Einsatz am Hindukusch Bayernwahl bremst Bundeswehr in Afghanistan

Die Furcht der CSU-Führung vor einer Schlappe bei der Landtagswahl im September hat Auswirkungen auf den Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr. Nach Informationen des SPIEGEL soll die Truppe erst im Oktober verstärkt werden. Es droht neuer Ärger mit den Verbündeten.


Hamburg - Aus Rücksicht auf die bayerische Schwesterpartei CSU haben Kanzlerin Angela Merkel und Verteidigungsminister Franz Josef Jung (beide CDU) verfügt, dass die auf 3500 Soldaten begrenzte Truppenstärke frühestens bei der regulären Verlängerung des Bundestagsmandats im Oktober erhöht werden darf. Das bringt die Bundeswehr arg in die Klemme.

Panzergrenadier in Afghanistan: Keine Verstärkung in Sicht
DDP

Panzergrenadier in Afghanistan: Keine Verstärkung in Sicht

Weil die Armee wegen zahlreicher Taliban-Angriffe etwa die Kräfte in Kunduz verstärken musste, lehnte die Berliner Militärführung Forderungen des amerikanischen Isaf-Befehlshabers ab, die Deutschen sollten sich mit einem schlagkräftigen Kontingent an einer Operation gegen Paschtunen-Kämpfer im Westen beteiligen. Die Bundeswehr müsse die knappen Kräfte auf die eigene Nord-Region konzentrieren und dürfe sich nicht verzetteln.

Prompt kam Kritik: In einem vertraulichen Bericht an das Auswärtige Amt sprach ein beim deutschen Hauptquartier in Masar-i-Scharif tätiger Diplomat nach der Ablehnung von einem "Schock". Er äußerte die Befürchtung, dass sich der Eindruck verfestigen könnte, "Deutschland stünde nicht uneingeschränkt zu seinen Verpflichtungen."

USA wollen Nato-Lücke im Alleingang schließen

Unterdessen wurde bekannt, dass die USA nach einem Zeitungsbericht die Entsendung von bis zu 7000 zusätzlichen Soldaten nach Afghanistan im kommenden Jahr erwägen. Dies sei nötig, weil die verbündeten Nato-Staaten wohl nicht genügend Streitkräfte zur Verfügung stellten, berichtete die "New York Times" am Samstag unter Berufung auf namentlich nicht genannte US-Regierungsvertreter.

Nach der Aufstockung läge die Zahl der amerikanischen Truppen in Afghanistan dann bei rund 40.000 und damit auf dem höchsten Stand seit dem US-Einmarsch 2001. Ein Regierungsvertreter wurde mit den Worten zitiert, am Ende werde der Krieg in dem Land wohl wieder "amerikanisiert".

Dem Bericht zufolge sind die Planungen für die Truppenaufstockung bereits angelaufen. Die endgültige Entscheidung werde aber vermutlich dem kommenden US-Präsidenten überlassen. Die Amtszeit von George W. Bush läuft im Januar aus.

Nato-Kommandeure hatten unlängst erklärt, in Afghanistan würden etwa 10.000 weitere Soldaten benötigt. Bislang vorliegende Zusagen der Bündnismitglieder für eine Aufstockung erreichen diese Schwelle aber nicht annähernd.

US-Verteidigungsminister Robert Gates hielt es unterdessen für möglich, dass die USA das Kommando über die Nato-Truppen in Süd-Afghanistan übernehmen. "Das ist mit Sicherheit eine Überlegung wert", sagte Gates. Es müsse geprüft werden, ob es sinnvoll sei, zwei Kommandostrukturen dort zu unterhalten.

Allerdings müsse jede Änderung genau mit den Verbündeten abgesprochen werden.

In Afghanistan kämpfen 16.000 US-Soldaten als Teil einer Nato-Truppe mit einer Gesamtstärke von 47.000. An der ist auch die Bundeswehr beteiligt. Zusätzlich sind etliche tausend amerikanische Soldaten getrennt unter US-Befehl im Einsatz. Im Süden finden die heftigsten Kämpfe gegen die radikal-islamische Taliban statt. Die Bundeswehr nimmt daran nicht teil.

Bush hatte am Freitag beim Kongress die Bewilligung von Ausgaben in Milliardenhöhe für die Kriege in Afghanistan und im Irak beantragt. Der Antrag über 70 Milliarden Dollar sieht 45,1 Milliarden Dollar allein für die Militäreinsätze in den beiden Ländern vor. Für die Ausbildung und Unterstützung der afghanischen und irakischen Sicherheitskräfte sollen 3,7 Milliarden beziehungsweise zwei Milliarden Dollar ausgegeben werden.

jdl/Reuters

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