Ein Jahr nach dem Gaza-Krieg Israel und Hamas rüsten sich für neuen Waffengang

Die Hamas wollte die Blockade des Gaza-Streifens knacken, Israel den Beschuss mit Raketen stoppen - so begann vor einem Jahr der Gaza-Krieg. Weil keine Seite ihr Ziel erreichte, halten Analysten eine erneute Eskalation des Konflikts für unausweichlich. Das Rüsten hat bereits begonnen.

Israelischer Luftangriff im Gaza-Streifen im Januar 2009: Keine Seite hat ihr Ziel erreicht
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Israelischer Luftangriff im Gaza-Streifen im Januar 2009: Keine Seite hat ihr Ziel erreicht

Von , Beirut


Gestern Krieg, heute Ruhe, morgen vermutlich wieder Krieg: Die zweistündige Führung, die ein israelischer Kibbuznik unlängst auf der israelischen Seite der Grenze zum Gaza-Streifen gab, lässt sich auf eine recht einfache Formel reduzieren. Vor einem Jahr sei es unmöglich gewesen, sich der Grenze überhaupt zu nähern, zum Schluss habe die Hamas fast stündlich Raketen auf israelisches Territorium abgefeuert, berichtet der Guide.

Dann kam der Gaza-Krieg, mit dem Israel ab dem 27. Dezember 2008 versuchte, die über den Gaza-Streifen herrschende Hamas auszuschalten. Nach dreiwöchigen Kämpfen, bei denen etwa 1300 Palästinenser und 13 Israelis starben, einigten sich die Gegner auf einen Waffenstillstand. Von vereinzelten Verstößen gegen das Abkommen abgesehen, herrscht seither Ruhe im Gaza-Streifen und den angrenzenden israelischen Gebieten. Noch.

Analysten sind sich weitgehend einig, dass es in näherer Zukunft zu erneuten Kämpfen zwischen den Islamisten der Hamas und Israel kommen wird. Obwohl beide Seiten sich als Sieger des Krieges darstellen, kann keiner der Kontrahenten ernsthaft behaupten, er habe sein Ziel für den Waffengang 2008 erreicht. Israel wollte

  • die Hamas ausschalten,
  • den (Waffen-)Schmuggel in den Gaza-Streifen unterbinden,
  • den Beschuss durch Kassam-Raketen stoppen.

Die Hamas, die den Krieg durch massiven Raketenbeschuss über die Weihnachts-Tage im vergangenen Jahr heraufbeschwor, wollte

  • Israel dazu zwingen, seine dreijährige Blockade aufzuheben. Sie hatte das Wirtschaftsleben in dem von etwa 1,5 Millionen Palästinensern besiedelten Küstenstreifen zum Erliegen gebracht.

Doch trotz gegenteiliger Abmachungen hält Israel die Grenzen zum Gaza-Streifen immer noch weitgehend geschlossen. Damit setzt Jerusalem den einzigen greifbaren Erfolg aufs Spiel, den es nach dem Krieg vorweisen konnte: das Ende des Raketenbeschusses seines Territoriums. Sollte dem Gaza-Streifen noch länger die Luft zum Leben abgedrückt werden, wachse die Gefahr, dass die Hamas ihre Taktik bald ändere, warnen Beobachter in Gaza. Dann könnten wieder Kassam-Raketen fliegen - und das Leben der Kibbuzniks an der Grenze zum Gaza-Streifen wie vor dem Krieg unerträglich machen.

Die Tunnel sind zur Nabelschnur des Gaza-Streifens geworden

Die Hamas macht keinen Hehl daraus, dass sie sich auf eine erneute Schlacht mit Israel vorbereitet. Im September verkündete der im Exil lebende Hamas-Chef Khaled Meschal, die Hamas nutze die Atempause, um aufzurüsten. "Brüder in Palästina, trotz der Blockade und der geschlossenen Grenzen kaufen und produzieren wir Waffen, schmuggeln wir Waffen", sagte Meschal bei einem Besuch in Sudan.

Die große Frage ist, mit welcher Art von Waffen die Hamas in den vergangenen zwölf Monaten ihre Arsenale aufgestockt hat. Bislang war der Konflikt ein extremes Beispiel für einen asymmetrischen Krieg: Auf der einen Seite der jüdische Staat mit einen gut ausgebildeten und hochgerüsteten Streitkräften. Auf der anderen Seite eine Guerilla-Truppe, die allein mit Panzerfäusten, selbstgebauten Raketen und Sprengsätzen sowie Sturmgewehren in den Krieg zog.

Nach Angaben israelischer Militärs hat die Hamas jetzt nachgerüstet: Danach sollen die Islamisten heute im Besitz von Raketen sein, die 60 bis 80 Kilometer weit fliegen. Damit läge bei einer erneuten Eskalation auch Tel Aviv im Radius der Hamas-Raketen. "Unsere Feinde haben ihre Fähigkeiten bedeutend verbessert, Israel präzise und über einen langen Zeitraum unter Beschuss zu nehmen", berichtet Brigade-General Aviv Kochavi, Chef des Operationsstabs der israelischen Armee.

Die Herkunft der neuen Geschosse ist unklar. Israel geht davon aus, dass Iran, das die Hamas seit geraumer Zeit unterstützt, die Raketen entweder selbst geliefert oder zumindest ihren Einkauf auf dem internationalen Schwarzmarkt finanziert hat.

Die Waffen gelangen von Ägypten durch Tunnel in den Gaza-Streifen. Der Schmuggel unter der Grenze des Gaza-Streifens hindurch floriert. Etwa 150 von einst 3000 Schächten sollen die Bombardierungen während des Gaza-Krieges unbeschadet überstanden haben, Hunderte sollen seitdem neu gegraben worden sein. Durch die israelische Blockade sind die Tunnel zur Nabelschnur des Gaza-Streifens geworden. Durch sie wird der Küstenstreifen mit Lebensmitteln, Gebrauchsgütern versorgt - und eben mit Waffen.

Ein nächster Waffengang steht an

Für Kairo, das den Schmuggel unter seiner Grenze hindurch verhindern soll, ist die Doppelnutzung für friedliche und kriegerische Zwecke ein zentrales Problem. Um in der arabischen Welt nicht als Verräter dazustehen, der den Palästinensern im Gaza-Streifen lebensnotwendigen Nachschub vorenthält, zögerte Ägypten lange, dem unterirdischen Warenverkehr Einhalt zu gebieten.

Vergangenen Woche wurde bekannt, dass Ägypten nun damit begonnen hat, eine Stahlbarriere im Erdreich zu versenken. Die bis zu zehn Kilometer lange und bis 30 Meter tief reichende Konstruktion soll den Bau und Betrieb von Tunneln verhindern. Die Hamas, die befürchten muss, dass ihre Möglichkeit, ihre Waffenarsenale immer wieder aufzustocken, dadurch massiv beeinträchtigt wird, protestiert vehement gegen die ägyptische Maßnahme.

"Hamas sieht den andauernden Mauerbau als nicht gerechtfertigt an. Er wird dem palästinensischen Volk eine Katastrophe bescheren", sagte Hamas-Sprecher Sami Abu Zuhri am Dienstag bei einer Pressekonferenz im Gaza-Streifen. Am Montag hatten 500 Hamas-Anhänger an der Grenze gegen die Stahlbarriere demonstriert. Vergangene Woche hatte ein Heckenschütze auf den Fahrer eines ägyptischen Bulldozers geschossen.

Die Gefahr, dass es pünktlich zum Jahrestag des Krieges zu einem erneuten Aufflammen der Gewalt kommen könnte, ist minimal: Beiden Seiten ist daran gelegen, den derzeit verhandelten Gefangenenaustausch, der vermutlich in den kommenden Wochen stattfinden wird, nicht zu gefährden. "Sowohl Hamas als auch Israel haben ein Interesse, den gegenwärtigen Zustand beizubehalten. Israel will ein wenig politische Stabilität, die Hamas muss sich für den nächsten Krieg rüsten", sagt David Hartwell, Nahost-Experte bei dem Londoner Think-Tank "Jane's". Trotzdem sei davon auszugehen, dass ein nächster Waffengang anstehe: "Beide Seiten erwarten einen Konflikt. Deshalb wird er kommen."

Mit Material von AFP

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DarkSun 28.12.2009
1. Haltung von Ägypten?
Ich verstehe die Ägypter nicht. Warum öffnen die nicht ihre Grenzen für zivile Güter? Damit würde der Bedarf für die meisten Tunnels wegfallen. Warum macht Ägypten sich die harte Blockadepolitik von Israel zu eigen? Haben die Ägypter Angst, dass Israel sonst die Grenze besetzt?
lemming51 28.12.2009
2. ##
Auch in 2010: Palästina, eine ewig blutende Wunde. Es ist eine Schande !!
TheBear, 28.12.2009
3. Psychologiestudium
Zitat von sysopDie Hamas wollte die Blockade des Gaza-Streifens knacken, Israel den Beschuss mit Raketen stoppen - so begann vor einem Jahr der Gaza-Krieg. Weil keine Seite ihr Ziel erreichte, halten Analysten eine erneute Eskalation des Konflikts für unausweichlich. Das Rüsten hat bereits begonnen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,668664,00.html
Was in dem Israelo-Palestinensichen Konflikt permanent passiert, sollte zum Pflichtteil des Psychologiestudiums gehören. Wenn man versteht warum durchschnittlich oder gar überdurchschnittlich intelligente Menschen als Gruppe sich das Leben zur Hölle machen, obwohl sie alle ein Paradies auf Erden schaffen könnten, versteht man den Rest der Menschheit. Den Fall zu studieren hätte einige Vorteile: - die Situation ist sehr stabil - die Energie, mit der gegen das eigene Wohlergehen gearbeitet wird, ist sehr gross - das zu beobachtende Gebiet ist relativ übersichtlich - die Lösung für den Konflikt recht einfach: Für die gegenseitige Quälerei und Töterei aufgewendeten Mittel (finanzieller, geistiger und physischer Art) wird in Bildung und Ausbildung gesteckt.
solarfighter, 28.12.2009
4. Israel braucht den Krieg
Zitat von sysopDie Hamas wollte die Blockade des Gaza-Streifens knacken, Israel den Beschuss mit Raketen stoppen - so begann vor einem Jahr der Gaza-Krieg. Weil keine Seite ihr Ziel erreichte, halten Analysten eine erneute Eskalation des Konflikts für unausweichlich. Das Rüsten hat bereits begonnen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,668664,00.html
Krieg war immer auch ein Mittel der Innenpolitik. Das war schon so im altem Rom. Wenn man einem Krieg führt, dann kann man sich selber profilieren, von innenpolitischen Problemen ablenken. Das Volk kann man um sich scharen, und die Opposition verstummen lassen, da in diesen Zeiten gerne jede Kritik, insbesondere an dem Krieg, gerne als Vaterlandsverat eingestuft wird und die Truppen im Feld (angeblich) schwächt. (So war z.B. vor dem Irakkrieg die Mehrheit der Briten gegen den Waffengang. Als der Krieg dann aber begann, wurde kaum noch Kritik geübt.) Der Ariel Sharon hatte damals festgestellt, dass Israel hemmungslos auf die Palästinenser eindreschen kann, ohne das dies international irgendwelche Konsequenzen hatte. Es gab zwar teilweise Kritik aus Europa, aber mehr als ein paar Ermahnungen gab es nicht. Das Horrorszenario von wirtschaftlichen oder politischen Sanktionen trat nicht ein. So haben sich die Israelis mittlerweile eine Art "Instant-Feind" geschaffen. Die Palästinenser in Gaza können Israel nicht wirklich gefährlich werden, so daß jeder Waffengang ziemlich ungefährlich ist. Durch die Raketenangriffe, Selbstmordkomandos etc. sind die Hamas als Gegner präsent und der Gaza-Streifen ist Anhängig von Israel, so daß z.B. durch eine Wirtschaftsblockade ein entsprechendes Hasspotential aufgebaut werden kann. So wird es halt wieder knallen, wenn sich mal wieder jemand profilieren muss, wie beim letzten Mal, als (oh Wunder) Wahlen in Israel vor der Tür standen. Verlierer sind hier wieder mal die Palästinenser und die Ägypter. Diese versuchen durch diese lächerliche Mauer nicht in die Nähe des Feindes Hamas gestellt zu werden und hoffen auf israelische und amerikanische Touristen. Das die Hamas die Stahlwände in Stundenfrist mit Schneidbrennern durchteilt und die Stahlteile dann auch noch zum Abstützen der Tunnel verwenden wird, liegt auf der Hand.
mbockstette 28.12.2009
5. Voreingenommenen Wortmeldung
Zitat von solarfighterKrieg war immer auch ein Mittel der Innenpolitik. Das war schon so im altem Rom. Wenn man einem Krieg führt, dann kann man sich selber profilieren, von innenpolitischen Problemen ablenken. Das Volk kann man um sich scharen, und die Opposition verstummen lassen, da in diesen Zeiten gerne jede Kritik, insbesondere an dem Krieg, gerne als Vaterlandsverat eingestuft wird und die Truppen im Feld (angeblich) schwächt. (So war z.B. vor dem Irakkrieg die Mehrheit der Briten gegen den Waffengang. Als der Krieg dann aber begann, wurde kaum noch Kritik geübt.) Der Ariel Sharon hatte damals festgestellt, dass Israel hemmungslos auf die Palästinenser eindreschen kann, ohne das dies international irgendwelche Konsequenzen hatte. Es gab zwar teilweise Kritik aus Europa, aber mehr als ein paar Ermahnungen gab es nicht. Das Horrorszenario von wirtschaftlichen oder politischen Sanktionen trat nicht ein. So haben sich die Israelis mittlerweile eine Art "Instant-Feind" geschaffen. Die Palästinenser in Gaza können Israel nicht wirklich gefährlich werden, so daß jeder Waffengang ziemlich ungefährlich ist. Durch die Raketenangriffe, Selbstmordkomandos etc. sind die Hamas als Gegner präsent und der Gaza-Streifen ist Anhängig von Israel, so daß z.B. durch eine Wirtschaftsblockade ein entsprechendes Hasspotential aufgebaut werden kann. So wird es halt wieder knallen, wenn sich mal wieder jemand profilieren muss, wie beim letzten Mal, als (oh Wunder) Wahlen in Israel vor der Tür standen. Verlierer sind hier wieder mal die Palästinenser und die Ägypter. Diese versuchen durch diese lächerliche Mauer nicht in die Nähe des Feindes Hamas gestellt zu werden und hoffen auf israelische und amerikanische Touristen. Das die Hamas die Stahlwände in Stundenfrist mit Schneidbrennern durchteilt und die Stahlteile dann auch noch zum Abstützen der Tunnel verwenden wird, liegt auf der Hand.
Ihre Stellungnahme ist "bewundernswert" ausgewogen und objektiv: Gaza, 14.12.09 - "Die islamistische Hamas-Bewegung hat alle Spekulationen über einen weicheren Kurs im Konflikt mit Israel beendet. Bei der Feier zum 20-jährigen Jubiläum sagte Hamas-Führer Hanija vor 100.000 Menschen: "Wir werden Israel niemals anerkennen". http://www.ksta.de/html/artikel/1260789920894.shtml "Palästina vom Mittelmeer bis zum Fluss Jordan ist ein islamisches Gebiet, das nicht Gegenstand von Konzessionen ist", sagte er. Vor diesem Hintergrund bekommt ihr Eingangsstatement: "Krieg war immer auch ein Mittel der Innenpolitik" eine andere Gewichtung als von Ihnen beabsichtigt, nicht wahr? Ganz abgesehen von den beiden Friedensverträgen Israels mit Ägypten und Jordanien und dem Abzug aus dem Gazastreifen. Postings wie das Ihre sind keine Beiträge zur Annäherung und Versöhnung, sondern Schaufeln die den Graben vertiefen. Einseitige Schuldzuweisung scheint der einzige Zweck Ihrer voreingenommenen Wortmeldung zu sein.
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