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03. April 2011, 22:17 Uhr

Elfenbeinküste

Uno wirft Ouattara-Anhängern Massaker vor

Die Elfenbeinküste versinkt in Gewalt: Nach Angaben der Vereinten Nationen haben Anhänger des gewählten Präsidenten Alassane Ouattara ein Massaker verübt. Er bestreitet die Vorwürfe. Anhänger von Widersacher Laurent Gbagbo verteidigen dessen letzte Bastionen.

Abidjan/Johannesburg - Er ist der gewählte Präsident der Elfenbeinküste und genießt die Unterstützung ausländischer Staaten. Doch die Uno erhebt schwere Vorwürfe gegen Anhänger von Alassane Ouattara: Kämpfer des international anerkannten Staatsoberhauptes sollen mehr als 330 Menschen im Westen des Landes getötet haben. Nach Angaben der Hilfsorganisation Caritas fielen in der Stadt Duékoué sogar mehr als 1000 Menschen einem Massaker zum Opfer.

Von über 330 Menschen, die in der westlichen Stadt Duékoué umgekommen seien, seien viele von Kämpfern Ouattaras getötet worden, teilte die Uno-Mission in der Elfenbeinküste mit. Mehr als hundert Menschen seien von Anhängern des bisherigen Staatschefs Laurent Gbagbo getötet worden, der sich seit der Wahl im November weigert, die Macht abzugeben.

Die Regierung von Ouattara wies die Anschuldigungen zurück. Unter den Getöteten seien keine Zivilisten gewesen. Zudem seien mehrere Massengräber im Westen des Landes entdeckt worden, für die Anhänger von Ouattaras Konkurrent Laurent Gbagbo verantwortlich seien.

Laut Caritas ereigneten sich die Tötungen vergangene Woche in einem Stadtviertel, das Ouattara-Kämpfer unter ihre Kontrolle gebracht hätten. Die Regierung des gewählten Präsidenten erklärte, Friedenstruppen der Vereinten Nationen hätten Duékoué verlassen und die Zivilisten dort rachsüchtigen Milizsoldaten Gbagbos ausgeliefert.

Duékoué ist nahezu vollständig zerstört

Ivorische Entwicklungshelfer, die in Duékoué waren, erklärten dagegen, Überlebende dort machten Ouattara-Kämpfer für die Morde verantwortlich. Nach Angaben der Uno kündigte Ouattara eine Untersuchung der Vorfälle an.

In Duékoué sind die Spuren der Gewalttaten sind nicht zu übersehen: Fast sämtliche Häuser der 75.000-Einwohner-Stadt sind verbrannt, in den Ruinen liegen zahlreiche verkohlte Leichen. Die Straßen sind verlassen, zahlreiche Einwohner sind in die Wälder geflohen. "Wir wollen nicht nach Hause zurück, wir haben Angst", sagt einer von rund 4000 Menschen, die in einer von Uno-Truppen bewachten Kirche Schutz gesucht haben.

Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch teilte mit, sie habe Fälle von Missbrauch verzeichnet, für die größtenteils Gbagbo-Anhänger verantwortlich seien. Die Taten seien an tatsächlichen oder mutmaßlichen Anhängern Ouattaras sowie an westafrikanischen Einwanderern und Muslimen verübt worden. Die Organisation erklärte, sie habe auch "glaubwürdige Berichte von Taten erhalten, die begangen wurden, als Ouattaras Truppen die Kontrolle über mehrere Städte im Westen (der Elfenbeinküste) übernahmen".

Ouattaras Truppen gehen in die Offensive

Truppen Ouattaras wollten am Sonntag erneut auf die Metropole Abidjan vorrücken, um Gbagbo zum Amtsverzicht zu drängen. In der Stadt waren am Sonntag Schüsse zu hören, die meisten Einwohner blieben in ihren Häusern. Am Morgen wurde in der ganzen Stadt das Wasser abgestellt, immer wieder viel der Strom aus. Ouattara-Truppen kontrollieren mittlerweile rund 80 Prozent des Landes.

Den Flughafen der Metropole brachten am Samstag französische und Uno-Soldaten unter ihre Kontrolle, wie ein französischer Militärsprecher mitteilte. Am Sonntag trafen demnach mehrere Flugzeuge mit 300 Soldaten ein. Bei einem Angriff von Spezialkräften Gbagbos wurden nach Uno-Angaben vier Blauhelmsoldaten schwer verletzt.

Die Uno ließen nach mehreren Überfällen auf ihr Büro rund 200 Mitarbeiter evakuieren. Aus Uno-Kreisen verlautete, sie würden mit Hubschraubern zum Flughafen von Abidjan und von dort per Hubschrauber in die nördliche Stadt Bouake gebracht. Die Evakuierungsanordnung gelte für "notwendiges Personal", hieß es. Andere Mitarbeiter waren bereits vor einigen Monaten evakuiert worden.

In Abidjan waren am Wochenende rund um die letzten Gbagbo-Bastionen und das Staatsfernsehen Schüsse zu hören, wie Anwohner berichteten. Im Fernsehen wurden die Gbagbo-Anhänger zur Mobilisierung aufgerufen. Sie sollten einen menschlichen Schutzschild um Gbagbos sein Büro und seine Residenz zu bilden. Hunderte junge Männer waren am Sonntag in der Nähe des Präsidentenpalasts in Abidjan versammelt.

ulz/AFP/dapd

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