Waffenwahn, Rassismus, Todesschüsse Amerikas neuer Bürgerkrieg

Nach zwei Massakern stehen die USA unter Schock. Für Präsident Donald Trump sind es die Taten zweier Geisteskranker. Doch das ist nur ein Ablenkungsmanöver. Er selbst gehört zu denen, die den Hass anfachen.

US-Sicherheitskräfte am Tatort in Texas: Ein Terrorkrieg, der seit Generationen schwelt
AP

US-Sicherheitskräfte am Tatort in Texas: Ein Terrorkrieg, der seit Generationen schwelt

Ein Kommentar von , New York


Blutende Opfer auf dem Shoppingmall-Parkplatz. Ein Stapel herrenloser Schuhe, bewacht von militärischen Sturmtrupps in Kampfanzügen, Gewehre im Anschlag. Hoch über der dystopischen Szene ein berühmtes, blaues Firmenlogo: Walmart.

So sieht er aus, Amerikas neuer Bürgerkrieg.

Schießereien sind hier ja längst an der Tagesordnung. Auch die Bilder aus Texas und Ohio wirkten allzu vertraut - und schockierten trotzdem mehr als sonst, da sie offenbarten, wie eng Waffenwahn, Fanatismus und Rassismus inzwischen verschmolzen sind.

Beide mutmaßlichen Massenmörder sind junge, weiße Männer:

Junge weiße Männer, getrieben von Verschwörungstheorien, rassistischen Gewaltfantasien, privaten Komplexen: Selbst der Republikaner George P. Bush, Neffe von Ex-Präsident George W. Bush, spricht von "weißem Terrorismus", dem Amerika standhalten müsse.

Auch die demokratischen Herausforderer von Donald Trump machen den Präsidenten mitverantwortlich für die Morde. "Wir erleben eine Form des weißen Terrorismus, der hier in den USA herangezüchtet wurde", sagte etwa Pete Buttigieg, der nächstes Jahr ins Weiße Haus einziehen und Trump als Präsidenten ablösen will.

Anders als im ersten US-Bürgerkrieg stehen sich diesmal aber keine zwei Armeen gegenüber. Sondern auf der einen Seite Zivilisten und auf der anderen Gewalttäter, vernetzt im dunklen Internet, legal ausgestattet mit Waffen, wie sie auch das Militär verwendet - und bisher nur halbherzig verurteilt von einem Präsidenten, den sie als Erlöser sehen.

Es ist ein Terrorkrieg, der seit Generationen schwelt, doch nun vollends aufgebrochen scheint: Ein lange leiser Teil der angloamerikanischen US-Bevölkerung - die "vergessenen" Amerikaner, wie Donald Trump sie gern nennt - fürchtet den Bedeutungsverlust durch den historischen und demografischen Wandel, der die Minderheiten zur Mehrheit machen könnte.

Diese Furcht trieft aus dem "Manifest" von El Paso: "Ich verteidige mein Land gegen kulturelle und ethnische Verdrängung", schrieb der mutmaßliche Täter. "Wenn wir genug Leute loswerden, kann sich unsere Lebensart halten."

Raus aus dem Darknet, rein in den Mainstream

Lange blieben solche Gedanken auf obskure Onlineforen beschränkt. Doch dann schwappte der Unsinn in die reale Welt - dank Twitter, Fox News und vor allem dank Trump, der oft radikale Verschwörungstheorien propagiert und deren Vertreter bei seinen Wahlkampfauftritten als Warmredner beschäftigt.

Diese offizielle Aufwertung wiederum inspirierte Täter wie Cesar S., der Briefbomben an prominente Demokraten und US-Medien schickte. Oder Santino L., 19, der nicht mal eine Woche vor El Paso bei einem kalifornischen Volksfest drei Menschen erschoss. Und jetzt eben den mutmaßlichen Todesschützen von El Paso.

Der neue Bürgerkrieg tobt längst vor den Augen aller Amerikaner.

Die meisten einheimischen Terroranschläge und Massaker in den USA gehen nach Erkenntnissen des FBI mittlerweile auf das Konto rassistischer und antisemitischer Gruppen. Das bestätigt auch die jüdische Anti-Defamation League in einem aktuellen Bericht. Der Trend verschärfte sich demnach mit dem Wahlsieg Trumps, der auch von Ku-Klux-Klan-Gruppen gefeiert wurde.

Von denen distanziert sich Trump nur wenn nötig, und dann nur augenzwinkernd. Meist nimmt er das auch schnell wieder zurück, sodass am Ende jeder denken kann, was er will. Trump weiß: Die Geister, die er rief, werden weiter spuken.

Auch am Sonntag. Da ließ er zwar die Fahnen auf Halbmast setzen und sprach: "Hass hat keinen Platz in unserem Land." Doch der kurzen, gezwungen wirkenden Erklärung folgte sofort die klassische Ausrede, die Schuldigen seien natürlich geisteskranke Einzeltäter, also keine Repräsentanten eines politischen Trends.

Der Präsident selbst fabuliert von einer "Invasion"

Trump fachte den Hass an - oder bremste dessen Bekämpfung aus. Er relativierte die Neonaziaufmärsche von Charlottesville. Er schaffte eine Sondereinheit für rassistische Straftaten ab. Er lud rechtsextreme Gruppen ins Weiße Haus ein. Er beschimpfte Minderheitsabgeordnete, die von Einwanderern abstammen oder selbst Einwanderer sind.

Und er macht seit Monaten Stimmung gegen Migranten, steckt deren Kinder in Lager und predigt generelle Grausamkeit gegen die "gefährlichen Kriminellen", die den lebensgefährliche Treck über die US-Südgrenze wagen.

"Die Leute hassen das Wort Invasion", sagte er im März im Oval Office. "Aber das ist es nun mal." Es ist dasselbe Wort, das der mutmaßliche Attentäter von El Paso dann in sein "Manifest" tippte.

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MisterD 05.08.2019
1. Es SIND die Taten zweier Geisteskranker...
das jetzt anzuzweifeln, wird der Sache genausowenig gerecht, wie zu leugnen, dass es in den USA seit Jahrhunderten eine rechte Untergrundszene gibt. Man musste schon ziemlich naiv sein, um zu glauben, dass Ku-Klux-Klan, White-Power-Movement und andere Separatisten sich entspannt zurücklehnen, weil man sie verboten hatte und es wirtschaftlich in den USA nach der Finanzkrise wieder bergauf ging. Und es ist auch tatsächlich verkehrt, Trump daran die Hauptschuld zu geben. Er hat den Menschen diese Ideologie nicht in die Köpfe gesetzt, die ist nun mal da. Trump ist auch nicht verantwortlich dafür, dass die US-Schwerindustrie, ähnlich wie die Deutsche, in den letzten Jahrzehnten den Weg vom Berg ins Tal genommen hat. Das US-Staatsdefizit hat nicht Trump verursacht, sondern seine Vorgänger, die in aller Welt teure Kriege geführt und nicht beendet haben... Ich bin wahrlich kein Trump-Fan. Aber es ist nicht der richtige Weg alles Übel in den USA, welches über Jahrhunderte gewachsen ist, nun ihm in die Schuhe schieben zu wollen. Das ist unredlich und verdeckt die wahren Probleme... Ich gehe noch weiter: Trump ist in dieser Hinsicht eher Segen, denn er deckt endlich mal die wahre häßliche Fratze eines Teils von Amerika auf, von der man glaubte, sie sei schon lange verschwunden. Nur was man sieht, kann man ins Visier nehmen...
marccuse 05.08.2019
2. Guter kommentar
Trump lässt seinen Worten Taten durch Dritte folgen. Trump ist verantwortlich für diese Gewalt und Massaker, er macht den Rassismus wieder gross in Amerika! Bei diesem Mann ist mit jeder politischen Obszönität zu rechnen. Er tritt als Demagoge vorwiegend als rassistischer und sexistischer Hasser, Hetzer und Vollstrecker gegen Minderheiten, Schwächere und Oppositionelle auf. Diese Strategie hat sich bereits unter Hitler bewährt. Er spielt auf der Klaviatur versteckter Ängste und Begierden der Bevölkerung. Er wird noch viel mehr angreifen, um wiedergewählt zu werden. Was ihm und seinen Mitgrölenden hoffentlich nicht gelingt. Je toleranter man gegenüber ihrem Rassismus, Sexismus, Autoritarismus und Leugnen der Klimakrise auftritt, desto zynischer, radikaler und krimineller werden die Hetzenden. In dieser Hinsicht ist jede Relativierung und Anbiederung an solche Demagogen und misogynen Gefährder ein Beitrag zur weiteren Verrohung der Faschisten.
ronald1952 05.08.2019
3. Oft wird Geisteskrankheit
in den Vordergrund geschoben weil man sich fürchtet einfach mal die Wahrheit zu sagen. Es ist nicht Geisteskrankheit es einfach nur Hass,Hass auf alles was einem anders erscheint außer einem selbst natürlich, denn solche Menschen halten sich für das Maß aller Dinge. Wenn dann noch jemand wie ein Herr Trump kommt und alles Beschimpft ist die Lunte auch schon angezündet und man muss nur noch darauf warten was wohl als nächstes Hoch gehen wird. Das eine Bedingt das andere in diesem Fall die Hetze und die daraus folgende Tat, wie schon so oft. Wie vorhin in einem Forum so schön bemerkt gibt es Entsetzen ein paar Tage lang und dann geht es weiter bis zum nächsten mal. Ändern könnte man das wohl, aber anscheinend will das keiner in den USA.Nur diejenigen die zurückbleiben, die vielen Betroffenen und Angehörigen die haben ein Leben lang darunter zu Leiden, aber solange es um Profit und Arbeitsplätze der Industrie geht die solche Waffen produzieren und Politker/innen diese Waffen jedem zugänglich gemacht werden, solange wird sich nichts ändern. Für die Industrie sind die Menschen nur Kollateralschäden denn die Waffenlobby behauptet doch immer es sind nicht die Waffen die Töten sondern die Menschen die diese Waffen haben. Das ist mehr als Zynisch, oder? schönen Tag noch,
lanzenotter 05.08.2019
4. Es ist ganz klar das Trump die Lage anheizt,er selber ist ein geisteskranker Rassist und redet von geisteskranken Tätern.
Welche tiefen Narben Trump nach seinem Ende als Präsident in den USA und in der Welt hinterlassen hat,daß wird am Ende abgerechnet,aber es wird gravierend sein,nur wie gravierend wird die Frage sein.Ich sehe dauerhaft ganz dunkle Gewitterwolken , die Amerikaner wissen nicht was sie getan haben und für weitere vier Jahre anrichten.Joe Biten wäre mit seinen Ansichten die Rettung,aber diesen Horizont haben diese Wähler nicht,sie lieben die tägliche ein Mann Show.
TOKH1 05.08.2019
5. Saatgut
DT ist kein Lügner im klassischen Sinn. Er verhält sich so, wie es sich die urproblematische Anhängerschaft erwartet. Unsagbares sagbar machen durch mantraartige Wiederholung und Relativierung. Bis Lethargie entsteht und niemand mehr echt widerspricht. LIEBE Amerikaner: schaut mal nach Honkong. Das ist eine echte Demokratiebewegung. Wehrt euch endlich gegen den Demagogen Trump.
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