US-Informant Snowden in Moskau gelandet Der Kreml als Fluchthelfer

Edward Snowden ist laut WikiLeaks in Moskau gelandet. Für den US-Whistleblower ist die russische Hauptstadt vermutlich nur ein Zwischenstopp, er will angeblich über Kuba nach Venezuela fliegen. Mancher russische Politiker will den Fall trotzdem für antiamerikanische Propaganda nutzen.
US-Informant Snowden in Moskau gelandet: Der Kreml als Fluchthelfer

US-Informant Snowden in Moskau gelandet: Der Kreml als Fluchthelfer

Foto: TATYANA MAKEYEVA/ REUTERS

Es gibt nicht viele Amerikaner, deren Ankunft in Moskau Jubel auslöst, weder US-Präsident Barack Obama noch sein Außenminister John Kerry zählen dazu. Begeisterung brach sich gleichwohl Bahn, als russische Medien meldeten: NSA-Informant Edward Snowden hat Hongkong verlassen, an Bord eines russischen Flugzeugs, Ziel Moskau.

"Mr. Snowden, stay in Russia!", twitterte der Duma-Abgeordnete Robert Schlegel. Er war früher Pressesprecher der Kreml-Jugend "Naschi" (die Unsrigen), die berüchtigt ist für aggressive Aktionen gegen ausländische Diplomaten. "Cool, dass Snowden sich entschlossen hat, nach Russland zu fliegen", so Schlegel weiter. "Ich hoffe, er wird in Moskau bleiben."

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US-Whistleblower: Snowdens Ankunft in Moskau

Foto: AP/dpa

Snowden als politischer Flüchtling im Riesenreich, das wäre ein gefundenes Fressen für Russlands antiamerikanische Propaganda. Der Kreml ist es leid, vom Westen andauernd wegen Verletzungen von Presse- und Meinungsfreiheit an den Pranger gestellt zu werden. Snowdens Fall bietet Russland die Gelegenheit, den Spieß einmal umzudrehen. Der Kreml könnte sich als Schutzmacht eines Whistleblowers profilieren, der es mit Amerikas mächtigen Geheimdiensten aufgenommen hat - und dem die Sympathien der Welt gehören.

Die russische Führung hatte bereits angedeutet, Snowden könne auf Asyl hoffen. Der Amerikaner aber hat wohl andere Pläne. Moskaus Flughafen Scheremetjewo, so wird kolportiert, ist nur Zwischenstopp. Von dort soll es weitergehen, vermutlich über Kuba nach Venezuela - so berichten es russische Nachrichtenagenturen unter Berufung auf Mitarbeiter der Fluglinie Aeroflot, mit deren Maschine Snowden unterwegs ist.

Begleitet wird er offenbar von Diplomaten und WikiLeaks-Juristen. Das teilte zumindest die Enthüllungsplattform mit . Snowden habe um die Hilfe von WikiLeaks gebeten. Er habe Hongkong legal verlassen und sei nun über eine sichere Route auf dem Weg in eine demokratische Nation, um dort Asyl zu bekommen.

Der Whistleblower landete um kurz nach 15 Uhr mitteleuropäischer Zeit in Moskau. Plant Snowden wirklich den Weiterflug in die Karibik, bliebe den russischen Geheimdiensten genug Zeit, ihm einen Verbleib in der russischen Hauptstadt schmackhaft zu machen. Der nächste Flieger nach Havanna verlässt Moskau erst Montag gegen 14 Uhr.

"Peking verabscheut Konflikte, Moskau begrüßt sie"

Offiziell zeigte sich der Kreml überrascht von Snowdens Reiseplänen, man habe davon vorab keinerlei Kenntnis gehabt, so Putins Sprecher Peskow. Allzu glaubwürdig erscheint das nicht, schließlich gehört Aeroflot noch immer mehrheitlich dem russischen Staat.

Dass China Snowden loswerden wollte und Russland nun den Fluchthelfer gibt, ist für Dmitrij Trenin vom Moskauer Carnegie-Center kein Zufall: "Der Snowden-Fall zeigt die Unterschiede in Chinas und Russlands Herangehensweise gegenüber den USA. Peking verabscheut Konflikte, Moskau begrüßt sie."

Das war schon 2012 so, als Russlands englischsprachiger Regierungssender Russia Today Julian Assange eine eigene Talkshow gab, während Washington den WikiLeaks-Gründer vor Gericht stellen will.

Moskaus Begeisterung für Dissidenten und Geheimnisverräter beschränkt sich allerdings auf Whistleblower, die sich mit westlichen Regierungen und Geheimdiensten anlegen. Der Journalist und Ökoaktivist Grigori Pasko, der die Verklappung von Atommüll durch Russlands Pazifikflotte enthüllt hatte, wurde 2001 zu vier Jahren Haft verurteilt, wegen Landesverrats und Spionage.

Entsprechend überschaubar ist die Zahl von Whistleblowern mit Zivilcourage: 2009 packte der Milizmajor Alexej Dymowski auf YouTube aus über Missstände und Korruption bei Russlands Polizei, daraufhin wanderte er für 42 Tage ins Gefängnis. Anfang 2011 enthüllte die Moskauer Justizangestellte Natalija Wasiljewa, dass der Richter im zweiten Chodorkowski-Prozess das Urteil nicht selbst geschrieben hatte, sondern nach Anweisungen seiner Vorgesetzten.

Die Kameramänner werden auf ihn warten

Die Lage ist für Enthüller seitdem nicht besser geworden. Die Staatsduma verschärfte Ende 2012 das Gesetz über Hochverrat. Demnach drohen jedem Russen, der mit internationalen Organisationen zusammenarbeitet, bis zu vier Jahre Haft, sofern die Arbeit der Organisation als "Aktivität gegen die Sicherheit Russlands" gewertet wird.

Snowden hat China ohne ein gültiges russisches Visum verlassen. Auf einen Weiterflug müsste er deshalb im Transitbereich des Moskauer Flughafens Scheremetjewo warten. Die Kameras des russischen Staatsfernsehens werden ihn dort erwarten.

Ob denn Russia Today den NSA-Informanten nach der Landung treffen werde, wollte der Abgeordnete Robert Schlegel bei Twitter wissen. Chefredakteurin Margarita Simonjan antwortete prompt: "Darauf kannst du wetten."

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