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07. Juli 2014, 13:19 Uhr

Zum Tode Eduard Schewardnadses

Sargträger der Sowjetunion

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Als Außenminister der Sowjetunion stellte Eduard Schewardnadse die Weichen für die deutsche Wiedervereinigung. Doch beim Regieren seiner georgischen Heimat hatte er keine glückliche Hand. Nun ist er im Alter von 86 Jahren gestorben.

Eduard Schewardnadse ist tot: Er starb an diesem Montag nach langer Krankheit mit 86 Jahren. Sein Leben war überschattet vom Wirken eines anderen, weit gewichtigeren Georgiers: Josef Dschugaschwili, bekannter unter seinem Parteinamen Stalin. Als Schewardnadse im Januar 1928 in dem Dorf Mamati im Westen Georgiens geboren wurde, hatte Stalin sich in der herrschenden Kommunistischen Partei (KP) gerade gegen seinen Widersacher Leo Trotzki durchgesetzt. Dessen Anhänger ließ Stalin mit Terror verfolgen.

In die Fänge der Geheimpolizei gerieten bald Unzählige, die im Verdacht standen, sich regimefeindlich geäußert zu haben. 1937 verhaftete die Geheimpolizei auch Schewardnadses Vater Amwrosi, einen Lehrer. Doch im Kaukasus galten Freundschaftsbande oft mehr als Parteiideologie. Ein früherer Schüler und Geheimdienstagent setzte sich für Schewardnadse Senior ein, der Vater kam frei.

Anpassung an den Zeitgeist und eine Bereitschaft zum Verhandeln auch in schwierigen Lagen waren die Lektion, die der junge Schewardnadse für sein Leben daraus zog. 1948, mit 20 Jahren, trat er in die KP ein und besuchte drei Jahre später eine Parteischule. Die lehrte damals schon weniger die Philosophie von Karl Marx als das Schwimmen mit dem Strom. Dann ging es die Karriereleiter steil hinauf. Mit 29 Jahren, 1957, wurde Schewardnadse Chef des Kommunistischen Jugendverbands in der Georgischen Sowjetrepublik.

Ein Jahr darauf saß er im Zentralkomitee der georgischen KP, mit 37 avancierte er zum georgischen Innenminister. Es war die zweite Hälfte der Sechzigerjahre, Stalins Terror war schon Geschichte. Und hinter tönenden Tischreden von KP-Funktionären und Treueschwüren gegenüber der großen Sowjetunion richteten sich Clans und Cliquen ein. Georgien, der blühende Obstgarten des Sowjetlandes, war ein Dorado für Schieber, korrupte Staatsfunktionäre und Jongleure mit schwarzen Kassen.

In dieser Welt des schillernden und schimmelnden Spätsozialismus brachte es Schewardnadse 1972 zum KP-Chef Georgiens. Aus Sicht der Moskowiter, die ihn eingesetzt hatten, machte er sich gut. Er feuerte Minister und Kreisparteichefs im Kampf gegen Korruption zu Dutzenden - und saß bald fest im Amt. Doch Georgien blieb ein Sprengel mit durch Korruption perforierter Planwirtschaft und kommunistischen Sonntagsrednern.

Der Orden "Held der sozialistischen Arbeit" schmückte zwar Schewardnadses Brust. Zugleich war er gespalten. Auf der einen Seite formal treuer Parteifunktionär. Aber auch ein Mann, der wusste, dass das bestehende System der Staatswirtschaft nicht funktionierte. Darin war er sich einig mit einem anderen fast gleichaltrigen Funktionär, den er seit seiner Arbeit im Jugendverband kannte: Michail Gorbatschow. Als der im März 1985 überraschend Generalsekretär der KPdSU wurde, ernannte er Schewardnadse zum Außenminister der Sowjetunion.

Freundlicher Konkursverwalter des Sowjetreiches

Außenpolitische Expertise hatte der Georgier nicht, aber die war in der neuen sowjetischen Führung auch nicht mehr gefragt. Die durch Ölpreisverfall und den Afghanistan-Krieg angeschlagene Supermacht suchte unter Gorbatschow für die Außenpolitik keinen erfahrenen Diplomaten, sondern einen freundlichen Konkursverwalter.

Schewardnadses im Kaukasus erlernte Fähigkeit, zu manchem Kompromiss "Ja" zu sagen, den andere Funktionäre abgelehnt hätten, war nun in Moskau gefragt. Der Kaukasier verstand sich bald blendend mit Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher. Mit ihm handelte er nach dem Mauerfall im November 1989 den Fahrplan für die Deutsche Wiedervereinigung aus. Im Jahr 1990 beteiligte er sich an der Auflösung des Warschauer Paktes.

Damit entließ Moskau seine osteuropäische Verbündete in die westliche Einflusssphäre. Auch die baltischen, südkaukasischen und zentralasiatischen Sowjetrepubliken, selbst Weißrussland und die Ukraine setzten sich vom russischen Kernland ab. Schewardnadse gab dazu seinen Segen. Dabei erwies sich der Georgier als "Totengräber des Sowjetreiches", so der Diplomat und Genscher-Mitarbeiter Reinhard Bettzuege.

Bald nach der Auflösung der Sowjetunion im Dezember 1991 begann für Schewardnadse "der schwierigste Job, den ich je hatte", wie er in einem ARD-Interview gestand. Nach einem Putsch gegen den gewählten, extrem nationalistischen ersten Präsidenten Georgiens, Swiad Gamsachurdia, ließ sich Schewardnadse im März 1992 von den Aufständischen zum Chef eines "Staatsrates" küren. Dafür hatte er auch das Wohlwollen Moskaus. Legitimiert durch freie Wahlen war er nicht. Ihn trieb der Wunsch, das Land aus Chaos und Bürgerkrieg zu führen. Das gelang ihm, jedoch zu einem hohen Preis.

Geschickter Balanceakt zwischen Moskau und dem Westen

Seine politischen Partner waren Banditen und Berufskriminelle, mit langen Vorstrafen und dunklen Sonnenbrillen. Zwar servierte der listige Altfunktionär die Obermafiosi allmählich ab. Doch um seine Macht zu festigen, bot er ihnen einen Raubzug an: eine Invasion in der von Georgien abgespaltenen Republik Abchasien im August 1992. Die Abchasen wollten zusammen mit den Russen in einem multinationalen Staatsverbund leben, während die Georgier einen von Moskau unabhängigen Nationalstaat anstrebten.

Das Ergebnis des mehr als einjährigen Blutbades: Georgien verlor den Krieg, es gab Tausende von Toten auf beiden Seiten. Rund 200.000 georgische Flüchtlinge verließen Abchasien. Die kleine Republik wurde de facto unabhängig und 2008 von Russland als Staat anerkannt.

Schewardnadse musste sich mit der Macht in einem verkleinerten und verarmten Georgien begnügen. Dort bestimmten Korruption, Vetternwirtschaft, Stillstand und Kriminalität den Alltag. Auch Schewardnadses Familie bereicherte sich schamlos.

Manipulierte Ergebnisse von 73 Prozent 1995 und 82 Prozent im Jahre 2000, mit denen sich der Politpatriarch wählen ließ, täuschten Stabilität vor. Außenpolitisch balancierte der Staatschef geschickt zwischen Moskau und dem Westen.

Immer wieder Attacken auf den Präsidenten

Mehrmals entging der Präsident nur knapp Mordanschlägen. Gestürzt wurde er im November 2003 schließlich von seinem früheren Justizminister Micheil Saakaschwili, der sich an die Spitze einer Protestbewegung gegen Wahlfälschung gestellt hatte und das Parlament stürmte. Schewardnadse zog sich in eine Villa am Stadtrand von Tiflis aufs Altenteil zurück, Amnestie und staatliche Leibwache inklusive.

Seinen Nachfolger Saakaschwili, der sich im Januar 2004 mit verdächtigen 96 Prozent zum Präsidenten wählen ließ, kritisierte er mehrmals, auch in Interviews mit SPIEGEL ONLINE. Vor allem warf er ihm vor, sein Angriff auf Zchinwali, die Hauptstadt der abtrünnigen Republik Südossetien, im August 2008 sei ein "Fehler" gewesen. Dieser Einmarsch zog einen massiven russischen Gegenschlag nach sich. Georgien habe, so Schewardnadse, "das Prinzip der friedlichen Vermittlung nicht einfach aufgeben dürfen".

Eine aus der bitteren Erfahrung des Abchasien-Krieges gewonnene Lehre konnte er seinem Nachfolger nicht vermitteln: Dass politische Konflikte im Kaukasus nicht mit militärischen Mitteln gelöst werden können.

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