SPIEGEL ONLINE

Ehemaliger IWF-Chef Strauss-Kahn kommt gegen Kaution frei

Der zurückgetretene IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn darf bis zum Prozessbeginn gegen Kaution das Gefängnis verlassen, steht aber unter Hausarrest. Gegen ihn wurde formell Anklage erhoben. Beim Währungsfonds beginnen die Gespräche über seine Nachfolge.

New York - Dominique Strauss-Kahn darf das Gefängnis verlassen, der unter dem Verdacht der versuchten Vergewaltigung in den USA festgenommene frühere IWF-Chef kommt gegen Kaution in Höhe von einer Million Dollar (700.000 Euro) frei. Dies entschied am Donnerstag ein Gericht in New York.

Der 62-Jährige wird allerdings zunächst unter Hausarrest stehen - und dort rund um die Uhr mit Kameras überwacht werden. Auch soll Strauss-Kahn jederzeit einen bewaffneten Aufpasser an seiner Seite haben, den er selbst bezahlen muss. Seine Anwälte hatten außerdem erklärt, er solle eine elektronische Fußfessel tragen. Laut Gerichtsunterlagen händigte er bereits seinen Pass aus.

Zuvor war bekannt geworden, dass der zurückgetretene IWF-Chef sich nun auf ein Verfahren in den USA einstellen muss. Die Geschworenen der Grand Jury hätten gegen den Franzosen formell Anklage erhoben, teilte die Staatsanwaltschaft mit - und zwar in allen sechs von den Ermittlern beantragten Punkten. Sie werfen dem Franzosen unter anderem versuchte Vergewaltigung, Freiheitsberaubung sowie sexuelle Nötigung vor. Ihm drohen bis zu 25 Jahre Haft.

Fotostrecke

Anhörung in New York: Strauss-Kahns erster Erfolg vor Gericht

Foto: STEPHEN CHERNIN/ AFP

Strauss-Kahn soll am Samstag ein Zimmermädchen in einem New Yorker Luxushotel sexuell angegriffen und zum Oralsex gezwungen haben. Sollte Strauss-Kahn auf nicht schuldig plädieren - was sein Anwalt angekündigt hat - kommt es damit zu einem Gerichtsverfahren. Als Termin für die Anklageerhebung wurde der 6. Juni festgesetzt.

Hausarrest in Manhattan

Die Nacht wird der Franzose noch im Gefängnis verbringen, am Freitag soll dann die Haftverschonung gegen Auflagen in Kraft treten. Den Hausarrest soll er in einer Privatwohnung in Manhattan verbringen. Außerdem muss Strauss-Kahn weitere Garantien in Höhe von fünf Millionen Dollar nachweisen, dafür sollen seine Häuser als Sicherheit dienen.

Strauss-Kahns Frau Anne Sinclair und seine Tochter waren zu der Verhandlung nach New York gekommen, Sinclair wirkte tief betroffen. Sie war am Montag in die Stadt gereist, im Gepäck Bankgarantien für eine Million Dollar, die als Kaution angeboten wurden. Der Beschuldigte selbst sah müde aus. Er lächelte Frau und Tochter zu, als er sich setzte. Der 62-Jährige trug einen dunkelgrauen Anzug und ein offenes Hemd.

Schon Stunden vor dem Gerichtstermin standen Hunderte Reporter und Schaulustige vor dem Gebäude des Supreme Court. Vor dem Eingang bildete sich eine lange Schlange, an jeder Ecke war Französisch zu hören. William Taylor, Anwalt Strauss-Kahns, demonstrierte vor der Anhörung Zuversicht. "Er ist unschuldig. Wir sind guter Hoffnung, ihn heute, morgen oder spätestens in der nächsten Woche freizubekommen", sagte der Verteidiger dem französischen Radiosender RTL. "Es geht ihm gut. Er ist optimistisch und gesund", ergänzte Taylor.

Ein erster Antrag auf Haftverschonung war am Montag wegen Fluchtgefahr abgelehnt worden, Strauss-Kahn wurde anschließend auf einer New Yorker Gefängnisinsel inhaftiert. Der Franzose hatte am Donnerstag in einem emotionalen Schreiben seine Unschuld beteuert - und seinen Rücktritt von der Spitze des IWF erklärt. Er wolle Schaden von seiner Familie und vom Währungsfonds abhalten, hieß es darin.

IWF beginnt Gespräche über Nachfolge

Zwischen Europa und den großen Schwellenländern ist derweil ein Streit über die Nachfolge entbrannt. Spitzenvertreter der EU reklamierten das einflussreiche Amt umgehend für Europa. China und Brasilien stellten das Gewohnheitsrecht Europas dagegen in Frage. Frankreichs Finanzministerin Christine Lagarde kristallisierte sich als mögliche Favoritin für eine Kandidatur der Europäer heraus.

Das Amt des Geschäftsführenden Direktors des IWF ist eines der wichtigsten in der Finanzwelt. Nur Stunden nach dem Rücktritt Strauss-Kahns hat der Verwaltungsrat des Währungsfonds mit Beratungen über eine Nachfolgeregelung begonnen. Nach Angaben von Interimschef John Lipsky nahm das Gremium am Donnerstag Gespräche "über einen Rahmen für den Auswahlprozess" auf. Diese sollen an diesem Freitag fortgesetzt werden. "Wir wollen, dass das so schnell wie möglich über die Bühne geht", zitierte das "Wall Street Journal" Lipsky.

Zuvor hatte sich auch die US-Regierung dafür ausgesprochen, den Posten an der IWF-Spitze rasch neu zu besetzen. Die Suche nach einem Ersatz müsse in einem "offenen Prozess" erfolgen, hieß es in einer Mitteilung des Finanzministeriums.

fdi/AFP/Reuters/dpa
Mehr lesen über Verwandte Artikel