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08. Mai 2017, 19:54 Uhr

Emmanuel Macron

Ein neuer Ton der Hoffnung

Ein Kommentar von

Die ersten Stunden geben den Ton für die kommenden fünf Jahre vor: Emmanuel Macron zeigt sich demütig, hoffnungsvoll und spricht mit nahezu klassischem Pathos - wie man es lange nicht gehört hat in Europa.

Die Amtszeit eines französischen Präsidenten entscheidet sich in den ersten Momenten nach der Wahl. So mächtig ist die Öffentlichkeit dann, so neugierig, dass sie wie mit einem Röntgenblick ins Innerste der Personen und auch weit in die Zukunft blicken kann.

Nicolas Sarkozy ging in ein teures, nicht besonders gutes und nur bei Spesenrittern beliebtes Restaurant an den Champs-Élysées feiern. Seine damalige Frau Cécilia war erst nicht dabei, ließ sich aber überreden und erschien verspätet in einem Pulli, mit dem sie ihre ganze Lustlosigkeit zur Schau stellte - das ganze Gewühle der Gefühle vor vergoldeter Kulisse, mit dem Sarkozy die Franzosen fünf Jahre lang behelligen sollte, entfaltete sich schon in der Nacht im Fouquet's.

Bei François Hollande gab es am Abend seines Wahlsiegs eine protokollarische Verwirrung um seine ehemalige Partnerin Ségolène Royal: Die kam unvermittelt auf die Bühne und küsste den Vater ihrer Kinder. Das erboste Hollandes damalige Freundin Valerie Trierweiler: Sie näherte sich dann energisch dem frisch gewählten Präsidenten und flüsterte eine beziehungspolitisch relevante Regieanweisung: "Küss mich auf den Mund!" Hollande, der selbst und gerade in Fragen der Zuneigung zaudernde, offenbarte sich schon an jenem Abend. Sein eigener Sohn sagte den besten Satz über ihn: "Wenn mein Vater einen Raum betritt, weiß man nie, durch welchen Ausgang er ihn wieder verlässt."

Es galt politisch und es galt privat: Die auf wenig sympathische Art vollzogene Trennung Hollandes von Trierweiler und das böse Buch, das sie später über ihn schrieb, verdüsterten sein Bild nachhaltig.

Reden voller Hoffnung

Symbole des ersten Abends bilden den Notenschlüssel für die nächsten fünf Jahre. Macron suchte jedes Detail der Symbolik mit Bedacht aus. Traditionell feiern die konservativen französischen Wähler einen Wahlsieg an der Place de la Concorde, die Linken hingegen an der Place de la Bastille. Der von Macron stattdessen gewählte Louvre ist das Symbol für ein wieder aufstehendes, sich selbst erneuerndes Frankreich. Nach dem französischen Bürgerkrieg der Achtzigerjahre des sechszehnten Jahrhunderts zog hier Henri Quatre ein und begann damit, das zum Slum heruntergekommene Schloss zu verschönern und zu vergrößern. Henri unternahm von dort aus, was Macron heute versucht: die Teile des Landes, damals Hugenotten versus Katholiken, zu befrieden und zu einigen. Darum ist er auch der einzige französische König, der bis heute so richtig verehrt wird.

In unserer Zeit wurde die in der Amtszeit von Mitterrand erbaute Glaspyramide von I.M. Pei im Innenhof des Louvre zum Symbol eines kulturellen Wiederaufstiegs: François Mitterrand war kein Mann der Wirtschaft, aber er vermochte es, Frankreich wieder einen modernen, weltweit attraktiven Glanz zu verleihen. Dazu nutzte er die Kultur: In den Achtzigerjahren beherrschten französische Intellektuelle, Cineasten, Designer und Comiczeichner jede nur denkbare kreative Szene. Bis die Mauer fiel und Berlin zum Zentrum der kreativen Welt wurde. Eine Verschiebung und narzisstische Kränkung, von der sich Paris noch nicht richtig erholt hat.

Macron stellte sich also vor diese Pyramide und erinnerte daran, was an kulturellem und politischem Mut einmal da war, in Paris. Seine Frau war an seiner Seite, und das Publikum konnte den Eindruck gewinnen, dass dieser Mann in der Lage ist, verbindlich zu anderen Menschen, seiner Frau und seiner Familie zu stehen. In der Geschichte der französischen Präsidenten wäre er damit der erste seit Jahrzehnten. Das ist ein nicht zu unterschätzender Fortschritt in einer immer noch weitgehend machistisch geprägten Gesellschaft, in der keine Käsewerbung ohne dekolletiertes Model auskommt.

Es wurde ein schöner, ja ergreifender erster Abend mit zwei Reden voller Hoffnung, Demut und nahezu klassischem Pathos - wie man es lange nicht gehört hat in Europa.

Europa als echtes Projekt

Emmanuel Macron wird am Montag aufgewacht sein und sich gefragt haben, ob alles nur geträumt war. Und alle Französinnen und Franzosen auch, denn es ist ein Wunder: Wie überholt wirken heute jene, die gestern noch das Land regierten und kommentierten. Wie ängstlich erscheint heute Politik von Sarkozy und Hollande, die der extremen Rechten immer wieder nachgab, um sie in Schach zu halten. Wie verzagt sieht eine europäische Elite aus, die sich angewohnt hatte, auf Europa zu schimpfen, weil sie annahm, dass die Bürger das gern hören möchten.

Und dieser Effekt ist heutzutage nicht mehr national beschränkt. Nie zuvor nahm man in der Bundesrepublik so starken Anteil an einer französischen Wahl, ihr Ergebnis ändert auch den Blick, den wir auf unser Land richten. Hier haben sich in den vergangenen Tagen Teile von Politik und Publizistik in eine loriothafte Leitkulturdebatte verstrickt, statt zu schauen, wie es vorwärts gehen könnte. Hier werden politische Reden vor allem in beschwichtigender Absicht gehalten und mit der Unterstellung, dass der Bürger zuerst und zuletzt ans Geld denke.

Macron hat darauf gewettet, dass die Populisten nicht das Volk sind und eine Mehrheit bereit ist, etwas zu wagen, um Europa wieder zu einem echten Projekt zu machen. Er sprach mit den Bürgerinnen und Bürgern wie mit Erwachsenen, denen die Wahrheit zuzumuten ist. Auch vor wütenden Arbeitern, deren Jobs einer Verlagerung des Standorts nach Polen zum Opfer fallen werden, hat er die Komplexität nicht reduziert, sondern ihre Lage differenziert geschildert und konkret erklärt, was dem Staat möglich sei und was nicht. Er hat nun ein Mandat zur Erneuerung des politischen Lebens in Frankreich und zur Erfrischung des europäischen Projekts.

Auch Deutschland muss sich etwas vornehmen

Das wird er nicht allein schaffen, und die Rechte wird keine Zeit verlieren, um ihre Position als Oppositionspartei und politische Alternative weiter auszubauen. Deutschland und Frankreich müssen die gewonnene Zeit gemeinsam nutzen. Von Frankreich wird da viel verlangt: Sich der verdrängten Geschichte zu stellen, den Rechten und den Islamisten wirksam zu begegnen, die Wirtschaft wieder in Gang zu bekommen, die Arbeitslosigkeit zu senken und ganz allgemein die Eliten wieder vorzeigbar zu machen. Es ist eine immense Operation am Wesen einer Kultur.

Deutschland muss sich nun auch etwas vornehmen: Es wird nicht weit führen, wenn man ganzen Generationen in Frankreich und den Südländern als beste Aussicht ihrer Zukunft bescheidet, sie dürften pünktlich für Schulden zahlen, die sie gar nicht gemacht haben. Damit es vorangeht, muss jeder etwas überwinden: Frankreich den wohligen Grusel am unvermeidlichen Abstieg in eine houellebecqsche Depression, Deutschland die Illusion, die "schwarze Null" sei schon die ganze Pointe unserer gemeinsamen Geschichte.

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