Islamwissenschaftlerin im Interview Der Jemen-Konflikt - das steckt dahinter

Wer kämpft gegen wen im Bürgerkrieg in Jemen, warum eskaliert die Gewalt - und was plant Donald Trump? Die Islamwissenschaftlerin und Jemen-Expertin Elisabeth Kendall erklärt die Lage.

Elisabeth Kendall

Ein Interview von


Elisabeth Kendall lehrt in Oxford Arabistik und Islamwissenschaften. Seit fünf Jahren reist sie regelmäßig in den Jemen, zuletzt im August 2017. Kendall baut mit jungen Jemeniten ein Schulprogramm zur Friedenserziehung auf.


Amerikas Uno-Botschafterin Nikki Haley präsentierte vergangene Woche ein ungewöhnlich sperriges Beweisstück. Auf Holzpaletten drapiert lag der schwere Metallrumpf einer angeblichen iranischen Kurzstreckenrakete. Die Waffe sei Anfang November am Flughafen der saudi-arabischen Hauptstadt Riad sichergestellt worden, sagte Haley auf einem Militärstützpunkt nahe Washington. Damit machte die US-Diplomatin deutlich, wie real die Bedrohung durch Iran im mit den USA verbündeten Königreich Saudi-Arabien geworden sei.

Die USA und Saudi-Arabien werfen Iran vor, Raketen an Huthi-Rebellen geliefert zu haben. Teheran weist das zurück. Es handele sich eindeutig um "iranische Technik", sagte Haley. Konsequenterweise würden die USA eine "internationale Koalition" bilden, um "Iran und das, was das Land tut, zurückzudrängen", kündigte die Diplomatin an. Dabei stützt sich die USA unter anderem auf eine Uno-Resolution zu Jemen, die Waffenlieferung an die schiitischen Huthi-Rebellen verbietet.

Seit März 2015 kämpft eine von Saudi-Arabien angeführte internationale Militärkoalition darum, den legitimen Präsidenten Jemens, Abd Rabbuh Mansu Hadi, wieder einzusetzen. Riad geht es darum, die südliche Grenze Saudi-Arabiens zu sichern und den iranischen Einfluss im Nachbarland einzudämmen. Die von Saudi-Arabien geführte Koalition will verhindern, dass Jemen zu einem gescheiterten Staat wird, der die Monarchie bedroht.

Die als schnelle Intervention geplante Mission hat sich jedoch zu einem militärischen Desaster entwickelt, aus dem die Saudi-Araber keinen Ausweg finden. Die Koalition bombardiert Huthi-Stellungen, es gelingt ihr aber nicht, das Land nicht einzunehmen. Dabei starben inzwischen über 5000 Zivilisten durch Bombardements, die Zerstörung ist erheblich. Weil viele Brunnen zerstört wurden und vielen der Zugang zu sauberem Wasser versagt ist, breitete sich die Cholera aus. Bereits eine halbe Million Menschen sind infiziert, Tausende sterben an dieser eigentlich leicht zu behandelnden Krankheit. Denn durch die See- und Luftblockade erhalten die Betroffenen die notwendigen Medikamente nicht.

Anfang Dezember hatte der ehemalige jemenitische Präsident, Ali Abdullah Saleh, der sich nach seinem Fall mit den Huthi-Rebellen zusammenschloss, ein waghalsiges Wendemanöver versucht. Er einigte sich offenbar mit der saudi-arabisch-geführten Militärallianz und rief zum Aufstand gegen die Huthi auf. Die hatten jedoch rechtzeitig Wind bekommen von Salehs Verratsplänen, jagten und töteten ihn.

SPIEGEL: Frau Kendall, die Amerikaner schalten sich in den Jemen-Krieg ein. US-Präsident Donald Trump hat eine Militärkoalition gegen Iran angekündigt. Was wird als Nächstes passieren?

Kendall: Das Beweisstück einer iranischen Kurzstreckenrakete, die von den Huthi nach Saudi-Arabien abgefeuert wurde, ist natürlich überzeugend. Eine gewisse Beteiligung Irans im Jemen-Krieg steht auch außer Zweifel, selbst wenn das nicht zwingend heißt, dass diese Beteiligung durch die Regierung in Teheran das veranlasst wurde. Der entscheidende militärische Faktor, der den Huthi-Rebellen zur Macht verhalf, war auch nicht Iran, sondern der frühere Präsident Ali Abdullah Saleh. Er hat sich mit den Huthi verbündet und brachte ihnen schätzungsweise zwei Drittel der jemenitischen Waffenvorräte sowie seine gut ausgebildete Republikanische Garde. Es sollte angemerkt werden, dass die jetzige Konfliktlage dort die gleiche wäre, mit oder ohne Zutun von Iran.

SPIEGEL: Die Ankündigung der USA, Iran "zurückzudrängen", hört sich nach einer neuen Runde in diesem Krieg an, nach mehr Gewalt.

Kendall: Es ist sicher eine vergebliche Hoffnung, darauf zu warten, dass die Huthi durch weitere militärische Bombardierung aufgeben. Um die iranische Beteiligung wirklich zu verringern, müsste eine politische Lösung gefunden werden, die von den Huthi realistischerweise auch in Erwägung gezogen werden kann.

SPIEGEL: Warum engagiert sich Iran in Jemen?

Elisabeth Kendall

Kendall: Ich sehe vier Gründe. Erstens: Iran nutzt die Gelegenheit, sich dort mit geringem Einsatz als Regionalmacht zu präsentieren, gleichzeitig schürt das die saudi-arabischen Ängste vor Einkreisung durch Iran. Zweitens: Indem es Saudi-Arabien in diesen Krieg hineinzieht, lenkt Iran das Königreich von seinen nördlichen Fronten ab, in Syrien, Iran und Libanon, wo die beiden Länder gegensätzliche Interessen haben. Drittens: Der teure Krieg setzt Saudi-Arabien finanziell stark zu. Und viertens: Saudi-Arabien verliert in Jemen sein internationales Ansehen, man ist besorgt über das Aushungern und die Krankheiten der Jemeniten durch die saudi-arabische Blockade und Bombardements.

SPIEGEL: Geht dieser Plan auf?

Kendall: Ohne Zweifel nimmt Irans Einfluss zu. Die Huthi sind eine politische Bewegung mit eigener schiitischen Rechtsschule, und es ist zu beobachten, dass die Rhetorik von Huthi-Führers Abd al-Malik in jüngster Zeit tatsächlich religiöser wird. Aber das bedeutet nicht, dass diese Entwicklung tatsächlich auch der ideologischen Überzeugung der Huthi entspricht.

SPIEGEL : Warum kooperieren die Huthi überhaupt mit Iran?

Kendall: Die immer enger werdende Kooperation entspringt einer Notlage. Mit ihrer Rebellion wollten die Huthi ursprünglich ein Ende ihrer politischen und wirtschaftlichen Marginalisierung und der Korruption in der Regierung erreichen. Der Konflikt entstand also durch lange bestehende Missstände im Land, weil die Reform der ungerechten Verteilung von Macht, Territorien und Ressourcen nicht angegangen wurde. Aufgrund des Krieges und der von Saudi-Arabien geführten militärischen Kampagne ist der Einfluss Irans schließlich gestiegen, nicht gesunken.

SPIEGEL: Als Präsident hatte Ali Abdullah Saleh Saleh sechsmal gegen die Huthi gekämpft, zwischen 2004 und 2010, sich dann aber, nach seinem Fall, mit ihnen verbündet, um sie jetzt wieder zu verraten. Was bedeutet seine Ermordung für das kriegsgebeutelte Land?

Kendall: Es bedeutet, dass die Huthi ihre Macht in Sanaa, der Hauptstadt von Jemen, gerade weiter konsolidieren, trotz oder vielleicht sogar wegen der Angriffe gegen sie an so vielen Fronten. Die Menschen haben einfach die Nase voll von diesem Konflikt. Bitte vergessen Sie nicht, dass der Aufstand 2011 gegen Präsident Saleh dem Wunsch entsprang, dessen Regierung zu beenden und damit auch seine Pläne, den Sohn als Nachfolger einzusetzen. Der alte Saleh war ein politischer Veteran mit erstaunlichen Fähigkeiten. Und die Loyalität ihm gegenüber geht nicht automatisch auf den Sohn über. Viel wird davon abhängen, was die Stämme um Sanaa herum entscheiden.

Elisabeth Kendall

SPIEGEL: Warum riskierte Saleh den Seitenwechsel zur saudi-arabisch geführten Koalition, der ihn schließlich das Leben kostete?

Kendall: Die Huthi-Saleh-Allianz hatte schon Risse seit vergangenem Sommer. Sie war im Grunde immer fragil, eben weil Saleh Kriege zuvor geführt hatte gegen die Huthi. Während der anhaltenden militärischen Patt-Situation der vergangenen zwei Jahre entstanden dann Spannungen zwischen Salehs Partei GCP und den Huthi. Saleh dachte wahrscheinlich, das sei die perfekte Gelegenheit, die Seiten zu wechseln. Wahrscheinlich hat Saleh bereits seit Monaten seinen Ausstieg aus der Huthi-Allianz verhandelt.

SPIEGEL: Was genau haben Saudi-Arabien und die Vereinten Arabischen Emirate Saleh bei diesen Verhandlungen angeboten?

Kendall: Genau wissen wir es nicht, wahrscheinlich ist, dass Saleh Straffreiheit angeboten wurde und sein Sohn Ahmad die Führung der Partei hätte übernehmen können.

SPIEGEL: Die Huthi jagen hohe Mitglieder von Salehs Partei GCP und bestrafen sie für dessen Verrat. Was passiert da gerade?

Kendall : Die Huthi sagen zwar, dass ihr Streit persönlich war, mit Saleh, und sie gerne weiterhin mit seiner GCP zusammenarbeiten wollen. Aber diese Chance vertun sie gerade. Sie ermordeten verschiedene führende Parteimitglieder und setzten 13 GCP-Minister in Sanaa unter Hausarrest.

SPIEGEL: Wer sind die in diesem Konflikt bestimmenden Kräfte?

Kendall: Neben den Huthi und Salehs GCP spielt auch die sunnitische Terrorgruppe al-Qaida eine Rolle. Sie betrachtet die schiitischen Huthi als Ungläubige und Agenten des Iran. Al-Qaida will die Huthi auf der Arabischen Halbinsel ausrotten, um ausländische Einflüsse auszuschließen und eine auf islamischem Recht basierende Herrschaft einzuführen. Die Southern Movement wiederum strebt die Unabhängigkeit des südlichen Jemen an, und diverse Stammesmilizen versuchen, ihren Einfluss über Territorium und Ressourcen zu sichern.

SPIEGEL: Warum fahren Sie als Wissenschaftlerin immer wieder in dieses Kriegsland?

Kendall: Diese entlegenen Gegenden mit ihrer Stammeskultur faszinieren mich, dazu gehört auch meine große Liebe für die dort sehr tiefe, lebendige Poesie und die außergewöhnliche Gastfreundschaft. Beginnend mit dem formalen sogenannten Khubuur-Gruß und den Salutschüssen der Maschinengewehre, die tosenden Lagerfeuer und frisch geröstetes Kamelfleisch. Ich reiste letztes Mal auch in die Wüsten des Nordens, dort interessierten mich die Sorgen, Ängste und Hoffnungen der Menschen. An der östlichen Küste war ich wiederum schockiert, zu sehen, wie schnell sich Gemeinden der florierenden Kriegsökonomie anpassen.

SPIEGEL: Gibt es überhaupt noch Chancen auf einen Frieden?

Kendall: Im Moment ist ein Anstieg der Gewalt deutlich wahrscheinlicher als Frieden. Salehs Tod ist für die Koalition eine Gelegenheit, seine Partei, die GPC, wieder auf ihre Seite zu ziehen. Falls Salehs Truppen dann tatsächlich umschwenken und ihre Loyalität von den Huthi auf die nun auch noch US-gestützte Koalition übertragen, wird das die Fronten zwar verlagern. Aber Frieden kann es so nicht geben.

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