El Paso nach dem Terrorangriff "Wir werden den Hass nicht eindringen lassen"

Am Tag nach dem Attentat schwankt El Paso zwischen Trauer und Hilfsbereitschaft. Die Todesschüsse treffen eine Stadt, die schon viel mitgemacht hat - und deren Bewohner vor Wut und Gewalt jetzt nicht kapitulieren wollen.

AFP

Aus El Paso berichtet


Als der 21-jährige Attentäter am Samstag um 10.30 Uhr in dunkler Kleidung und mit einem Gewehr in der Hand den Walmart von El Paso betrat, befanden sich tausend Kunden und hundert Mitarbeiter darin. Am Eingang sammelten Mädchen Spenden für ihre Fußballmannschaft.

Sechs Minuten dauerte die Attacke des Schützen bevor ihn die Polizei festnahm. Man kann die Schicksale hinter der Zahl der Toten und Verletzten kaum ermessen. Menschenleben werden zu Nummern. Wieder jemand gestorben, erschossen, aus dem Leben gerissen von der Wut und dem Hass eines weißen jungen Mannes.

Video: "Er ist reingelaufen und fing an, auf alle zu schießen"

Das Einkaufszentrum, zu dem der Walmart gehört, ist beliebt bei Mexikanern, die über ein Visum für die USA verfügen und am Wochenende shoppen gehen wollen. Zurzeit läuft der Sommerschlussverkauf, der in den beiden Nachbarstaaten traditionell in den Sommerferien vor dem Schulstart beginnt.

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El Paso: Massaker im Supermarkt

Am Tag nach der Tat herrscht Stille, die Sonne brennt auf den Asphalt. Die Polizei hat das Walmart-Gelände weiträumig abgeriegelt. Alarmsignale aus dem Inneren des fensterlosen Einkaufskomplexes hallen schrill nach draußen. Offenbar hat sie noch niemand abgeschaltet. Die Einwohner von El Paso legen Blumen, Kuscheltiere und amerikanische Flaggen an einer Anhöhe über dem Walmart nieder. "We will never forget!" steht auf einem der Schilder.

Das Geschäft ist weniger als zehn Minuten entfernt von einer der Brücken, die die USA mit Mexiko verbinden. Auf der anderen Seite der Grenze liegt Ciudad Juarez, bekannt für Drogenkriege, Gewalt und vor zehn Jahren zeitweise die höchste Mordrate pro Einwohner weltweit. El Paso hingegen gilt als eine der sichersten Städte der USA mit einer sehr niedrigen Kriminalitätsquote. In den letzten fünf Jahren hat es laut den örtlichen Behörden nur 18 Morde gegeben.

Die Menschen entdecken nach dem Schrecken das Gute in sich

El Paso sei eine Stadt mit einem großen Gemeinschaftsgefühl, sagen Jonah Wickramasekera Gnatz (18) and Belle Chavez (19). Am Tag nach der Tat spenden sie zum ersten Mal in ihrem Leben Blut. Als sie hörten, dass Blutkonserven dringend gebraucht wurden, standen sie wenige Stunden später in einem Gewerbegebiet am Stadtrand von El Paso. "Die Schlange ging zweimal um das Gebäude," sagt Chavez. Es herrschten 40 Grad. Ihr Termin zum Blutspenden hätte eigentlich morgens stattfinden sollen. Doch nun warten sie seit sechs Stunden. So groß ist der Andrang.

Wenn James Dugger, der Leiter des Bluspendezentrum, den Namen des nächsten Spenders laut in den Raum ruft, brandet jedes Mal Applaus auf. "Als Reaktion auf schreckliche Tragödien entdecken viele Menschen das Gute in sich selbst", glaubt Dugger. Deswegen sei die Spendebereitschaft enorm groß.

Yessica Delgado, Krankenschwester, liegt auf einer der blauen Liegen. Die 22-Jährige will rote Blutkörperchen spenden "weil die bei meinem Bluttyp gerade gebraucht werden". Zwölf Minuten dauert die Prozedur. "Ich bete dafür, dass unsere Stadt wieder sicher wird." Hier kenne jeder jeden. "Wir sind alle eine große Familie." Eine ihrer Freundinnen, die im Walmart arbeitet, aber unverletzt blieb, habe sie per SMS vor dem Schützen gewarnt.

Der Senator muss sich einige kritische Fragen gefallen lassen

Fast jeder auf den Liegen kennt jemanden, der den Kugelhagel im Walmart miterleben musste. Maria etwa, die ihren Nachnamen nicht nennen will aus Angst, Reporter könnten sie mit weiteren Fragen bedrängen. Sie erzählt von ihrem Cousin, der in der Brillen-Abteilung des großen Einkaufszentrums arbeitet. Er selbst sei zwar körperlich unversehrt geblieben, aber mit einem Schock ins Krankenhaus eingeliefert worden, weil er mit ansehen musste wie sein Kollege nach einem Kopfschuss zu Boden ging. Er sei mit einem vielleicht 10-jährigen Mädchen aus Guatemala im Arm, das seine Eltern nicht mehr finden konnte, aus der Mall geflohen.

Der Bürgermeister von El Paso, Demokrat Dee Margo, ist tief bewegt von der Hilfsbereitschaft der Einwohner. In einer Videobotschaft hat er die Bürger seiner Stadt dazu aufgerufen, weiter Blut zu spenden. Am Nachmittag besucht er gemeinsam mit dem republikanischen Senator John Cornyn das Zentrum. "Ich hätte gern Blut gespendet, aber die Schlange war so lang", sagt Cornyn. Er sei überwältigt von den Menschen in El Paso. Im Netz halten das einige für Heuchelei und reposten einen zwei Monate alten Tweet von Cornyn, in dem er behauptet hatte, letztes Jahr seien in Texas auf jeden neuen weißen Bewohner neun neue Hispanics gekommen.

In El Paso ist in der letzten Zeit zu viel passiert

Aussagen wie diese klingen in der Tat wie die Verschwörungstheorie, der der Angreifer von El Paso offenkundig anhing. Nur 19 Minuten bevor der erste Notruf bei der Polizei einging, war im Internet ein vier Seiten langes Manifest aufgetaucht, in dem ein Terrorakt als "Antwort auf die hispanische Invasion auf Texas" angekündigt wird.

Das FBI hat das Schreiben mittlerweile dem Täter Patrick C. zuordnen können und wertet sein Verbrechen deshalb als Terrorakt, auf den die Todesstrafe stehen könnte. Der Schütze behauptet, Migranten würden Einheimischen die Jobs wegnehmen und warnt davor, dass die weiße Bevölkerung von Texas durch Migranten "ausgetauscht" werde.

Ruben Sejula hat ein großes Plakat am Zaun eines kleinen Parks in der Nähe des Tatorts aufgehängt. El Paso habe "viel durchgemacht in letzter Zeit", heißt es darauf. Familien von Einwanderern seien hier zerrissen worden, Grenzmauern wurde errichtet, man habe Kinder in Käfigen verwahrt und das alles mit hasserfüllter und rassistischer Demagogie vermischt, zählt der 51-Jährige auf. Wie mehrere Tausend Menschen aus El Paso nimmt er am Abend an einer gemeinsamen Andacht im Stadtpark teil. Seine Botschaft an die Überlebenden lautet: "Unsere Herzen schmerzen, aber wir werden den Hass nicht eindringen lassen."

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toll_er 05.08.2019
1. Hetze
Trumpsche Hetze fällt , wie vorhersehbar war, auf fruchtbaren Boden.
focuspuller 05.08.2019
2. Hofffungslos
Solange die Amerikaner Waffen tragen zu dürfen für ihr Menschenrecht handeln und mehrheitlich Politiker wählen, die der Waffenlobby im wörtlich wie übertragenen Sinn etwas schuldig sind, wird sich nichts ändern. Am Ende wird es auch hier bei den bekannten "thoughts and prayers" bleiben.
sabinehh512 05.08.2019
3. So so, die Migranten nehmen den Einheimischen also Jobs weg....
da bin ich aber mal gespannt, wie viele "weiße Amerikaner" die Arbeit der zugewanderten Menschen würden machen wollen. Ich schätze mal.....weniger als 5%, wenn überhaupt. Die Menschen in der Stadt sollten dankbar sein, nicht mehr und nicht weniger. Würde uns in Deutschland übrigens auch nicht schaden, mal so am Rande erwähnt.
Grzegorz 05.08.2019
4. Warum berichten?
Es besteht in den Staaten der politische Konsens, dass der Status Quo beibehalten werden muss. Das einzige was dort noch gemacht wird ist es reflexartig ein Bild zu posten und was von Gebeten zu stammeln. Das sagt dann am Ende aber mehr über den Veröffentlicher aus als über die Tat. Er ruft dann, hey Leute es ist was schreckliches passiert, aber vergesst mich nicht. Schaut wie traurig ich bin.
transatco 05.08.2019
5. Es ist hoffnungslos!
Seit Jahrzehnten dasselbe! Ein Attentat, ein Amoklauf, eine Schiesserei, das Entsetzen auf Allen Seiten, Betroffenheitsbekundigungen der Politiker, Blumenniederlegungen, und Versprechen , dass in Zukunft Alles getan wird usw. usw. Und nach ein paar Tagen, spätestens Wochen ist Alles vergessen und es geht weiter wie gehabt! Und zwar nicht nur bei den Politikern, nein auch bei den Menschen selbst! Und auch die Medien machen bei diesem ewiggleichen Ablauf mit! Viel schöne Worte aber nichts dahinter! "Wir werden den Haß nicht eindringen lassen" klingt gut, ist aber leider nicht mehr als "Hoffnungsmache" Kein Privatmensch braucht eine Schusswaffe! Ohne Ausnahme! "Wenn ich so Worte wie Hobbyjäger schon höre platzt mir der Kragen! Wer Politiker wählt, die privaten Waffenbesitz zulassen oder gar fördern trägt Mitschuld, Nur Betroffenheit zu äussern ist nicht Genug!! Allein in den USA werden jedes Jahr über 30.000 Menschen durch privaten Waffenmissbrauch getötet! Das sind 70 pro Tag!!! Die Medien tun aber so als ob nur alle paar Monate etwas geschieht, da Sie nur über die spektakulärsten Fälle berichten! In Wirklichkeit aber ist das gegenseitige Töten mit Schusswaffen bereits Alltag, und längst in die Gesellschaft "eingedrungen"!!!
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