Ehud Barak Der Kabinettsgeneral

Analytiker, Einzelkämpfer, aber kein Kommunikator: Ehud Barak besitzt jene Eigenschaften, die einen guten General ausmachen - und einen schlechten Politiker.

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Nicht die Kommunikation ist seine Stärke, sondern die Analyse: Ehud Barak
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Nicht die Kommunikation ist seine Stärke, sondern die Analyse: Ehud Barak

Lea Rabin war voll des Lobes. "Ehud Barak heilt die Wunden, die der Mord an meinem Mann verursacht hat", sagte die Witwe des erschossenen Premiers Jizchak Rabin über dessen Nachfolger. Das war 1999. Ein Jahr später, kurz bevor sie starb, hatte sie ihre Meinung geändert: Mit scharfen Worten forderte sie Barak auf, den alten Partner ihres Mannes, Schimon Peres, zu PLO-Chef Jassir Arafat zu schicken. "Wenn Jizchak noch Premier wäre, hätte Arafat es nicht gewagt, diese Unruhen anzufangen", sagte die Rabin-Witwe.

Gerade einmal anderthalb Jahre hat Baraks Koalitionsregierung gehalten. Dabei war er furios gestartet: Er siegte mit 56 zu 44 Prozent klar über seinen Vorgänger Benjamin Netanjahu, ernannte erstmals einen Araber zum stellvertretenden Außenminister, bastelte eine breite Koalition zusammen und sprach aus, was heute sogar die Opposition zugibt: "Um einen palästinensischen Staat kommen wir nicht herum."

Blauer Anzug statt Khaki-Uniform

Ein Jahr später führte Barak nur noch eine Minderheitsregierung - zu stark waren die Gegensätze innerhalb der Koalition, zu stark die Ablehnung gegen seine Friedenspolitik. Seitdem wirkt der Premier noch zurückhaltender als sonst.

Seit der am höchsten dekorierte General Israels die Khaki-Uniform gegen den blauen Anzug austauschte und Politiker wurde, wirkt der kleine Mann mit den Mausaugen ungemein steif. Nur seine Frau Nava behauptet das Gegenteil. "Ehud war früher viel verschlossener als heute", verteidigt sie ihren Mann. "Er hat gelernt, sich auch Fremden zu öffnen. Aber er hasst es, etwas zu versprechen, was er nicht halten kann. Darin ähnelt er Jizchak Rabin."

Der Vergleich mit seinem Mentor Rabin liegt nahe: Beide wurden vom Generalstabschef zum Premierminister, beide waren keine Parteisoldaten und schafften trotzdem den Sprung an die Spitze der Arbeitspartei, und beide traten mit derselben Botschaft an: Land gegen Frieden.

Der große Friedenswurf gelang Barak nicht

Doch je länger Barak im Amt ist, desto mehr unterscheidet er sich von seinem politischen Vater. Das Erfolgsrezept Rabins lag darin, im Geheimen zu verhandeln und dann vollendete Tatsachen zu schaffen. Bei den Friedensgesprächen in Oslo überließ Rabin seinem Partner Schimon Peres die Rolle des Friedensarchitekten und nahm selbst den Platz des Bauherren ein.

Barak hingegen schob Friedensnobelpreisträger Peres auf den eigens geschaffenen Posten des Regionalministers ab. Nur auf Drängen von Lea Rabin durfte Peres jüngst zu Arafat nach Gaza reisen. Auch die verdienten Friedenspolitiker Jossi Beilin und Jossi Sarid erhielten unbedeutende Kabinettsposten. Die wichtigen Ämter verteilte Barak an Hardliner oder übernahm sie gleich selbst, wie das Verteidigungsministerium und zeitweise auch das Außenministerium.

Minister sind für Barak Soldaten

Kein Wunder, dass Peres sich düpiert fühlte und sogar mit dem Gedanken spielte, für die Wahl zum Premierminister zu kandidieren. So behandelt Barak seine Minister nicht wie Kollegen, sondern wie Soldaten, deren Verlust zwar eine Lücke reißt, die aber sofort durch den Nächsten ersetzt werden kann.

Dementsprechend fiel Baraks Informationspolitik aus. Vieles erfuhren seine Minister gar nicht, manches nur aus der Zeitung. Insofern ähnelt der noch amtierende Premier mehr seinem Vorgänger Benjamin Netanjahu. "Ich habe nicht genug Aufmerksamkeit in persönliche Gespräche investiert", erkannte Barak nach einem Jahr Amtszeit.

Immerhin erreichte er ein Zwischenabkommen

Intensive Gespräche führte er dagegen mit den Palästinensern. In zähen Verhandlungen erreichte er immerhin ein Zwischenabkommen, in dem Israel weitere Teile des Westjordanlandes abtrat. "Es waren die härtesten Verhandlungen, die ich in den letzten dreieinhalb Jahren führen musste", resümiert der palästinensische Chefunterhändler Sajib Erekat.

Trotzdem gelang Barak nicht der große Friedenswurf. Zwar war daran auch Arafat schuld, der Baraks großzügige Angebote in Camp David ausschlug. Die Verantwortung für die zweite Intifada muss sich auch der kompromisslose Palästinenserführer zuschreiben.

Doch so wie Arafat nicht die Opposition verprellen wollte, strebte Barak danach, der Premier aller Israelis zu sein - eine Utopie angesichts der ideologischen Grabenkämpfe zwischen rechten und linken, säkularen und orthodoxen Juden.

Seine Stärke ist nicht die Kommunikation, sondern die Analyse

"Man muss ständig angreifen und Verwirrung stiften, um den Gegner zu zwingen, seine Pläne zu ändern" - so hat der 58-Jährige einmal seine Strategie zusammengefasst. Das Kalkül ist nicht aufgegangen. Baraks Stärke ist eben nicht die Kommunikation, sondern die Analyse.

"Sein Hobby ist Denken", sagt sein ehemaliger Wahlkampfmanager James Carville. Er will alles bis in kleinste Detail verstehen - so wie bei den alten Uhren, die er gerne auseinander nimmt.

Zuweilen können seine Analysen Barak auch zu überraschenden Erkenntnissen führen. Auf die Frage, wo er sich sähe, wenn er als Palästinenser zur Welt gekommen wäre, antwortete Barak einst mit verblüffender Offenheit: "Dann hätte ich mich vermutlich auch einer terroristischen Organisation angeschlossen."



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