Überlebender des Kenia-Attentats "Wenn du mich liebst, ruf mich nicht an"

Francis O. hat das Massaker in der Westgate-Mall von Nairobi überlebt. Der Mann besuchte ein Kinderfest, als Schabab-Kämpfer das Gebäude stürmten. Nach einem Tag wurde er befreit. Hier beschreibt er die dramatischen Stunden.

DPA

Nairobi - Es sollten ein paar entspannte Stunden werden, als Francis O. am vergangenen Samstag in die Westgate Shopping Mall von Nairobi fuhr. Stattdessen erlebte der Kenianer den Angriff der Schabab-Miliz hautnah, sein Chef wurde getötet. Mehr als einen Tag verbrachte er in Gewalt der Geiselnehmer. Die Erinnerung an das Attentat, bei dem mehr als 70 Menschen getötet wurden, fällt ihm schwer. Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE am Telefon kann er immer nur ein paar Minuten erzählen, was er erlebt hat. Dann bricht er ab, der Schock sitzt tief.

"Ich habe meinen Chef am Samstag in die Westgate Shopping-Mall gebracht. Wir wollten zum Pika Chakula, einem Kinderfest. Dort wird gemeinsam gekocht, und es werden Muffins und Kuchen gebacken. Plötzlich stürmten einige Männer mit automatischen Waffen herein. Sie trugen schwarze Kopftücher und brüllten: 'Runter, runter, runter, alle auf den Boden!'"

Auch andere Augenzeugen haben das Chaos nach der ersten Attacke beschrieben. Sicherheitskräften gelang es zwar, viele Besucher nach draußen zu schleusen. Trotzdem verloren gerade in den unteren Etagen viele Menschen ihr Leben. Dort war die Attacke laut bisherigem Stand der Ermittlungen am heftigsten.

"Ich wusste gar nicht, was los war. Die Männer waren plötzlich überall, brüllten Befehle und schossen wild um sich. Ich kauerte in einer Ecke und schrieb eine SMS an meine Schwester: 'Ich bin in einer schlimmen Lage. Wenn du mich liebst, ruf mich nicht an.' Denn ich hatte gesehen, dass die Terroristen Menschen töteten, deren Telefon geklingelt hatte."

Auch fünf Tage nach Beginn des Angriffs sind weiter zahlreiche Details ungeklärt. Zeugen berichten jedoch, dass die islamistischen Terroristen gezielt Ausländer und Nicht-Muslime als Ziel gewählt haben.

"Fünf Minuten nach der SMS wurde der Mann neben mir erschossen. Einfach so, er hatte nichts getan, sich nicht bewegt oder irgendetwas gesagt. Die Terroristen töteten ihn mit fünf Schüssen, er war sofort tot. Ich dachte, ich bin der Nächste."

Aus der unübersichtlichen Attacke am Samstag entwickelte sich rasch ein Geiseldrama, das erst am Dienstagabend beendet werden konnte. Auf Verhandlungen wollten sich die Schabab-Milizen nicht einlassen. Im Raum stand nur immer ihre Forderung nach einem Abzug von Kenias Truppen aus Somalia. Die kenianischen Sicherheitskräfte verwirrten zusätzlich mit voreiligen Falschmeldungen, wonach die Geiselnehmer besiegt worden seien. Auch im Inneren des Gebäudes litten die Überlebenden unter der unklaren Situation.

"Am nächsten Tag verschwanden die Männer auf einmal. Ich vermute, dass sie in ein anderes Stockwerk gegangen sind. Ich konnte mich aber nicht bewegen, so fertig war ich. Dann kam Hilfe. Mehrere Männer von der Security, Polizei oder Militär, ich weiß es nicht, kamen zu mir und riefen: 'Raus! Du musst schnell raus hier!' Ich konnte immer noch nicht aufstehen. Das kann nicht wahr sein, habe ich gedacht. Vielleicht ist das ein Trick, und die gehören zu den Attentätern."

Doch die Männer gehören tatsächlich zu den Sicherheitskräften, die einen Teil der Mall evakuieren konnten. Zu diesem Zeitpunkt hatten sich die überlebenden Schabab-Kämpfer vermutlich bereits in einem Supermarkt im Erdgeschoss verschanzt. Mit zahlreichen Geiseln und hinter Panzerglas harrten sie dort noch viele Stunden aus. Für Francis O. war der Alptraum dagegen vorbei.

"Einer der Männer trat mich und brüllte noch einmal: 'Schnell raus!' Da wurde mir klar: Das waren die Richtigen. Ich weiß nicht mehr, wie ich dann nach Hause gekommen bin. Das lief alles wie in einem Film ab. Mein Chef wurde getötet. Wie es jetzt mit meinem Job weitergeht? Ich weiß es nicht. Ich bin nur froh, am Leben zu sein."

Francis O. erholt sich derzeit zu Hause von seinem Schock. Den Besuch bei einem Psychologen kann er sich nicht leisten. Noch immer sind längst nicht alle Opfer und Täter identifiziert. Auch bis zur Klärung des genauen Tatablaufs wird wohl noch Zeit vergehen. Forensiker und Sprengstoffexperten des Bundeskriminalamts sind nach Nairobi gereist, um die lokalen Behörden bei ihren Ermittlungen zu unterstützen.

Protokoll: Jane Wolf, Christian Teevs



insgesamt 28 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
rkinfo 26.09.2013
1. Real existierender Gewaltwahnsinn
Unter welchem Label solche Menschen killen ist da nebensächlich. Man sollte irre Mörder politisch / religiös eintüten ... das nur brutale Irre.
petrasha 26.09.2013
2. religiöse fanatiker
haben wohl etwas sehr menschliches verloren. sind robotter ohne seele und herz geworden. unverständlich, dass sich dafür auch menschen aus der westlichen welt hergeben. unbegreiflich.
edelamsee 26.09.2013
3. Was würden Sie mit realexistierenden
Zitat von rkinfoUnter welchem Label solche Menschen killen ist da nebensächlich. Man sollte irre Mörder politisch / religiös eintüten ... das nur brutale Irre.
Mördern tun, die im Namen des Staates und Hilfe der USA Somalische Flüchtlingsströme bombardieren? In keiner Deutschen Zeitung wurde der systematische Mord an Zivilisten auch nur erwähnt. Es betrifft halt nur Somalier.
amy_wong 26.09.2013
4. ...
Zitat von rkinfoUnter welchem Label solche Menschen killen ist da nebensächlich. Man sollte irre Mörder politisch / religiös eintüten ... das nur brutale Irre.
Wohl kaum: Es sind js keine Einzeltäter. Will man diese Art Gewalt bekämpfen, dann muß man sich mit den Motiven der Täter schon beschäftigen. Erst recht dann, wenn man die Rekrutierung neuer Täter unterbinden möchte.
Sherlock70 26.09.2013
5. Was für ein Handy war das denn?
Nur damit ich weiss, um welches ich einen großen bogen machen muss, weil man es nicht stumm schalten kann.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.