ein "Streich"

Bei der Basis zieht das aber. Die "New York Times" berichtete von einem christlichen Rockkonzert in North Virginia, bei dem die Fans die Schuld an dem Schlamassel fröhlich auf "Foleys Lifestyle" schoben. "Newsweek"-Kolumnistin Eleanor Clift protestierte: "Was Foley tat, hatte nichts mit Schwulsein zu tun, sondern damit, dass er seine Macht über Schüler missbrauchte. Und das Schweigen seiner Kollegen machte sie zu Komplizen."

Andere Konservative versuchen, die Opfer zu Tätern zu machen. James Dobson, Gründer der Lobby-Gruppe "Focus on the Family", nannte Foleys IM-Korrespondenzen "eine Art Witz des Jungen und einiger der anderen Laufburschen". Kolumnist David Henninger sprach von einem "Streich", der Blogger Matt Drudge sogar von "Bestien", die Foley "ausgetrickst" hätten.

Dennis Hastert, der weiter um seinen Job als Sprecher des Repräsentantenhauses zittert, findet Schuldige ebenfalls überall - nur nicht in der Parteispitze, die bereits seit 2000 über Foley Bescheid gewusst haben soll, dank eines Tipps von Jim Kolbe, des einzig offen schwulen Republikaners im Kongress. "Die Leute, die diese Sache hochgehen sehen wollen", fabuliert Hastert dagegen, "sind ABC News und demokratische Agenten, finanziert von George Soros", dem liberalen Spekulanten.

Eine "Wolke über unserer Führung"

Wie sich das alles in den einzelnen Wahlbezirken auswirken wird, bleibt offen. "Congressional Quarterly", das Hausblatt des Kongresses, revidierte aufgrund des "Foley fallouts" seine Prognosen für zehn Sitze im Repräsentantenhaus und einen im Senat - zu Gunsten der Demokraten. Etwa Foleys Bezirk in Florida, der "über Nacht" an die Opposition gewandert sei, und der des Abgeordneten Tom Reynolds, einer der ersten Republikaner, die intern von Foleys E-Mails gewusst hatten.

Und so distanziert man sich in den Wahlkreisen panisch in alle Richtungen. Der Abgeordnete Ron Lewis, der Hastert heute eigentlich zu einem Fundraising-Dinner in Kentucky empfangen wollte, lud diesen flugs wieder aus - wegen "dieser Wolke über unserer Führung". Auch der Abgeordnete Mike Sodrel in Indiana ließ eine Hastert-Veranstaltung platzen. Andere Termine sagte Hastert vorsorglich selbst ab.

Nur einen nicht: Ein Gala-Dinner für zwei republikanische Abgeordnete im Chicago Hilton am Donnerstag, mit einem Eintrittspreis von 1000 Dollar pro Nase. Hauptredner George W. Bush muss sich da nun das Rampenlicht teilen, was keinem richtig schmeckt: "Wir sehen dies als einen Bush-Event, nicht einen Hastert-Event", nörgelte einer der Veranstalter zum konservativen Kolumnisten Robert Novak.

Taubenschießen in Florida

Auch Tom Reynolds, der wegen seiner langen Kenntnis der Foley-E-Mails belagerte Top-Republikaner, duckt sich weg. Er sagte einen Auftritt in einer ABC-Talkshow ab - wegen "grippeähnlicher" Unpässlichkeit. Zum Ersatz schickte die Partei Reynolds Kollegen Adam Putnam an die Front, der dafür einen Ausflug zum Taubenschießen in Florida abbrach.

Ein Ende des Dramas ist nicht in Sicht - im Gegenteil. Der Ethikausschuss des Kongresses, der den Skandal aufrollen soll, hat bereits erste Zeugen vernommen. 44 Vorladungen wurden bisher ausgeschickt, davon auch an besagte Namen auf der schwulen "Liste". Ein erster, unfreiwillig geoutet, hat seinen Job bereits verloren: Reynolds Stabschef Kirk Fordham, zuvor in gleicher Position bei Foley. "Die Jagdsaison auf schwule Republikaner", fürchtet die Aktivistin Hilary Rosen, "hat begonnen."

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