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26. Januar 2008, 16:28 Uhr

Eklat um Kindersoftware

Wieviel Schwein darf sein?

Aufregung in England: Eine Wettbewerbsjury stufte eine Lern-CD für Kinder als bedenklich ein. Begründung: Die gezeigten drei Schweinchen seien eine Zumutung für alle muslimischen Mitbürger. Und als Bauarbeiter verkleidet, beleidigten sie zudem die Malocher am Bau.

Bloß keinen neuen Karikaturenstreit vom Zaun brechen, schon gar nicht wegen einer Lern-CD: Die Jury der Bett Awards, eines britischen Wettbewerbs für Bücher und interaktive Medien für Kinder, hat eine Neufassung der Geschichte der "Drei kleinen Schweinchen" als möglicherweise anstößig für Muslime bezeichnet. Und damit ein mächtiges Echo in den englischen Medien ausgelöst. Von "Daily Mail" über "Telegraph" bis zu "Times" und BBC, alle Redaktionen befassen sich nun mit einem interaktiven, niedlichen Computerprogramm für Grundschüler mit dem Titel "Three little cowboy builders".

Titelbild von "Three little cowboy builders": Software für Grundschulkinder wirft "kulturelle Fragen" auf
Shoo Fly Publishing

Titelbild von "Three little cowboy builders": Software für Grundschulkinder wirft "kulturelle Fragen" auf

In der virtuellen 3-D-Welt der Cowboy-Bauarbeiter können Kinder eigene Versionen der Geschichte zusammenstellen und zusammen mit den drei Schweinchen im Cowboy-Look spielerisch Lesefähigkeiten und Kreativität schulen. Bei der Jury sorgte die Wahl der tierischen Protagonisten für Missfallen. "Die Juroren würden dieses Produkt speziell für muslimische Mitbürger nicht empfehlen", hieß es laut "Telegraph" in der Begründung, das Programm nicht für einen Preis in Betracht zu ziehen. Schließlich werfe die Verwendung von Schweinen "kulturelle Fragen" auf. Doch nicht nur für Gläubige seien die grunzenden Cowboys bedenklich: "Die Idee, eine traditionelle Geschichte neu zu erzählen, ist in Ordnung", zitiert die "Mail" weiter aus der Erklärung der Jury, "doch so etwas sollte nicht Teile der Arbeiterschaft (das Baugewerbe) beleidigen".

Ob sie tatsächlich befürchteten, dass wütende Bauarbeiter und erboste muslimische Mütter die Lehrerzimmer stürmen, falls eine solche CD-Rom im Unterricht eingesetzt würde? Beim Hersteller des Programms empfindet man die heftige Reaktion jedenfalls als unter aller Sau.

"Schlag ins Gesicht"

"Zu behaupten, dass wir Minderheiten vor den Kopf stoßen, ist eine sehr engstirnige Sichtweise", sagt Ann Curtis, Leiterin der Herstellerfirma Shoo Fly Publishing. Sie habe die Jurykommentare zunächst überhaupt nicht fassen können. "Das war ein Schlag ins Gesicht", sagt Curtis. Schließlich wurde ein paar Monate vorher "Three little cowboy builders" in einem anderen Wettbewerb bereits als besonders gelungene Kindersoftware ausgezeichnet.

Die Wettbewerbsveranstalter versuchten die Wogen zu glätten. "Der Grund, warum 'Three little cowboy builders' nicht in die engere Auswahl kam, war eine Vielzahl von Kriterien, in denen es nicht die verlangten Standards erreichte", sagte ein Jury-Sprecher den Reportern der "Times". Die von den Medien aufgegriffenen Zitate seien nur eine kleine Auswahl aus einer weit umfangreicheren Begründung gewesen. "Speziell in den Bereichen Lehrplantauglichkeit und Innovation hat das Produkt nicht überzeugt". In der Jury der Bett Awards, die unter anderem von der Regierungsorganisation Becta ausgerichtet werden, saßen insgesamt 70 Teilnehmer. Viele davon sind selbst Lehrer.

Doch die Bett Awards sind in einem Land, in dem es Diskussionen gab, den traditionellen Kinderreim "Baa baa black sheep" politisch korrekt in "Baa baa rainbow sheep" zu ändern, nicht das erste Mal, dass drei Schweine für eine Kontroverse um vorauseilenden Gehorsam sorgen: Bei der "Rotkäppchen"-Schulaufführung einer Schule in Huddersfield ersetzten im März 2007 die Veranstalter die "three little pigs" durch "three little puppies" ("drei kleine Welpen") - weil sie befürchteten, die muslimischen Klassenkameraden würden sonst die Lieder nicht mitsingen.

Schon damals wurde die bevormundende Fürsorge für eine möglicherweise gar nicht so empfindliche Religionsgemeinschaft zum Eigentor. Islamische Prominente in England protestierten, solche Entscheidungen würden Muslime zu Außenseitern degradieren. "Es ist eine Sache, ob man Schweinefleisch isst - was verboten ist", sagte damals Scheich Ibrahim Mogra vom britischen Muslim Council der Zeitung "Daily Mail". "Doch es gibt kein Verbot, Geschichten über Schweine zu lesen". Es gibt also Hoffnung, dass die Briten nicht auch noch "Ein Schweinchen namens Babe" oder Miss Piggy auf den Index setzen.

sto

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