Einreisestopp für "Naschi" Europa sperrt Putin-Jugend aus

In der Regel ächten EU-Länder Terrorverdächtige oder Sektenführer mit Einreiseverboten - jetzt macht die Union ihre Grenzen für Aktivisten der Putin-Jugend "Naschi" dicht. Die kremltreue Bewegung schlachtet den Vorfall gnadenlos für ihre antiwestliche Propaganda aus und zieht sogar vor Gericht.

Von , Moskau


Moskau - Europa muss nachsitzen. An der Moskwa wummern mannshohe Lautsprecher die Hymne der Putin-Jugend "Naschi - Die Unsrigen" - bis ans gegenüberliegende Ufer, damit sie auch die Mitarbeiter der dort ansässigen Vertretung der Europäischen Kommission vernehmen. Auf der Bühne kündigt ein Banner einen "Russkij Urok" an - eine russische Lehrstunde. Mädchen tragen bunte Luftballons und russische Fähnlein im Haar, sie wollen der EU eine betont fröhliche Nachhilfestunde erteilen. "Wir werden denen mal zeigen, wie man Gäste richtig zu bewirten hat", johlt eine blonde Einpeitscherin. Bliny werden gereicht, russische Pfannkuchen. Zu den Klängen eines Akkordeons fassen sich alle an den Händen und tanzen einen riesigen Ringelreigen, als Akt friedlichen Protestes gegen das vermeintliche Unrechtsregime der EU.

"Die Unsrigen", bekannt geworden durch ruppige antiwestliche Ausfälle und Pöbeleien gegen den britischen Botschafter, geben sich im Moment alle Mühe, möglichst harmlos zu erscheinen. Die Putin-Jugend gefällt sich neuerdings in der Rolle des Opfers. Jetzt wollen die Naschi gar vor den Straßburger Menschenrechtsgerichtshof ziehen und dort gegen die EU klagen. Ausgerechnet bei der Instanz, bei der bereits rund 20.000 Beschwerden gegen Russland vorliegen.

Die Naschi fühlen sich in ihren Menschenrechten verletzt, weil Europa ihre Aktivisten aussperrt. Auf Betreiben von Estland wird ihnen die Einreise in den Schengenraum verweigert. Tatsächlich geht es aber um mehr als den Ärger des baltischen Staates über ein paar halbwüchsige Rowdys. Es geht um die Beziehungen zwischen Russland und der EU - und die Frage, ob Europa allen Ernstes ein Dutzend Putin-vernarrter Teenager auf eine Stufe mit Terrorverdächtigen und Diktatoren stellen will.

Die kremltreuen Teenager stürmen und drohen

Im Frühjahr des vergangenen Jahres eskalierte in Estlands Hauptstadt Tallinn der Konflikt um die Verlegung eines sowjetischen Kriegerdenkmals. Mitglieder der russischen Jugendbewegung organisierten Proteste in Estland. Tagelang belagerten sie auch die Moskauer Vertretung der Balten und drohten gar, das Gebäude abzureißen.

Die Kremltreuen stürmten eine Pressekonferenz der estnischen Botschafterin Marina Kaljurand, deren Leibwächter verteidigten sich mit Pfefferspray. Letztlich mobbten die Naschi die Diplomatin aus dem Land. Damit verletzten die Putin-Anhänger das "Wiener Übereinkommen" über den Schutz diplomatischer Vertretungen. Eine beispiellose Kampagne: Vor Angriffen auf Diplomaten hatten selbst die Sowjets und deren Jugendverband Komsomol während der Hochzeit des Kalten Krieges stets zurück geschreckt.

Tallinn antwortete: Es machte seine Grenzen für Mitglieder der Jugendbewegung dicht. Mit dem Beitritt der Esten zum Schengener Abkommen Dezember gilt das Einreiseverbot nun für alle Unterzeichnerstaaten, darunter der Großteil der EU-Länder wie Deutschland, Frankreich und Italien - allesamt bei Russen beliebte Urlaubsziele.

In der Regel straft die Union mit Einreiseverboten Terrorverdächtige, Sektenführer und Autokraten vom Schlage des weißrussischen Präsidenten Alexander Lukaschenko. Er steht im Verdacht, für das spurlose Verschwinden Oppositioneller im Jahr 1999 verantwortlich zu sein. Politische Gegner seines Kurses landen im Gefängnis, Demonstranten hetzt er die berüchtigten Schläger der Milizeinheit SOBR auf den Hals.

Die 21-jährige Mariana spricht von Faschismus

Mit einem roten Stempel machten finnische Grenzer Mariana Skworzowas Visum ungültig. Kurz nach Neujahr wollte die 21-Jährige aus St. Petersburg einen Ausflug ins nahe Helsinki unternehmen - in den Weihnachtsferien, wie so viele ihrer Altersgenossen. Doch zwischen ihr und Weißrusslands Diktator Lukaschenko wird an Europas Grenzen kein Unterschied gemacht - der Despot und die Politikstudentin, beide sind "personae non gratae."

Als Wladimir Putin Präsident wurde, war sie gerade 13 Jahre alt. Mariana, braune Augen, gelocktes dunkles Haar ist in einem Russland aufgewachsen, das der scheidende Staatschef geprägt hat. Sie verehrt ihn und wünscht sich wie ihr Idol ein starkes Russland. Deshalb ist sie bei Naschi. Sie hat es dort bis zur "Kommissarin" gebracht, bekleidet einen niedrigen Funktionärsposten. Man hat ihr dort eingebläut, dass der Westen böse ist, die USA eine Revolution in Russland vorantreiben und sich im kleinen Estland das Gespenst des Faschismus erhebt, um Europa zu unterwandern.

Mariana wähnt sich deshalb in dem gleichen alten Kampf, in dem schon ihre Großeltern während des Zweiten Weltkriegs mit Nazideutschland rangen. Sie kann zwar nicht genau sagen, was das ist: "Faschismus". Doch Definition hin oder her - "Estland ist faschistisch". Vielleicht ist sie ein bisschen naiv.

Die Propaganda-Maschine läuft

Die Einreiseverbote treffen keine straff organisierte Terror-Truppe, sondern leichtgläubige Jugendliche wie Mariana, anfällig für die patriotische Naschi-Ideologie. Zwischen Mitgliedsstaaten des Schengen-Abkommens gibt es heute keine Grenzkontrollen mehr. Estland, ein Staat mit weniger Einwohnern als Hamburg, kann so im Alleingang Europa von Lissabon bis Stockholm, von Berlin bis Sizilien zur Sperrzone erklären.

Tallinn setzt gegenüber Russland auf Konfrontation - und nimmt den Rest Europas gleichsam für diesen Kurs als Geisel. Im Maastrichter Vertrag beruft sich die Union auf Freiheit und Demokratie als ihre Grundfesten. Doch Mariana glaubt, dass der Vorfall nun das wahre Gesicht des intoleranten Brüsseler Regimes offenbart. Vom Gegenteil kann sie sich schon nicht mehr überzeugen.

Estlands Innenministerium betont zwar, dass insgesamt nur elf "Unsrige" unter den Bannspruch fallen. Doch die Affäre ist für Naschi ein gefundenes Fressen. Ihre Propaganda-Maschine schießt sich auf die EU ein, sie führt die russische Öffentlichkeit und ihre jugendlichen Sympathisanten bewusst in die Irre und suggeriert: Die Willkür der Europäischen Union trifft nun bald jeden Russen.

Merkel ist eine "Marionette der USA"

Seit Anfang Januar finden in Moskau beinahe wöchentlich Naschi-Proteste statt. Fleißig werden Unterschriften gegen den "teuflischen" Westen gesammelt. Schon haben sich rund 18.000 Russen an der Aktion beteiligt, darunter auch die Präsidentschaftskandidaten Wladimir Schirinowski und Gennadi Sjuganow. Auf der Webseite der Initiative verdammt ein Film das "faschistische" Regime der Esten und diffamiert Angela Merkels Regierung als Marionette der USA. Bilder von Adolf Hitler wechseln mit Aufnahmen der estnischen Botschafterin Kaljurand.

An der Bühne gegenüber der EU-Vertretung werden hastig die letzten Pfannkuchen verspeist. Lena Kusmina, 20 Jahre alt, steht ein bisschen abseits. Sie ist aus der Stadt Tula nach Moskau gereist, um gegen die EU zu demonstrieren. Im Frühjahr hat sie eine Woche vor der estnischen Vertretung in Moskau kampiert. Nun fürchtet sie, dass bald auch ihre Reisefreiheit beschränkt werden könnte. "Dabei ist Reisen doch ein Hobby von mir", sagt Kusmina betrübt. "Ich würde mir Europa so gern einmal ansehen."



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