Eigenheime in Europa "Ich wohne, also bin ich"

In Frankreich wohnt die Hälfte der Menschen im Eigenheim, auch Litauer mieten nicht gern. Italiener lieben ihre "casa mia" und Spanier bleiben lange bei den Eltern. Vier Hausbesuche.
Stéphanie und Kristof, romantische Bretonenkate: "Ein Traum und eine gute Investition"

Stéphanie und Kristof, romantische Bretonenkate: "Ein Traum und eine gute Investition"

Foto: hhkohl/2015

Der Traum von der kleinen bretonischen Kate

Von Stefan Simons

"Das hier ist unser Traum": Stéphanie, 31, und Kristof, 47, stehen vor ihrem ersten gemeinsamen Heim. Das Paar hat die kleine bretonische Kate im vergangenen Jahr renoviert und bezogen. Nun haben sie auf 36 Quadratmetern zwei Zimmer: unten die Wohnküche, im ersten Stock das Schlafzimmer, WC und Dusche. Dazu ein Schuppen mit 140 Quadratmetern Ausbaureserve, ein großer Garten und ein weiter Blick auf die Küste der Côte d'Amor.

"Die 110.000 Euro sind eine gute Investition", sagt der ehemalige Seemann und Feuerwehrmann Kristof. Die derzeitigen Zinsen bezeichnet er als "extrem günstig". "Wir wollten ein altes Haus aus Stein", sagt die Romanistin Stéphanie. Sie hat Erfahrungen als Schreinerin und Maurerin gesammelt und bezeichnet das Haus nun als "Projekt für das ganze Leben".

Das Paar ist typisch für Frankeich. "Den Traum von der eigenen Wohnung träumt ein Großteil der Menschen, unabhängig von der gesellschaftlichen Klasse", schreibt Fabrice Larceneu vom Nationalen Zentrum für Sozialforschung (CNRS). Für die Hälfte der Franzosen ist dieser Traum bereits Realität geworden, so der Dozent der Pariser Université Dauphine in seiner Studie zu den "psycho-sozialen Motiven des Erwerbs von Eigentum".

Den Besitz der eigenen vier Wände beschreiben 91 Prozent der Franzosen als "ideale Situation". Selbst wenn der Kauf mit hohen Belastungen einhergeht und die Kaufkraft der Familien dadurch einschränkt ist, gilt die Anlage als symbolischer Akt der Identitätsstiftung. "Ich wohne, also bin ich", fasst der Dozent die Motivation zusammen.

Trotz einer Stagnation bei den Neubauten und steigender Preise, verfügen die Franzosen mit knapp 34 Millionen Wohnungen europaweit über den größten Immobilienbesitz. Für 1000 Einwohner stehen damit durchschnittlich 530 Wohnungen zur Verfügung. Allerdings schließt diese Aussage auch Zweit- und Ferienwohnungen mit ein: 2,86 Millionen Einheiten stehen laut dem Verband der Maklerorganisationen leer.

Seit der Immobilienkrise hat die "Schutzfunktion" von Besitz jedoch an Wirkung verloren. Das erläutert die Stiftung Abbé Pierre in ihrem aktuellen Bericht. Trotz gesetzlicher Versuche, den Immobilienmarkt anzukurbeln, sind mehr als zehn Millionen Franzosen von Wohnungsnot betroffen: Es sind die Obdachlosen, die Mieter in unwürdigen oder überfüllten Unterkünften und Familien, die rechtlos Wohnungen nutzen oder in der Warteschleife für Sozialwohnungen hängen.

Brachfläche in Oropesa del Mar, Spanien: Ende 2007 platzte die Immobilienblase

Brachfläche in Oropesa del Mar, Spanien: Ende 2007 platzte die Immobilienblase

Foto: David Ramos/ Getty Images


Das spanische Eigenheim auf Lebenszeit

Von Helene Zuber

Clarisa und José Antonio kennen sich schon lange. Beide haben gute Jobs in der Kleinstadt Huesca am Fuße der Pyrenäen im Nordosten Spaniens: Sie hat Jura studiert und arbeitet als Beamtin für das Innenministerium. Er ist Polizist.

Doch ohne eine eigene gekaufte Wohnung wollten sie weder zusammenziehen noch heiraten - und schon gar nicht an Nachwuchs denken. Clarisa war 30 und José Antonio 36 Jahre alt, als sie endlich feierlich in der Bank ihre Unterschriften unter einen Hypothekenvertrag über 190.000 Euro setzten. Gerade einmal für 10.000 Euro Eigenanteil zuzüglich Mehrwertsteuer und Notargebühren reichten ihre Ersparnisse.

Die Verpflichtung, die beide mit dem Schritt eingingen, war vielleicht sogar ernster und wichtiger für sie als das Ehegelöbnis Monate später. Denn nach spanischem Recht haftet der Schuldner zeitlebens persönlich mit all seiner Habe für die Abzahlung. "Wir wollten so gern zusammen sein, dass wir eine zu kleine Wohnung gekauft haben", sagt Clarisa, die inzwischen Mutter ist.

Das Paar aus Huesca ist repräsentativ. Wie schon ihre Eltern und Großeltern warten die jungen Spanier meist lange, bis sie sich eine Immobilie leisten können. Deshalb bekommen sie immer später und immer weniger Kinder. Dafür lebten 2014 an die 85 Prozent der Spanier in Eigenheimen. Sie legen ihr Erspartes nicht gern auf die Bank, wo es sich kaum vermehrt, Hausbesitz hingegen garantierte eine gute Wertsteigerung. Bisher.

Als nach der Jahrtausendwende der Euro eingeführt wurde und die Hypothekenzinsen fielen, erlebte Spanien einen Immobilienboom. Mehr Häuser wurden gebaut als in Deutschland, Frankreich und Italien zusammen. Sparkassen vergaben Kredite sogar ohne Eigenmittel. Die Institute schätzten den Wert der Häuser häufig übertrieben hoch ein, finanzierten zu über 100 Prozent und drängten den Kunden, weiteres Geld für Möbel oder ein Auto zu leihen.

Ende 2007 platzte die Immobilienblase, über sechs Millionen Menschen verloren ihre Anstellung, Familien konnten die Kredite nicht mehr bedienen. Über 500 Wohnungen wurden pro Tag zwangsgeräumt, sogar im Jahr 2014 waren es noch rund hundert am Tag. Bei Räumung jedoch erkennt die Bank nur einen viel geringeren Wert an als beim Kauf. Die Schuld ist nicht getilgt, die restliche Kreditsumme samt sich anhäufender Säumniszinsen muss abgestottert werden. Ein Leben lang.

Natur und Eigenheime nahe Florenz: Toskanisches Bauernland an Italiens Westküste

Natur und Eigenheime nahe Florenz: Toskanisches Bauernland an Italiens Westküste

Foto: © Max Rossi / Reuters/ REUTERS


Italiener lieben ihre "casa mia"

Von Hans-Jürgen Schlamp

Marco, 35, freier Fotograf, zeigt auf ein hässliches Hochhaus, in einer hässlichen Trabanten-Siedlung am Rande der Adria-Hafenstadt Bari. "Da oben im 11. Stock, das linke Fenster, da ist meine Wohnung". Er hat sie gerade gekauft. Wohnraum, Küche, Bad für knapp 50.000 Euro. Die Hälfte hat er gespart, der Rest kam von der Familie. Marco ist glücklich. Er wird seine Freundin heiraten, eine Familie gründen, in der eigenen Wohnung leben, "in casa mia".

So viel Geld kann die Familie von Renzo, 30, nicht beisteuern. Sie wohnt im toskanischen Bauernland an Italiens Westküste. Hier zieht man Artischocken und Zucchini - davon wird man nicht reich. "Wir brauchen keine große Wohnung mehr", sagt Vater Aldo. Also versetzt er ein paar Mauern im Haus: Die Eltern ziehen nach hinten, wo die große Küche und die Abstellkammern waren; vorne hat Renzo jetzt seinen eigenen Wohnbereich und kann ans Heiraten denken. Später wird er ohnehin das ganze Haus erben.

Das Eigenheim ist traditionell ein Ziel für die meisten Italiener. In der Stadt kaufen sie eher eine Etagenwohnung, auf dem Land ein Haus oder einen Teil des Familienbesitzes. Fast 80 Prozent von ihnen haben Immobilieneigentum. Luxuriös sind die Wohnungen jedoch nicht alle: Die ärmeren Eigentümer wohnen sehr bescheiden.

Doch die Situation ist angespannt: Seit einigen Jahren sind die Preise für Wohneigentum zwar um 10 bis 15 Prozent gefallen. Seit der Finanzkrise hat aber fast die Hälfte der jungen Italiener keinen festen Job. Deshalb geben die Banken ihnen keine Kredite. Und der überschuldete Staat legt immer mehr Steuern und Gebühren auf Immobilien um. Derzeit sind etwa eine halbe Million Objekte "da vendere", zu verkaufen - nur ein Viertel davon sind Neubauten. Fachleute sprechen von einem "stillstehenden Markt".


Litauen träumt vom Dorf in der Großstadt

Von Daiva Repeckaite

"Die Vorteile des eigenen Hauses sind, dass man keine Miete zahlen muss, die Nähe zur Natur und die Möglichkeit, rund um das Haus Pflanzen zu setzen", sagt Ana Rozanova, 29, aus Vilnius. Gemeinsam mit ihrem Mann wartet sie, bis ihr kleines Haus im September fertig ist. 94 Prozent der Litauer denken laut einer Umfrage so wie sie: Jeder wünscht sich seine eigene Wohnung, mehr als ein Viertel der Mieter sieht die Miete nur als Übergangslösung.

Daten der skandinavischen Swedbank bestätigen das. Die Bank bietet in allen baltischen Staaten Hypothekendarlehen an. In Anas Stadt müssen Mieter etwa 583 Euro im Monat zahlen, die Raten betragen hingegen 158 Euro für Eigentümer ohne Hypotheken, und 379 Euro für Eigentümer mit Hypotheken. Im Vergleich mit anderen EU-Ländern wohnen weniger Litauer in einem Haus (41 Prozent), die Mehrheit wohnt in Wohnungen.

Laut Europäischer Union besitzen 90 Prozent der Litauer Eigentum. Nur in Rumänien liegt der Anteil der Immobilienbesitzer im EU-Vergleich höher. Seit der Krise jedoch ist die Bevölkerung vorsichtiger geworden, nimmt nicht mehr so schnell Kredite auf. Ein typischer Hypotheken-Inhaber ist jung, gebildet und lebt in einer Großstadt.

Soziologin Dalia Ciupailaite hat über neue Wohnprojekte in Vilnius geforscht. Das Ergebnis: Für viele Stadtteile mit Einzel- oder Mehrfamilienhäusern wurde mit dem Slogan "moderne Dörfer innerhalb der Großstadt" geworben. Demnach suchen auch Stadtbewohner enge Bindungen zu ihren Nachbarn, die ihnen "ähnlich" sind.

Ana und ihr Mann haben das Gemeinschaftsgefühl hingegen nicht gesucht. Ihnen war das Design des Hauses wichtiger. "Wir wollten ein bestimmtes Modell von Haus wählen", sagt Ana. In Litauen hätte das Paar keine Firma gefunden, die sich auf kleine Häuser spezialisiert habe, erzählen sie. Dann hätten sie einen Betrieb in Lettland gefunden, der künstlerisches Design bietet und die Häuser gleich serienweise herstellt. "Wir sehen das Haus nicht als Festung für unser ganzes Leben", sagt Ana. "Das Wichtigste ist, dass wir genau das gefunden haben, was wir heute brauchen."

Making-of-Video: Die Köpfe hinter dem Betongold-Projekt

SPIEGEL ONLINE
Koordination: Vera Kämper