Ein-Kind-Politik in China "Wir haben unser eigenes Volk getötet"

Yang Zhizhu mit Töchtern Ruonan und Ruoyi: Verstoß gegen Paragraf 17, Absatz 1
The Hindu

Yang Zhizhu mit Töchtern Ruonan und Ruoyi: Verstoß gegen Paragraf 17, Absatz 1

Von , Shanghai

2. Teil: Der Staat lockt und droht


Yang wollte seine Tochter nicht abtreiben lassen. Das hätte sein Gewissen nicht zugelassen. Natürlich hätte er seine schwangere Frau bei Verwandten in seiner Heimatprovinz verstecken können. So wie es viele machen, auch einer an seiner Hochschule, einfach fortgehen und irgendwann mit einem Kind wiederkommen, das man als Nichte ausgibt. Er hätte seine Frau nach Hongkong schicken können zur Geburt. Sie haben sich informiert, online, es gibt Agenturen, die das arrangieren für 85.000 Hongkong-Dollar. Wäre er einer der Neureichen gewesen, er hätte einfach die Strafe zahlen können, schulterzuckend.

Yang aber nennt sich selbst einen "sanften Rebellen". Er klagte gegen die Pekinger Familienplanungsbehörden, obwohl er nicht an einen Sieg glaubte. Er wollte den Gerichtssaal als Forum nutzen, um gegen die Ein-Kind-Politik zu wettern.

Überbevölkerung, sagt Yang, sei ja ein sehr populärer Begriff. Nur, dass jeder dabei an die Kinder der anderen dächte, nie an die eigenen. Und sei es etwa nicht gut für das Land, wenn man Arbeitskräfte gebäre? Längst kämpft China gegen eine alternde Bevölkerung. Längst werden mehr Jungs als Mädchen geboren, weil weibliche Föten oft abgetrieben werden.

Yang glaubt: "Die Regierung weiß, dass Geburtenkontrolle schädlich ist. Aber sie will ihre Politik nicht ändern." Denn schließlich, sagt Yang, gäbe es ja diesen riesigen Verwaltungsapparat, Beamte, die davon leben, über andere Leben zu entscheiden, die versorgt werden müssten, wenn das System kollabierte und sich Löcher im Gemeindehaushalt auftäten, wenn die Bußgelder plötzlich ausblieben. Und wer weiß, fragt Yang, was nach einem Politikwechsel passieren würde? Ob nicht all die um ihre Kinder Betrogenen plötzlich auf die Straße gingen, ihrerseits Strafe fordern würden oder Entschädigung vom Staat?

Der Staat lockt und droht

Yang kann sich stark fühlen. Zwar erklärte ein Repräsentant seiner Universität, Yang habe mit seinem zweiten Kind den Ruf der gesamten Hochschule ruiniert. Doch in einer Online-Umfrage waren über 100.000 Menschen auf seiner Seite. An die 20 Kollegen haben ihm Spielzeug und rote Briefumschläge mit Geld geschenkt. Ehemalige Studenten schickten Mondkuchen, und selbst eine fremde Frau in einer fernen Provinz überwies 3000 Yuan, um ihn zu unterstützen.

Das "New Century Weekly Magazine" schrieb: "Ein Kind zu gebären sollte als ein grundlegendes Menschenrecht die Entscheidung der Familie sein, nicht der Regierung." Doch in China lockt der Staat - zehn Yuan monatlich bekommen Paare für ihr einziges Kind in Peking. Wenn die Eltern von Einzelkindern in Ruhestand gehen, gibt es noch einmal Extrageld. Und der Staat droht.

Noch weigert sich Yang, die Geldstrafe zu zahlen, auch wenn das bedeutet, dass die Behörden im Gegenzug seiner Tochter einen Hukou, eine Art Meldebescheinigung, vorenthalten. "Sie ist eine Weltbürgerin", sagt Yang. Die Wahrheit ist, dass Ruonan, über ein Jahr alt, ohne Hukou noch nicht einmal die Rechte einer chinesischen Bürgerin hat. Ohne Hukou gibt es keinen Personalausweis, keinen Reisepass, keine Sozialleistungen, keine Erstattung von Arztkosten.

Yang wartet ab, vielleicht lockert die Regierung ja weiter ihre Politik. Schon jetzt gibt es zig Ausnahmeregelungen. Wenn das erste Kind behindert ist, wenn beide Elternteile Einzelkinder sind, darf man meist ein zweites Kind bekommen. Oder auch wenn der Vater als Soldat oder Polizist im Dienst versehrt wurde. Bäuerinnen, die zuerst ein Mädchen gebaren, dürfen oft noch einmal schwanger werden, und bei ethnischen Minderheiten ist man ohnehin großzügig. Vielleicht also erlaubt der chinesische Staat Ruonan irgendwann offiziell, auf der Welt zu sein.

Wu, die Abtreibungsärztin, hat ihr Mädchen im Jahr 1979 geboren, es war eines der ersten chinesischen Einzelkinder nach Plan. Heute ist Wus Tochter verheiratet und kinderlos, so wie die anderen erwachsenen Einzelkinder in Wus Nachbarschaft. Wu glaubt, dass die Ein-Kind-Politik die Werte der chinesischen Gesellschaft verändert hat, dass es der Generation der Einzelkinder nur noch um ihr eigenes Leben geht.

Yang hat seinen Prozess verloren, aber neulich kam ihm eine Idee. Er möchte ein Museum gründen, irgendwann, zum Thema Geburtenkontrolle. Yang sagt: "Ich will, dass sich unsere Kinder an diese schlimme Geschichte erinnern." Er sagt: "Wir haben unser eigenes Volk getötet."

insgesamt 186 Beiträge
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tilloquinn 20.11.2011
1. Kämpfen wir mit Herrn Yang für die Freiheit...
... für die neunte, zehnte, elfte Milliarde Menschen auf der Erde. Denn der heutige Zeitgeist fordert lauthals, dass das Wohl des Einzelnen über das Wohl der Allgemeinheit zu gehen hat. Alle Freiheiten für jedermann, und wenn es die Freiheit ist, Kinder in eine Welt zu setzen, die schon ihre Eltern nicht mehr ernähen kann. Freiheit für das süße Mädchen mit den Segelohren! Freiheit für den Kampf gegen das unmenschliche Regime!
gambio 20.11.2011
2. Recherche tut Not
Zitat von sysopNur ein Kind pro Familie, das ist in China Gesetz.*Wer dagegen verstößt, den bestraft die Volksrepublik drakonisch. Nun regt sich Widerstand: Ein*Vater kämpft*für seine zweite Tochter, selbst einheimische Medien feiern ihn*- und eine Abtreibungsärztin spricht öffentlich über*ihre grausame Arbeit. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,797189,00.html
Erstmal bei Wiki schaun bevor hier wieder China-Bashing stattfindet. http://de.wikipedia.org/wiki/Ein-Kind-Politik .
Der_Franke 20.11.2011
3. Die Methoden mögen zweifelhaft sein,...
... aber es bestehen keine Zweifel an der Richtigkeit der These. Wohlstand und gute Versorgung für viele kann es bei begrenzten Resourcen auch nur für eine begrenzte Weltbevölkerung geben. Und da mit 7 Millaiden Menschen die Grenze für Wohlstand, die bei etwa 2-3 Milliarden liegt schon mehr als doppelt so stark überschritten wurde, i ts eine Schrumpfung dringenst erforderlich. Allein in Deutschland ist der Hype um die Demographie lächerlich. Beispiel Arbeitsplatz: Man kann sich erlauben, bestqualifizierte Ältere zu Gunsten Jüngerer auszusortieren, jammert aber dennoch über die angeblich zu alte Bevölkerung. Scheinheiliger geht es nimmer.
indosolar 20.11.2011
4. ein klassisches Dilemma
aber die Schlagzeile "Mord am eigenen Volk" ist unangebracht, auch wenn die Tragik des Vaters, der Familie Mitgefühl erfordert. Der Fakt dass die VR China von 570Mill. 1950 auf 1325 Mill. im Jahr 2010 gewachsen ist, läßt eine unmittelbares Aussterben den Chinesen nicht befürchten. Auch die Zweischneidigkeit der Abtreibung läßt Menschen mit Fähigkeit für Empathie verzweifeln. Bis die Chinesen so weit sind wie wir in Deutschland, dass der Wille zu noch besserer Versorgung Frauen in den freiwilligen Kinderverzicht bringt, Arbeit endlich wichtiger ist als Familie und Kind dürfte es noch eine Weile dauern. Aber auch dann löst sich das Dilemma nicht auf, den der gleiche Prokopfkonsum von dann vielleicht 1600 Mill Chinesen, dürfte auf der Kurve verfügbarer Ressourcen eine rasante Talfahrt einleiten. Also Mord am eigenen Volk oder Galgenfrist für die Völker der Erde? Zwei ziemlich konträre Standpunkte, die eine weniger emotionale Schlagzeile erforderlich gemacht hätten, bei allem Mitgefühl für die von der gegenwärtigen chinesischen Familienpolitik betroffenen Chinesen. Die weltweite Community ist auch betroffen aber eher entlastend als belastend, drastischer kann das menschliche Versagen wegen klassischer Dilemmas nicht beschrieben werden!
diefreiheitdermeinung 20.11.2011
5. Ich kann die Kritik an der chinesischen Bevoelkerungspolitik gut verstehen
aber was ist die Loesung ? ich entsinne mich noch als vor einigen Jahrzehnten die gelbe Gefahr beschworen wurde und ganz selbstverstaendlich schien, dass die rasant wachsende Bevoelkerung China's auf mittlere Frist zu Armut, Hunger und Unruhen fuehren wurde. Da schien uns die drakonische Haltung der KPC gar nicht so schlecht. Auf der anderen Seite der gleichen Medaille haben wir dagegen Laender wie die Philippinen (fast 100 Millionen Einwohner - hoechste prozentuale Zunahme der Bevoelkerung in ganz Asien) und Vietnam woe die Bevoelkerung weitestgehend ungehemmt waechst. Gerade was die Philippinen angeht sind wir meistens schnell dabei genau das zu fordern, was uns an China so missfaellt: rapide Einschraenkungen beim Bevoelkerungswachstum. Es ist eines die chinesische Politik in Grund und Boden zu verdammen, es ist leider etwas ganz Anderes eine praktikable und ethisch mnoralische Loesung anzubieten und anzuwenden. Die aber bietet uns die Autorin des Artikels leider auch nicht an. Ich weiss schon: "Erziehung" wird man nennen. Wieviele Jahrzehnte soll es dauern bis diese wirklich Auswirkungen zeigt ? Ich fuerchte wir werden uns mit zwei Dingen abfinden muessen: a) dass Asien irgendwann mehr als 2/3 der Weltbevoelkerung stellen wird und b) daraus politische Macht erwaechst.
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