Elfenbeinküste Blutiger Kampf nach gescheiterten Verhandlungen

Seine Residenz unter Beschuss, die letzten Getreuen um sich geschart, doch Laurent Gbagbo will nicht aufgeben. Der abgewählte Präsident der Elfenbeinküste will nicht gehen, gegnerische Truppen bereiten sich auf den finalen Kampf vor.

Truppen des neuen Präsidenten Ouattara: "Eine Frage von Stunden"
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Truppen des neuen Präsidenten Ouattara: "Eine Frage von Stunden"


Paris/Abidjan - Mit seinem letzten Aufgebot hat sich Laurent Gbagbo verschanzt. Die Spitzen seiner Armee, Polizei und Präsidentengarde hatten zuvor die Einstellung der Kämpfe angeordnet. Gbagbo bleibt nur noch eine kleine Gruppe loyaler Milizen. Die Residenz des seit mehr als vier Monaten abgewählten Staatsschefs der Elfenbeinküste liegt unter Feuer, am Mittwoch kam es zu heftigen Kämpfen.

Die Truppen des neuen Präsidenten Alassane Ouattara dagegen geben sich siegessicher: "Wir werden ihn aus seiner Residenz herausholen", sagte ein Sprecher von Ouattaras Einheiten, die das Gebäude umzingelt hatten. Es gebe die Anweisung, Gbagbo unverletzt aus dem Palast zu schaffen. Am Ende werden wohl die Waffen entscheiden. Denn die langwierigen Verhandlungen unter Leitung von Uno-Sonderbotschafter Choi Young-Jin sind nach französischen Angaben an der Verweigerungshaltung Gbagbos gescheitert, die Kämpfe auf Ouattaras Anordnung wieder aufgenommen worden.

Dies erklärte Frankreichs Außenminister Alain Juppé in Paris. Und er trat Berichten entgegen, französische Soldaten seien in die Kämpfe verwickelt: "Weder die UNO noch Frankreich sind daran beteiligt." Ouattaras Bedingung, dass Gbagbo seine Wahlniederlage anerkenne, sei am Vortag von diesem zurückgewiesen worden. Frankreich hat knapp 1700 Soldaten in dem westafrikanischen Krisenstaat, seiner früheren Kolonie. Seit Montagnachmittag wird Ouattara von Uno-Einheiten und französischen Streitkräften unterstützt, die vor allem zum Schutz der Zivilbevölkerung eingreifen.

Kreisende Uno-Hubschrauber

Anwohner des Regierungsviertels in Abidjan berichteten über ein Großaufgebot von gepanzerten Fahrzeugen mit Soldaten der Republikanischen Truppen (FRCI) Ouattaras. "Ich kann aus meiner Wohnung weiße Uno-Hubschrauber kreisen sehen", sagte die Studentin Nada Okou. "Aber sie schießen keine Raketen auf den Palast, wie Gbagbos Leute behaupten." Der Noch-Herrscher seinerseits behauptete gegenüber dem französischen Nachrichtensender LCI, es sei unglaublich, dass das Schicksal eines Landes bei "einer Pokerpartie ausländischer Mächte" ausgetragen würde.

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Elfenbeinküste: Die Schlacht um Abidjan
Frankreichs Außenminister Juppé sagte: "Wir werden zusammen mit den Vereinten Nationen weiterhin Druck machen, damit Gbagbo die Realität akzeptiert." Derzeit hoffe er allerdings, dass neue Militäraktionen vermieden werden könnten. Der französische Admiral Edouard Guillaud sagte dem Sender Europe 1, neue Einsätze im Auftrag der Vereinten Nationen seien möglich. Seiner Einschätzung nach sei das Ende der Ära Gbagbo aber nur noch "eine Frage von Stunden". Die Rücktrittsweigerung Gbagbos kritisierte Juppé scharf. "Diese Starrköpfigkeit ist absurd", Gbagbo habe keinerlei Perspektive mehr.

Der blutige Kampf der Rivalen Gbagbo und Ouattara hat nun auch den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag auf den Plan gerufen, der Chefankläger Luis Moreno-Ocampo will Ermittlungen zu Massakern in der Elfenbeinküste einleiten: Sein Büro führe Vorermittlungen über die Lage in dem westafrikanischen Land und werde anschließend einen Antrag auf eine Untersuchung wegen "systematisch oder flächendeckend begangener Massaker" stellen, teilte Moreno-Ocampo am Mittwoch mit. Bei der Eroberung der Stadt Duékoué durch Truppen Ouattaras hatte es Ende März hunderte Tote gegeben. Vor ihrem Abzug aus der Stadt hatten die Anhänger Gbagbos offenbar ebenfalls ein Massaker an Zivilisten verübt.

EU verschärft ihre Sanktionen

Die internationale Gemeinschaft sucht nach Antworten auf die Vorgänge in Westafrika. So hat die Europäische Union am Mittwoch ihre Sanktionen gegen Gbagbos Regime ausgeweitet. EU-Mitgliedsländer dürfen nun keine Anleihen der Elfenbeinküste mehr kaufen und dem Land auch keine Kredite gewähren. Außerdem wurde ein weiterer enger Mitarbeiter Gbagbos mit einem Einreiseverbot belegt, sein Vermögen in der EU wurde eingefroren.

Führend ist die Ex-Kolonialmacht Frankreich. Mit dem Engagement in der Elfenbeinküste haben die Franzosen nach Libyen zum zweiten Mal innerhalb von nur vier Wochen eine Führungsrolle bei einem internationalen Einsatz in Afrika übernommen. Dabei sah es lange so aus, als wolle die alte Kolonialmacht gar nicht militärisch in den Konflikt zwischen Gbagbo und seinem gewählten Nachfolger Ouattara eingreifen. "Wir können nicht überall alles machen", bemerkte Juppé noch vor zwei Wochen. Doch dann gerieten die rund 12.000 Franzosen in dem an Bodenschätzen reichen Land Afrikas durch Gbagbo-Truppen immer mehr in Bedrängnis. Die französische Einheit "Einhorn" rückte vergangene Woche aus, um ihre Landsleute in Abidjan zu schützen.

Wie im Falle Libyens war letztendlich der Schutz der Zivilbevölkerung der offizielle Grund für die Franzosen, an der Seite der Uno-Blauhelme einzugreifen. Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon bat den französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy, sich an den Angriffen auf die schweren Waffen der Gbagbo-Kämpfer zu beteiligen.

Auch wenn der 65-Jährige von der Macht vertrieben sein wird, ist damit der Einsatz Frankreichs in der Elfenbeinküste wohl nicht zu Ende. Im Gegenteil: Denn das von fast zehn Jahren Bürgerkrieg zerrüttete Land muss befriedet werden. Und der neue Präsident Ouattara, mit dem Sarkozy mehrmals täglich telefoniert, ist dafür nicht unbedingt geeignet. Laut Uno sollen auch seine Truppen schwere Menschenrechtsverletzungen begangen haben.

Die Frage ist, wie lange Frankreich sein Militärengagement durchhalten kann. "Es geht nicht darum, sich in der Elfenbeinküste festzusetzen", versicherte Juppé am Dienstag. Sarkozy, der nächstes Jahr wiedergewählt werden möchte, wird durch die Interventionen in Afrika auch nicht populärer. Laut einer am Dienstag veröffentlichten Umfrage hat seine Beliebtheit ein neues Rekordtief erreicht und liegt bei nur noch bei 30 Prozent.

sef/dpa/AFP/dapd

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panzerknacker51, 06.04.2011
1. Man kann sich nur wundern,
daß SpOn sich nicht schämt, diesen Schlächter Quattara, der nichts anderes ist als ein Vasall Frankreichs und durch eine mehr als fragwürdige Wahl mal gerade 54% der Stimmen erreicht hat, hier als "Präsidenten" zu bezeichnen und den amtierenden Gbagbo, der immerhin Oppositionelle mit in die Regierung geholt hatte, einen Despoten zu nennen. Was hier abläuft ist schlimmster Neokolonianismus von Frankreichs Gnaden und spottet jeder Beschreibung. Eine solche Hofberichterstattung, wie sie hier bezüglich des Elysee stattfindet, ist wohl bis dato einzigartig in der SPIEGEL-Geschichte oder von mir in dieser Art noch nicht bemerkt worden. Würde mich nicht wundern, wenn dieser Beitrag der Zensur zum Opfer fällt.
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