Einmarsch in Tripolis Triumph der Mad-Max-Truppe

Sie kämpften mit Pick-ups gegen Panzer - aber in sechs Monaten Bürgerkrieg haben sie viel gelernt, ihre Ausrüstung verbessert, immer effektiver mit der Nato kooperiert. Der Erfolg der Gaddafi-Gegner ist nur auf den ersten Blick überraschend. Aber sind sie dafür gerüstet, wirklich für Frieden zu sorgen?
Einmarsch in Tripolis: Triumph der Mad-Max-Truppe

Einmarsch in Tripolis: Triumph der Mad-Max-Truppe 

Foto: BOB STRONG/ REUTERS

Berlin/Tripolis - Sie kommen auf Pick-ups, Kalaschnikows in den Händen, Sonnenbrillen im Gesicht. Ein bisschen wirken die Rebellen beim Einrücken in Tripolis wie die Kämpfer aus den "Mad Max"-Filmen der siebziger und achtziger Jahre mit Mel Gibson. Mit dem Unterschied, dass die Mad-Max-Männer in ihren wilden Outfits auf der bösen Seite standen - in Libyen dagegen haben sie gerade den Bösewicht in die Knie gezwungen: Muammar al-Gaddafi scheint besiegt, der Widerstand seiner Truppen ist beinahe erloschen.

Dass es am Ende so schnell gehen würde, hätte wohl niemand geglaubt. Noch vor zwei Wochen schienen die Rebellen in der Defensive, operativ kamen sie nicht voran gegen die Gaddafi-Truppen, ihr militärisch-politischer Kopf General Abdul Fattah Junis war gerade unter ungeklärten Umständen ermordet worden.

Plötzlich sind die Revolutionsbrigaden in Tripolis

Und nun sind die Rebellen in Tripolis - sechs Monate nach den ersten Aufständen gegen das Regime in Bengasi und Baida: Die Hauptstadt gilt als weitestgehend in ihrer Hand, mehrere Söhne von Gaddafi wurden gefangengenommen, nur der Machthaber selbst und einige Getreue leisten noch Gegenwehr. "Die Entscheidung ist im wesentlichen gefallen", sagt der Libyen-Experte Michael Lüders.

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Rebellen in Tripolis: Gaddafis Machtzentrum fällt

Foto: Sergey Ponomarev/ AP

Von allen Seiten rückten die Rebellen in den vergangenen Tagen auf Tripolis vor, nach der Einnahme von Gharjan im Süden der Hauptstadt gaben die Rebellen die Eroberung von Sawijah im Westen und Sliten im Osten bekannt. Sie dürften über den geringen Widerstand von Gaddafis Truppen selbst ein wenig überrascht gewesen sein.

Offenbar spielten dabei mehrere Faktoren eine Rolle.

  • Nato-Einsatz: Klar ist, dass ohne die massive Luftunterstützung der Nato das Regime in Tripolis nicht innerhalb von sechs Monaten zu kippen gewesen wäre. Nach eigenen Angaben flog die Militärallianz seit dem Beginn der gemeinsamen Aktionen am 31. März 19.877 Einsätze - gegen einzelne Abschuss-Stationen der libyschen Armee und wichtige Infrastrukturziele. Diese Einsätze schwächten die Truppen von Gaddafi in erheblichem Maße. Noch am Samstag bombardierte die Nato laut "New York Times" 39 Ziele, alleine 22 in Tripolis, am Sonntag waren es laut Nato 126 Einsätze. Die Aktionen aus der Luft wurden nach Einschätzung von Experten mit zunehmender Dauer immer präziser durchgeführt - auch wegen der besseren Zusammenarbeit mit den Rebellen auf dem Boden.
  • Kommunikation und Abstimmung der Rebellen: Der Kampf der Aufständischen, zu Beginn ein eher hilfloses Unterfangen gegen die Armee von Gaddafi, wurde in den sechs Monaten seit Beginn des Aufstands immer effektiver. Und das trotz der anhaltenden logistischen Unterlegenheit. Die kleinen Rebellentrupps mit ihren Toyota-Pick-ups, auf der Transportfläche ein Maschinengewehr montiert, sahen sich noch bis zuletzt Armee-Einheiten mit Panzern und anderem schweren Gerät gegenüber. Doch die Kommunikation und Abstimmung der Rebellenkämpfer untereinander wurde zunehmend professioneller. Außerdem zahlte sich offenbar die Ausbildung durch Spezialkräfte einiger Nato-Mitgliedstaaten aus. "Die Lernkurve der Rebellen, was Training und Ausstattung angeht, stieg an", sagte ein US-Diplomat der "New York Times".
  • Geheimverhandlung mit den Stämmen: Aber auch das hätte wohl nicht ausgereicht: Der plötzliche Erfolg der Rebellen "ist nicht das Ergebnis besonderer militärischer Stärke seitens der Rebellen", sagte Libyen-Fachmann Lüders dem "Deutschlandfunk". Er sei vielmehr "das Ergebnis geschickter Verhandlungen, die der nationale Übergangsrat in Bengasi in den vergangenen Tagen und Wochen mit den Stämmen im Westen Libyens geführt hat". Die dortigen Stämme, lange ausgesprochen loyal zu Gaddafi, hätten schließlich die Seiten gewechselt.
  • Revolte in Tripolis: Und schließlich scheint in der Hauptstadt selbst in den vergangenen Tagen eine Dynamik entstanden zu sein, der Gaddafis Regime nur noch wenig entgegenzusetzen hatte. "Das Geheimnis der letzten erfolgreichen Tage des Aufstands liegt in einer allgemeinen Revolte der Arbeiterbezirke der Hauptstadt, die zum Großteil dafür verantwortlich ist, die Geheimpolizei und die Militärcliquen zu entmachten", schreibt der Nahostexperte Juan Cole in einem aktuellen Beitrag. Das habe den relativ problemlosen Einmarsch der Rebellen ermöglicht, meint der Professor von der University of Michigan: "Es hat so gut funktioniert, dass in dem Moment, als die Revolutionsbrigaden die Stadt vom Westen aus betraten, viele kaum oder keinen Widerstand erlebten, und sie direkt ins Zentrum der Hauptstadt marschierten."

Gaddafi bleibt ein unkalkulierbares Risiko

Dennoch ist es nach Ansicht von Experten noch verfrüht, den Erfolg über Gaddafis Regime zu feiern. Auch US-Regierungsvertreter sind vorsichtig - sie erinnern sich noch gut an die schwierige Lage im Irak, selbst nach der Festnahme des damaligen Machthabers Saddam Hussein.

Und noch, daran erinnerte ein hochrangiger Offizier gegenüber der "New York Times", sei Libyens Diktator nicht einmal gefasst - und stelle damit ein unkalkulierbares Risiko dar: "Vorherzusagen, was dieser Typ tun wird, ist sehr, sehr schwierig."

flo