Frankreichs EM-Niederlage Tränen in bleu-blanc-rouge

Ende eines Märchens: Von einem Sieg der Franzosen hätte Präsident François Hollande profitieren können. Jetzt addiert sich die sportliche Niederlage zu seiner politischen Negativbilanz.

Französische Fans in Paris
DPA

Französische Fans in Paris

Von


In der Fan-Zone vor dem Pariser Eiffelturm herrschte erst Schockstarre, dann Schrecken und Entsetzen. "Mein Gott", schreit eine junge Frau umhüllt von der Nationalflagge, "das ist eine Katastrophe." Mit dem Schlusspfiff im EM-Endspiel Frankreich gegen Portugal und der Niederlage der Équipe Tricolore entluden sich vor den TV-Schirmen 120 Minuten der Anspannung, des Bangens und der Erwartungen in oft haltlosen Emotionen.

Während das Team im Stade de France weinend das Spielfeld verließ, flossen auch unter ihren Anhängern Tränen der Enttäuschung über die Gesichter - geschminkt in blau-weiß-rot: Die Erwartungen der Fußballnation zerliefen in den Farben der Trikolore.

Von Donnerstag bis Sonntag hatte der Traum gedauert, der Traum vom Sieg der Franzosen vor heimischen Publikum. "Nach der EM von 1984, der Weltmeisterschaft von 1998 musste Frankreich zu Hause gewinnen, alle Bedingungen waren erfüllt", kommentiert das Sportblatt "L'Équipe": "Allein, das Märchen ging nicht gut zu Ende."

Fotostrecke

10  Bilder
EM-Fanmeile in Paris: Tränengas auf der Champs-Élysées

"Eine zauberhafte Parenthese" hatte auch die linke Tageszeitung "Libération" über den Enthusiasmus vor dem Match getitelt: "Der magische Sieg über die Deutschen, die Hoffnung auf eine Krönung am Sonntag - vorübergehend ist die Begeisterung der Franzosen für die 'Blauen' wie Balsam für die Wunden einer Gesellschaft, mitgenommen von einem Jahr der Ängste."

Am Montag ist das kurzlebige Intermezzo des Hochgefühls vorüber, die Stimmung gekippt. "So grausam", titelt "Le Parisien". Das Regionalblatt "Ouest France" schreibt: "Portugal zerstört den französischen Traum."

"Fußball ist der Wunsch nach Glück"

Dabei hatte es an Schützenhilfe auch von höchster Stelle nicht gefehlt. "Natürlich erkennt man sich wieder in diesem Team, wir wünschen uns, zusammenzustehen und glücklich zu sein", sagte Premier Manuel Valls noch am Morgen vor dem Spiel. "Es ist die Gelegenheit, auf uns selbst stolz zu sein, voller Selbstvertrauen und Vertrauen in dieses französische Team." Valls: "Fußball ist der Wunsch nach Glück."

Fotostrecke

20  Bilder
Portugal und Frankreich: Entscheidung in Minute 109

Drei Tage waren die Sorgen der Nation wie ausgeblendet: Vergessen die Wirtschaftskrise, verdrängt die Arbeitslosigkeit, die Streiks oder die bisweilen gewalttätigen Kundgebungen gegen die Reform des Arbeitsgesetzes. Selbst die immer präsente Angst vor Anschlägen verschwand hinter der wachsenden Begeisterung für "Les Bleus".

Auch Präsident François Hollande hatte versucht, die Erfolge der Nationalelf zu nutzen. Der Staatschef, selbst nicht gerade eben sportlich, aber durchaus begeisterter Kenner der Materie, lobte die Arbeit der Spieler in Tönen, die den Wunsch nach einem ähnlichen Wirken seiner Regierungsmannschaft nahelegten.

Präsident Hollande: Miesepetrige Stimmung im Wahlvolk
AFP

Präsident Hollande: Miesepetrige Stimmung im Wahlvolk

"Ein sehr geschätzter Coach, dazu Freude, Ernsthaftigkeit und eine Konzentration, die auf einen schönen Abschluss deuten lässt", sagte Hollande nach einem Besuch im Trainingslager. Und erlaubte sich den Hinweis: "Ich will den Sport nicht für die Politik benutzen, das ist nicht gut für den Sport und nicht gut für die Politik."

Tatsächlich hätte Hollande - gerade noch zehn Monate vor der Präsidentschaftswahl - durchaus von einem Sieg der Nationalelf profitieren können. Der unpopulärste Staatschef der Fünften Republik konnte damit rechnen, dass die Euphorie über einen sportlichen Erfolg zumindest die miesepetrige Stimmung im Wahlvolk vertreiben würde.

"Labsal für die Herzen der Franzosen"

Zwar hatten Meinungsforscher den direkten Einfluss zwischen Sport und Politik eher bestritten. "Frankreich ist keine Fußballnation wie Italien, Spanien oder Großbritannien." Ein EM-Erflog, so Jérôme Fourquet, Direktor beim Umfrageinstitut Ifop, "kann zwar Labsal für die Herzen der Franzosen sein, aber was die Popularität des Präsidenten angeht, ist davon nicht viel zu erwarten."

Dennoch hätte ein EM-Sieg, pünktlich zum Auftakt der Sommerferien, Hollande geholfen. Denn der Sozialist versucht, seine Landsleute schon seit Monaten davon zu überzeugen, dass nach den ersten Anzeichen einer ökonomischen Besserung nun die wirkliche Wende kommt. Dennoch blieb das Mantra des Sozialisten, "Frankreich geht es besser", bislang ohne Echo.

Fotostrecke

14  Bilder
Frankreich in der Einzelkritik: La Grande Tristesse

Nach der Niederlage im Stadion droht nun ein erneutes Absacken in den Pessimismus. Und die sportliche Niederlage addiert sich zur enttäuschenden politischen Bilanz des Staatschefs. Noch bevor Hollande die geschlagene Nationalmannschaft zum Mittagessen im Élysée empfängt, tröstet sich der Präsident mit einer Erkenntnis aus dem eigenen Alltag: "Der Sport erlaubt den Zusammenschluss, die Politik hingegen spaltet."



insgesamt 17 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
willi441 11.07.2016
1. Purer PR Egoismus ...
ist doch voll etabliert auf allen Ebenen. Präsident Hollande hat sich wohl von Frau Merkel etwas abgeschaut ,doch für beide ging die Rechnung infolge Niederlagen nicht auf. Ich finde es absolut peinlich wenn eine weibliche Person, aus PR Gründen sich für Selfies in einer Männerkabine zur Schau stellt. Spieler die die National Hymne nicht mitsingen ,alles legitimiert auf höchster Ebene . Moral , Kultur absoluter Einheitsbrei.
demophon 11.07.2016
2. Fußball ist Nebensache
Fußball als eine wichtige politische Kraft zu erhöhen ist voll daneben. Solche Sportergebnisse sind nach wenigen Tagen in die Vergessenheit geraten und haben keinerlei Auswirkung auf irgendwelche politischen Wahlen. Hollande hat einfach Pech, dass sich die frz. Wirtschaft nicht so gut entwickelt hat wie die deutsche.
bessernachgedacht 11.07.2016
3. Viel zu Ernst
Das ganze wird viel zu ernst genommen. Solange die 'Fans' der Gastgeber gegnerische Spieler auspfeiffen, ist denen kein Sieg zu gönnen. Und ein Sport, bei dem der blosse Kontakt des Fusses mit dem Ball ein Umrennen, nein besser gesagt ein Niedertreten mit schweren Verletzungen, legitimiert, ist und bleibt wiederlich. Schade, dass das Volk Konzerne unterstützt, die Ihrerseits Werbemillionen in sowas reinpumpen.
galbraith-leser 11.07.2016
4. Monsieur Valls Wunschdenken
Ob sich die Mehrheit der Franzosen tatsächlich in einem Team wiedererkennt, das zu zwei Dritteln aus Migranten besteht, sei mal dahingestellt. Was den Wunsch nach Zusammenstehen und Glück angeht, so sehe ich in französischen Gesellschaft wesentlich mehr Egoismus und Risse als in der deutschen. Wobei sich auch hier mittlerweile Gräben auftun, die die Diskussionskultur gefährden. Frankreich mit seinem staatlichen Dirigismus ist eben kein Erfolgsmodell, das sollten die deutschen Sozialdemokraten und Linken endlich mal realisieren.
Malto Cortese 11.07.2016
5.
Auch ein Sieg der Equipe Tricolore hätte bestenfalls kurzfristig den Demokratie-Infarkt übertüncht, den die Dekretierung des Loi el Khomri darstellt. Der Herbst wird heiß in Frankreich.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.