Attacken in El Paso und Dayton "Donald Trump trägt die Verantwortung"

Die demokratischen Herausforderer Donald Trumps machen den Präsidenten mitverantwortlich für die Morde von El Paso und Dayton. Die Gewalttaten könnten zu einem Wendepunkt im amerikanischen Wahlkampf werden.
Trauernde in El Paso: Routine im Umgang mit dieser Art der Gewalt?

Trauernde in El Paso: Routine im Umgang mit dieser Art der Gewalt?

Foto: John Locher/ AP

Donald Trump ist nicht dafür bekannt, dass er um Worte verlegen ist. Aber an diesem so furchtbaren Wochenende blieb der Präsident lange Zeit seltsam still. Was die Amerikaner und die Welt von ihm hörten, waren ein paar dürre Sätze auf Twitter: Dass seine Gedanken und Gebete bei den Bürgern von El Paso seien. Dass es keine Entschuldigung dafür gebe, unschuldige Menschen zu töten. Dass der 20-fache Mord in dem texanischen Einkaufszentrum ein feiges Verbrechen sei, eine "Tragödie".

Es waren Sätze, in die sich Trump schon so oft geflüchtet hat; Sätze, die so oder so ähnlich immer fallen, wenn wieder einmal die Eilmeldung über die Fernsehbildschirme jagt, dass ein Mann (und es sind fast immer Männer) mit einem Sturmgewehr ein Massaker angerichtet hat. In der Regel reichen die immer gleichen Phrasen aus, um zurückzukehren zur Normalität. Die USA haben sich eine perverse Routine im Umgang mit dieser Art der Gewalt zugelegt.

Selbst als im Oktober 2017 ein Attentäter in Las Vegas das Feuer auf Besucher eines Countryfestivals eröffnete und 58 Menschen tötete, hatte das keine durchgreifenden Konsequenzen für das amerikanische Waffenrecht.

Nun aber liegen die Dinge anders.

SPIEGEL ONLINE

Nach diesem Wochenende werden die Politiker in den USA nicht so schnell zur Tagesordnung übergehen. Und der Grund ist nicht nur, dass Stunden nach dem Terrorakt von El Paso ein bis an die Zähne bewaffneter Mann in Ohio ebenfalls neun Menschen tötete. Es liegt auch daran, dass in den USA Wahlkampf ist und die Demokraten keinen Zweifel daran lassen, wem sie eine Mitschuld geben für das Verbrechen in Texas.

"Donald Trump trägt die Verantwortung", sagte Cory Booker am Sonntag im Fernsehsender CNN. "Er benutzt selbst die Sprache des Hasses", so der Demokrat, der für seine Partei 2020 als Präsidentschaftskandidat antreten möchte.

So wie Booker, Senator in New Jersey, äußerten sich auch andere Anwärter. "Wir haben einen Präsidenten, der Mexikaner dämonisiert", sagte Pete Buttigieg, der Bürgermeister von South Bend, Indiana und fügte hinzu: "Wir erleben eine Form des weißen Terrorismus, der hier in den USA herangezüchtet wurde." Beto O'Rourke, der in El Paso geboren wurde, nannte Trump einen Rassisten, der an die Überlegenheit der weißen Amerikaner glaube: "Er befördert diese Gewalt."

Donald Trump: Seine Rhetorik wurde immer schriller

Donald Trump: Seine Rhetorik wurde immer schriller

Foto: Carolyn Kaster/ dpa

Noch ist nicht geklärt, ob der mutmaßliche Schütze von El Paso vor seiner Tat ein rassistisches Manifest ins Netz gestellt hat. Aber wenn es zutreffen sollte, dann könnte das Massaker in Texas zu einem Wendepunkt für den Wahlkampf um das Weiße Haus werden. In dem Pamphlet, das laut "New York Times" wenige Minuten vor der Tat online ging, heißt es: "Dieser Angriff ist eine Antwort auf die hispanische Invasion in Texas." Der Autor warnt davor, dass die weiße Bevölkerung durch Einwanderer ersetzt werden solle und schreibt: "Wenn wir genug Leute loswerden, dann können wir unsere Art zu leben erhalten."

Die Demokraten versuchen nun, die Wortwahl des Täters mit der von Trump zu verbinden. "Unser Präsident benutzt selbst die Sprache weißer Rassisten", sagte Booker.

Wahr ist, dass Trumps Rhetorik in den vergangenen Wochen immer schriller wurde. Er forderte vier demokratische Kongressabgeordnete dazu auf, in ihre "von Verbrechen verseuchten" Heimatländer zurückzukehren - und das, obwohl die Frauen bis auf eine Ausnahme in den USA geboren wurden. Er schritt nicht ein, als auf einer Wahlkampfveranstaltung in North Carolina die Menge vor ihm brüllte: "Schick sie zurück." Und vor einigen Tagen startete er eine Kampagne gegen den schwarzen Kongressabgeordneten Elijah Cummings.

Trumps Strategie ist es ganz offenkundig, seine Kernwählerschaft zu mobilisieren, und zwar auch um den Preis der Spaltung der amerikanischen Gesellschaft. Als er am vergangenen Donnerstagabend zu einer Wahlkampfveranstaltung nach Cincinnati reiste, war die Halle schon Stunden vor seiner Ankunft bis auf den letzten Platz gefüllt - und zwar fast ausschließlich mit weißen Anhängern.

In seiner Rede sprach Trump von Verbrechern, die die Demokraten angeblich ins Land gelassen haben, und behauptete - wahrheitswidrig -, dass seine Gegner die Grenzen für Einwanderer öffnen würden. Unter dem Jubel der Menge verkündete Trump, dass er das Recht, eine Waffe zu tragen, gegen alle Angriffe der Demokraten verteidigen werde.

Fotostrecke

El Paso: Massaker im Supermarkt

Foto: Christian Chavez/ AP

All das könnte sich nun rächen, das ist zumindest das Kalkül der Demokraten. Umfragen zeigen, dass sich über 60 Prozent der Amerikaner schärfere Waffengesetze wünschen. Etliche Präsidentschaftskandidaten haben sich des Themas angenommen: Cory Booker geht so weit, eine Lizenz für den Kauf einer Waffe zu fordern - für US-Verhältnisse eine Revolution.

Noch gefährlicher für Trump aber könnte die Debatte über die Motive des Täters von El Paso werden. Schon jetzt sagen in Washington Trump-Anhänger hinter vorgehaltener Hand, dass der Präsident in den vergangenen Wochen zu weit gegangen sei. Er mag mit seiner Rhetorik die härtesten Fans glücklich machen. Aber für einen Sieg braucht er auch moderate Wähler aus den Vorstädten. Und die möchten sicher keinen Präsidenten, der mit seiner Sprache den Nährboden für Terror legt.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.