Elfenbeinküste Gbagbo-Getreue fürchten Plünderungen und Racheakte

Der Despot Gbagbo ist abgesetzt, doch der Bürgerkrieg in der Elfenbeinküste könnte erneut aufflammen: Anhänger des alten Regimes fürchten die Rache marodierender Banden. Der neue Präsident Ouattara muss das Land nun befrieden - dabei sind noch immer Hunderttausende Waffen in Umlauf.

AFP

Aus Abidjan berichtet


Madame Louise ist wütend. Ihre stahlblauen Augen, aufgehübscht durch farbige Kontaktlinsen, funkeln. Madame sitzt in der Lobby eines besseren Hotels in Lome, der Hauptstadt Togos. Eines ihrer Flugzeuge sitzt in Abidjan fest, darf den Flughafen nicht verlassen. "Wie können die Franzosen einfach unseren Flughafen sperren?" knurrt sie. "Was machen sie überhaupt in der Elfenbeinküste?"

Vor Madame, die halb Ivorerin, halb Französin ist, liegen auf dem Tisch fünf Handys, im Minutentakt klingelt eines davon. Aber Madame bekommt ihr Flugzeug nicht frei. Heute zumindest nicht. Was damit zusammenhängen könnte, dass sie und ihr Ehemann nicht nur eine Fluglinie betreiben, sondern auch eine Sicherheitsfirma in der Elfenbeinküste. Man redet in Lome auch von Waffengeschäften, in die ihr Unternehmen verwickelt gewesen sei. Aus ihrer Nähe zum inzwischen verhafteten Laurent Gbagbo, dem ehemaligen Präsidenten, macht Madame keinen Hehl. In Abidjan sollen Listen mit den Namen der Geschäftsleute kursieren, die enge Beziehungen zu Gbagbo unterhielten. Madame Louise wird wohl noch einige Zeit im Ausland zubringen müssen.

Madame ist nur eine von vielen Geschäftsleuten, die mit Laurent Gbagbo gut gelebt haben. Dazu gehören auch Hunderte Libanesen, zum Beispiel Hussein Chaito. 31 Jahre ist er alt, Küchenhändler von Beruf. Seine Frau und die zweijährige Tochter hat er schon im Februar in den Libanon gebracht, da ahnte er wohl, dass der Machtkampf keinen friedlichen Ausgang nehmen würde. Er selbst hat sich in die französische Garnison nahe des Flughafens von Abidjan gerettet. Da sitzt er nun inmitten von Landsleuten mit Unterhemd und Shorts. Das Studio, in dem er gearbeitet hat, wurde komplett geplündert. "Ich bin hier geboren", sagt er. Und dass er bleiben wolle. Aber: "Die Libanesen sind hier alle Zielscheibe." Die Libanesen und andere Geschäftsleute für sich zu gewinnen, ihre Sicherheit zu gewährleisten und sie wieder ins Wirtschaftsleben zu integrieren - das dürfte eine der zentralen Herausforderungen für den gewählten Präsidenten Alassane Ouattara sein, der seine Macht nun tatsächlich ausüben kann.

Kaum jemand wird sein Gewehr freiwillig zurückgeben

Überhaupt die Sicherheit. Noch immer marodieren Banden durch Abidjan, Gbagbo-Anhänger genau so wie Jugendliche, die die anarchische Situation für sich ausnutzen. Noch immer trauen sich in manchen Quartieren die Menschen kaum auf die Straße, weil sie Plünderungen und Rachefeldzüge fürchten. Hunderttausende von Waffen kursieren nach dem wochenlangen Bürgerkrieg in der Stadt, freiwillig und kontrolliert zurückgeben wird sein Gewehr kaum jemand. Nach Uno-Schätzungen vom Freitag hat der Machtkampf in der westafrikanischen Republik bislang mindestens 1000 Menschen das Leben gekostet. Abidjan und der Westen des Landes seien die großen Problemgebiete, berichtet Uno-Untergeneralsekretär Alain Le Roy der französischen Zeitung "Libération".

Viele Fragen sind offen: Wohin wurde Laurent Gbagbo gebracht, nachdem er zunächst im Apartment Nr. 468 des Golf-Hotels - zusammen mit Frau, Sohn und Leibarzt - eingesperrt worden war? In den Norden des Landes, heißt es. Aber wohin und mit welcher weiteren Bestimmung? Wie kam der Ex-Innenminister Désiré Tagro ums Leben, der zusammen mit Gbagbo in der Residenz verhaftet worden war, dann aber in einem Krankenhaus plötzlich für tot erklärt wurde? Und wo ist das Spezialkommando geblieben, das Gbagbo wochenlang in seiner Residenz beschützt hatte?

An die 50 Gbagbo-Milizionäre hatten die Ouattara-Soldaten zusammengetrieben und verhaftet - aber wo sind die restlichen? Und wo vor allem die angeblich 300 angolanischen Elitesoldaten, von denen immer die Rede war? Waren sie einfach geflohen und hatten so den überraschenden Zugriff auf Gbagbo erst möglich gemacht? Und wo ist Charles Blé Goudé, der vormalige Jugendminister unter Gbagbo, einer der gefährlichsten Einpeitscher unter dessen Parteileuten?

Blé Goudé hatte vor wenigen Tagen noch Tausende von Jugendlichen mobilisiert, um Gbagbos Sturz zumindest aufzuhalten. Nun ist auch er spurlos verschwunden.

Immerhin, in der kommenden Woche soll es erstmals seit Monaten wieder Bargeld geben in Abidjan, die Taxen trauen sich auf die Straße, der Hafen ist neu eröffnet, und damit kommt auch der Kakaohandel, die wichtigste Devisenquelle, wieder in Gang.

Aber selbst wenn das Wirtschaftsleben künftig einigermaßen funktionieren sollte: Die Wunden, die der monatelange Machtkampf gerissen hat, wird Alassane Ouattara kaum in der Lage sein zu heilen. Zu knapp war sein Wahlsieg, zu opferreich der lange Kampf um den Einzug in den Präsidentenpalast.

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silenced 16.04.2011
1. <->
Ja, was soll man da groß zu schreiben, nach jedem Festbankett gibt es eine Rechnung, je nach Umfang der 'Feierlichkeiten' fällt diese größer oder kleiner aus, aber beglichen wird sie immer, irgendwie.
notty 16.04.2011
2. Keine Rache
Zitat von sysopDer Despot*Gbagbo ist abgesetzt, doch der Bürgerkrieg in der Elfenbeinküste könnte erneut aufflammen: Anhänger des alten Regimes fürchten die Rache marodierender Banden. Der neue Präsident Ouattara muss das Land nun befrieden - dabei sind noch immer Hunderttausende Waffen in Umlauf. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,757250,00.html
Der Machtwechsel in der CI ist fuer afrikanische Verhaeltnisse "Fast unblutig" abgelaufen. Ouattara muss jetzt sehen, dass er seine "Partisans" beruhigt und ueberzeugt, dass sie keine Rache an den auch nicht gerade zimperlichen Gbagbo Anhaengern nehmen. Wer noch weitere Probleme bekommen wird, sind die Libanesen, die den korrupten Gbagbo finanziell unterstuezt haben. (aber ohne die Libanesen in der CI laeuft der Laden nicht, die Nahrungsmittelversorgung z.B. wird weitgehend von ihnen organisiert...)
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