G7-Gastgeber Macron Der Präsident als Klimaaktivist

"Ich habe mich grundlegend verändert", verspricht der französische Präsident - und bedient sich als Gastgeber des G7-Gipfels bei den Slogans der "Fridays-for-Future"-Bewegung.

Emmanuel Macron stellt sich hinter "Fridays for Future"
Michel Spingler / DPA

Emmanuel Macron stellt sich hinter "Fridays for Future"

Von , Paris


In dem kleinen baskischen Dorf Irissarry, nicht weit von Biarritz, wo sich an diesem Samstag die Staats- und Regierungschefs der G7-Gruppe treffen, stürmten am Freitagmorgen Demonstranten das rot-weiße Rathaus aus Ziegelstein. Drinnen bedeckten sie das in jedem französischen Rathaus obligatorische Porträt-Bild des französischen Präsidenten Emmanuel Macron mit einem Plakat: "Klima, soziale Gerechtigkeit: Wo ist Macron?", stand darauf geschrieben. Und wahrscheinlich hätten die Demonstranten wohl nicht gedacht, welche Antwort sie noch am gleichen Tag bekommen würden.

Macron stand nämlich wenig später auf dem Rasen des Pariser Elysee-Palasts: Nein, nicht zum Diplomaten-Talk mit der Weltpresse wie vor zwei Tagen, sondern nur vor der winzigen Kamera der französischen Internet-Seite Konbini. So als würde Bundeskanzlerin Angela Merkel nur dem YouTuber Rezo ein Interview geben.

Und man höre und staune: Der Präsident warnte vor dem "Ökozid". Er forderte "konkrete Maßnahmen" des G7-Gipfels gegen die Regenwalbrände im Amazonas-Gebiet und erklärte, warum er das neue Freihandelsabkommen zwischen Südamerika und der EU stoppen will.

Und warum das alles? "Ich habe mich sehr grundlegend verändert", gestand Macron seinem jugendlichen Konbini-Publikum. "Die Jugendbewegung der vergangenen Wochen, der vergangenen Monate, die heute weitergeht, hat mich zum Nachdenken gebracht."

Macron "for Future"

Tatsächlich demonstrierten am Freitag vor der brasilianischen Botschaft in Paris - ebenso wie vor den brasilianischen Botschaften in Berlin, London und Genf - die Anhänger der Klimaschutzbewegung "Fridays for future" unter dem Motto "SOS" für das Amazonas-Gebiet. "Unser Haus brennt buchstäblich", hatten die Anhänger der schwedischen Aktivistin Greta Thunbergs in ihrem Demonstrationsaufruf geschrieben. Und was sagte Macron zu Konbini? "Unser Haus brennt buchstäblich." Der Präsident übernahm eins zu eins die Sprache der Klimaschutzbewegung, gerade mal 24 Stunden bevor er selbst den G7-Gipfel eröffnen sollte.

Das war kein Ausrutscher. "Das ist Macrons Entdeckung der absoluten Zentralität der ökologische Frage", kommentiert der ehemalige Harvard-Professor und Pariser Außenpolitik-Experte Dominique Moisi gegenüber dem SPIEGEL. "Für sich hat Macron entschieden: Der Freihandel ist wichtig, aber der Planet ist wichtiger."

"Macron, der Verschmutzer": Demonstranten in Frankreich
Bob Edme /DPA

"Macron, der Verschmutzer": Demonstranten in Frankreich

Wohin soll das führen? Selten zuvor der Gastgeber eines G7-Gipfels der am meisten entwickelten Industriestaaten sich so explizit hinter Forderungen gestellt, die auch in Biarritz sonst nur von den von abertausend Polizisten abgeschirmten Gegnern des Gipfels formuliert werden. "Ökozid" ist so ein Begriff, den zwar Umweltorganisationen wie Greenpeace seit Jahren benutzen, den die offizielle westliche Regierungspolitik bisher aber scheute wie der Teufel das Weihwasser. Denn er bedeutet ja, dass wir uns alle in den Tod treiben könnten. Ist es da politisch nicht doch klüger, weiter über Freihandel zu sprechen?

Nicht mal Deutschland und Frankreich sind sich einig

Das wäre wohl auch Bundeskanzlerin Angela Merkel an diesem Wochenende in Biarritz lieber. Gerne bekräftigte ihr Regierungssprecher in Reaktion auf die Aussagen Macrons, dass sich auch die Bundesregierung vielfältig für den Regenwald einsetze. Aber deshalb gleich das Freihandelsabkommen mit Südamerika stoppen? In dieser Frage gibt sich Berlin lieber diplomatisch unverbindlich.

Das Abkommen betrifft immerhin 770 Millionen Menschen und ein Handelsvolumen von jährlich 88 Milliarden Euro. Wie viel kosten dagegen die Feuer am Amazonas? Sowieso streiten sich Macron und Merkel seit Monaten über die klimapolitischen Vorbehalte des Abkommens. Macron findet sie zu lasch, Merkel hält sie für ausreichend. Allerdings ist das deutsche Handelsvolumen mit Südamerika auch viel größer als das französische.

Böse Zungen in der deutschen G7-Delegation in Biarritz werden nun behaupten, Macron nutze die Amazonas-Brände, um den französischen Rinderzüchtern einen Gefallen zu tun, die sich seit Jahren vor dem zollfreien Import argentinischer Steaks fürchten. Aber geht es wirklich noch darum? "Natürlich mischen sich bei Macron politischer Pragmatismus und grundsätzliche Überlegungen", sagt Experte Moisi. "Aber die deutschen Freihandelsvisionen sind naiv."

Schon im Vorfeld des G7-Gipfels sind sich Frankreich und Deutschland uneinig - und das kann schwerwiegende Folgen haben. Können Merkel und Macron so noch gegenüber einem Protektionisten wie US-Präsident Donald Trump zusammenstehen? "Wir erleben eine tiefgreifende Krise der Demokratien bei der Suche auf eine Antwort auf die heutigen Ängste, die Klima-Angst, die Technologie-Angst, die Migrations-Angst", sagte Macron diese Woche. Sehr entschieden hat er sich nun auf die Suche nach einer Antwort auf die Klima-Angst begeben. Aber was ist wichtiger: Klima-Aktivismus oder europäische Solidarität? Die Frage stellt sich zumindest solange, wie Berlin nicht mitspielt.

Im Video: "Biarritz ist zu einer Festung geworden"

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sandnetzwerk 24.08.2019
1. Ach ja
Wieder einmal die große Zeit der leeren Worte. Der G7 Gipfel ist so spannend wie ein Telefonbuch und genauso obsolet.
sven2016 24.08.2019
2. Günstigenfalls ergibt der rituelle Treff
kein Ergebnis, wie meist. Man vereinbart, die Fragen beim nächsten G7-Treffen in Trumps Golfclub zu besprechen und lässt die Sache auf sich beruhen. Der Ami pöbelt herum, knöpft sich pressewirksam die Regierungschefs vor und macht Wahlkampf. Und wieder mindestens 200 Millionen Euro an einem Wochenende verbraten.
cervo 24.08.2019
3. Wenn man schon übersetzt, dann richtig...
Macron: "president des pollueurs" heisst nicht "M. der Verschmutzter", sondern: "Macron: Präsident der Verschmutzer." Das ist ein kleiner Unterschied!
berther 24.08.2019
4. Tja...
... um wieder gewählt zu werden, muss man heutzutage auf jeden Karren aufspringen. Dabei ist es doch gar nicht so schwer, zwischen echtem Anliegen und Lippenbekenntnissen zu unterscheiden
ohnefilter 24.08.2019
5. Macron schreitet voran
Es gibt noch Hoffnung. Frankreichs junger Präsident zeigt den Politveteranen, wie man die Welt rettet. In seiner kurzen Amtszeit hat er mehr in Aussicht gestellt, als alle anderen zusammen.
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