Einwanderung in England Kulturkampf um Curryköche

Sie gehören zu England wie Tee und Kekse - indische Restaurants und ihre scharfen Gerichte. Doch nun gehen ihnen die Mitarbeiter aus, weil die Politik die Einwanderung beschränkt, seit die Bürger aus den neuen EU-Staaten in Scharen kommen. Und die wollen leider kein Curry kochen.

Von Stefan Marx, London


Sie können richtig lästig sein. Wer abends über die berühmte Brick Lane im Londoner Osten streift, kommt kaum zwei Schritte voran, ohne von Kellnern angesprochen zu werden, die Passanten in ihr indisches Restaurant bugsieren wollen. Doch London-Besucher müssen wohl bald auf die Schar der aufdringlichen Curry-Werber verzichten. Ihnen geht wegen der Verschärfung der britischen Einwanderungsgesetze das Personal aus: "Mitarbeiter gesucht – jeder willkommen", verkündet ein Schild an einer Bar in der Brick Lane.

Wer einige Schritte weiter in den Imbiss "Gram Bangla" geht, versteht schnell die Gründe für den Personalschwund in den Curryküchen. Der Begriff "Indisches Restaurant" führe in die Irre, erklärt "Gram Bangla"-Inhaber Abdul Shahid: Von den landesweit 9000 Curry Houses, schätzt er, gehörten 90 Prozent Bangladeschern. Shahid betreibt seine Snackbar zusammen mit zwei Brüdern. Seine anderen Geschwister verdienen ihr Geld lieber im Bank- und Immobiliengeschäft. "Ich möchte auch nicht, dass meine Kinder mal hier arbeiten müssen", sagt Shahid.

So wie er denken viele: Die zweite Generation der Bangladescher in England drängt es raus aus der Küche. Bisher kam der Personalnachschub aus Südasien. Die Restaurants rekrutierten direkt in der alten Heimat. Doch nun hat die Regierung unter Premierminister Gordon Brown die Tore für Immigranten dichtgemacht. Seit Ende Februar gilt in Großbritannien ein deutlich strengeres Einwanderungsrecht.

Nebeneffekt des Gesetzes: Die britische Institution "Curry House" - stilecht mit Hühnchen in scharfer Sauce, süßen Mangodrinks und schriller Musik - ist bedroht. Jedes achte aller asiatischen Restaurants könnte in den nächsten Jahren schließen, prophezeit der britische Gaststättenverband. Dabei ist das Curry für England wie der Döner für Deutschland. Das englische Nationalgericht heißt Chicken Tikka Masala: Weil den Briten das Curry-Hühnchen zu scharf ist, wird dazu übrigens englische Minzsauce gegeben – eine überraschend wohlschmeckende Mischung.

Für die Bangladescher, die oft in den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts vor Unruhen und Naturkatastrophen ins alte koloniale Mutterland flohen, boten Restaurants eine gute Chance zum Geldverdienen in der neuen Umgebung. Um die Ostlondoner Brick Lane herum dominieren sie das Straßenbild. Deswegen ist Ali Khan, dem das Restaurant "Curry Capital" auf der Brick Lane gehört, auch nicht allzu bange, dass er eines Tages allein dastehen könnte. Doch auch in seiner Umgebung hätten schon drei Curry Houses dichtgemacht. Khan stöhnt: "Jeden Tag höre ich, was für eine Katastrophe das ist. Die Regierung muss endlich etwas dagegen tun."

England hat ein Einwanderungsproblem

Aber nichts liegt der Labour-Regierung ferner. Jahrelang hat ihr die Einwanderungspolitik zu schaffen gemacht. 2006 kostete die Enthüllung, dass das Innenministerium die Abschiebung von knapp tausend kriminellen Ausländer einfach vergessen hatte, Innenminister Charles Clarke den Job. Und die aktuelle Ministerin Jacqui Smith war sprachlos, als sie im letzten Jahr erfuhr, dass illegale Einwanderer als Wachleute im eigenen Ministerium angestellt waren und in der Ausländerbehörde putzten. Die Liste der Pannen der Einwanderungsbehörden ließe sich endlos fortsetzen.

Dann sind da noch die Osteuropäer. Bei der EU-Osterweiterung 2004 war Großbritannien eines der wenigen Länder, das seinen Arbeitsmarkt komplett für die Beitrittsländer öffnete. Einige wenige Zehntausende würden auf die Insel ziehen, glaubte die Regierung damals. Nun werden bis zu 600.000 Osteuropäer in Großbritannien vermutet. Sie üben Druck auf die ohnehin löchrige Infrastruktur aus, füllen Arztpraxen, Schulklassen und Busse. Seit dieser Fehlkalkulation darf der Labour-Regierung die Ausländerpolitik gar nicht mehr hart genug sein – die rechte Boulevardpresse jammert jede Woche auf den Titelseiten über die Einwanderer.



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