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Elfenbeinküste Erst Musterstaat, jetzt Krisenkandidat

Jahrzehntelang galt die Elfenbeinküste als Hort der Stabilität in Westafrika. Doch nun ist das fragile Gleichgewicht zwischen Nord und Süd, Christen und Muslimen, Einheimischen und Zugewanderten passé: Der Machtkampf an der Staatsspitze bringt das Land an den Rand des Bürgerkriegs.
Von Hakeem Jimo

Elfenbeinküste

Bernard Coulibaly ist unruhig in diesen Tagen. Nachts bekommt er wenig Schlaf, er wagt es kaum, die Augen zu schließen. Der Journalist arbeitet bei einer regimekritischen Zeitung in Abijan, und er und seine Kollegen in der leben gefährlich. Coulibaly kennt viele, die in der Dunkelheit von regimetreuen Milizen verschleppt worden sind.

Auch Uno-Mitarbeiter berichten von nächtlichen Besuchen der Milizen. Bewaffnete Männer seien in ihre Häuser eingedrungen, hätten sie eingeschüchtert und schließlich aufgefordert, das Land zu verlassen. Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon warnt vor einem Bürgerkrieg. In den Nachbarstaaten würden schon Söldner rekrutiert.

Die einstige Vorzeigekolonie Frankreichs steckt in der schwersten Krise seit Jahrzehnten. Nach der Präsidentenwahl Ende November beanspruchen beide Kandidaten, Laurent Gbagbo und Alassane Ouattara, den Sieg für sich. Gbagbo hatte sich erneut als Staatschef vereidigen lassen, obwohl Oppositionskandidat Ouattara von der Wahlkommission zum Sieger erklärt worden war. Bei gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen beiden Lagern kamen nach Uno-Angaben allein Ende vergangener Woche mehr als 50 Menschen ums Leben. Laut Ouattaras Anhängern sollen seit Anfang Dezember knapp 200 Menschen erschossen worden sein.

Nach fast einem Jahrzehnt der politischen Zerrissenheit hätte diese Präsidentenwahl eigentlich die gut 20 Millionen Ivorer miteinander versöhnen sollen. Doch nun zeigt sich, wie groß das Misstrauen wirklich ist - und wie fragil das bisherige Gleichgewicht. Die Bewohner des Nordens können nicht mit denen im Süden, die Muslime nicht mit den Christen, Führungsfiguren beider Seiten sind unversöhnlich miteinander verfeindet, und es gibt Streit wegen unterschiedlicher wirtschaftlicher Interessen.

Dabei sind die Voraussetzungen für Frieden, eine stabile Staatsführung und wirtschaftlichen Erfolg durchaus gegeben. Kein Land auf der Welt erntet so viel Kakao wie die Elfenbeinküste. Zudem wird vor der Küste Erdöl gefördert. Die Côte d'Ivoire galt jahrzehntelang als Hort der Stabilität - politisch wie wirtschaftlich. Im Gegensatz zu den Nachbarländern, in denen ein Putsch auf den nächsten folgte und die Wirtschaft am Boden lag.

Stabilität bis Anfang der Neunziger

Die Phase der Stabilität ist eng verbunden mit dem politischen Wirken des Gründervaters Félix Houphouët-Boigny. Er hatte die Côte d'Ivoire 1960 in die Unabhängigkeit geführt und regierte das Land bis zu seinem Tod Anfang der neunziger Jahre. Houphouët-Boigny legte Wert auf einen Ausgleich zwischen dem vorwiegend christlichen Süden und dem dominanten Islam im Norden. Und er verfolgte eine offene Einwanderungspolitik. Dahinter stand der Gedanke, dass sich die Kakaoplantagen im Süden des Landes nur mit Hilfe von Arbeitskraft und Zuwanderung aus den nördlichen Nachbarstaaten Mali und Burkina Faso bewirtschaften lassen. Millionen ließen sich daraufhin an der Elfenbeinküste nieder.

Jeder Dritte gilt als Einwanderer. Anschluss fanden sie schnell, denn die Volksgruppen im Norden des Landes überschneiden sich mit denen der Nachbarländer. Mittlerweile leben die Zugewanderten seit mehreren Generationen im Land, kennen oft nur ihre neue Heimat und können mit den Herkunftsländern ihrer Eltern und Großeltern wenig anfangen. Sie sehen sich nicht mehr als zugewandert, sondern als vollwertige Bürger der Côte d'Ivoire.

Houphouët-Boigny hatte damals die Parole ausgegeben, dass demjenigen das Land gehöre, der es bestelle. Zeitlebens wagte niemand, dem charismatischen Politiker zu widersprechen. Aber der Alltag in den Dörfern, in denen das Land oft der Gemeinde gehört, sah schon immer anders aus. Die zugewanderten Landarbeiter waren als Arbeitskräfte bei den Einheimischen willkommen. Die Fremden durften auch selbst eine Farm erwerben und bestellen. Doch einen grundsätzlichen Anspruch auf das Land gegenüber den Einheimischen konnten sie nicht geltend machen.

Mit dem Tod des Gründervaters begann der Niedergang

Anfang der neunziger Jahre starb Houphouët-Boigny. Die politische Führung veränderte sich maßgeblich, das bekamen vor allem die Zuwanderer zu spüren. Der neue Präsident Henri Konan Bédié machte plötzlich Unterschiede zwischen Ivorern: Es gab nun diejenigen, die ivorische Vorfahren mütter- und väterlicherseits vorweisen konnten - und die anderen. Auch wirtschaftlich markiert diese Zeit einen Bruch: Das Land musste immer mehr Menschen ernähren, gleichzeitig sanken die Preise für Kakao auf dem Weltmarkt dramatisch. 1999 putschte das Militär gegen Präsident Bédié, er verlor seine Macht - und der Niedergang der Elfenbeinküste begann.

Inzwischen haben sich die Vorzeichen in der Region endgültig geändert. Ein Ende der politischen Krise ist nicht absehbar, und das beunruhigt viele Menschen im Land und in der gesamten Region Westafrika. Denn die ethnischen Spannungen, die die Elfenbeinküste an den Rand des Bürgerkriegs treiben, sind auch andernorts ein großes Problem.

Die Unterscheidung zwischen "echten" und "nicht ganz so echten" Ivorern wird am sichtbarsten bei der Präsidentenkür. Allen voran wurde Alassane Ouattara ausgebootet, nachdem er es bereits bis zum Premierminister gebracht hatte. Zweimal wurde ihm eine Kandidatur wegen seiner nördlichen Abstammung untersagt. Angeblich weil er nicht zweifelsfrei nachweisen konnte, dass seine beiden Elternteile von Geburt an ivorisch waren.

Zugewanderte fühlen sich wie Bürger zweiter Klasse

Spätestens mit diesen Erfahrungen fühlten sich Nordivorer und Zugewanderte kollektiv zu Bürgern zweiter Klasse herabgesetzt. Eine Rebellion im Norden des Landes vor acht Jahren und die folgende faktische Teilung des Landes in Nord und Süd begruben die letzte Hoffnung auf eine baldige Lösung des Streits.

Viele im Norden benennen als Schuldigen: Laurent Gbagbo. Er kam 2000 nach zweifelhaften Wahlen an die Macht. Sein Mandat lief bereits vor fünf Jahren aus. Aber mit dem Beginn der Uno-Friedensmission wurde ihm ein ums andere Jahr Aufschub gewährt, bis endlich Wahlen vor ein paar Wochen stattfanden. Für die internationale Gemeinschaft, darunter der Westen aber auch die Afrikanische Union, stand Alassane Ouattara eindeutig als Sieger fest.

Doch den alten Präsidenten Laurent Gbagbo beeindruckt das bislang wenig. Die beiden Lager stehen sich unversöhnlich wie nie gegenüber. Tausende Ivorer sind bereits in die Nachbarländer geflüchtet. Die Uno verstärkt ihre Truppen im Land, gesprächsbereit scheint Gbagbo nicht mehr zu sein. An diesem Donnerstag beschäftigt sich der Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen mit der Krise der Elfenbeinküste.

Journalist Bernard Coulibaly hat die Hoffnung noch nicht ganz verloren. Bisher haben seine Landsleute die absolute Eskalation stets im letzten Moment abgewendet. Doch wenn nun auch noch die Kakaoernte einbreche, sagt er, dann sei den Ivorern vermutlich nichts mehr heilig.

mit Material von dapd und AFP