Macron auf Debatten-Tour in der Provinz Unser Lehrer Doktor Präsident

Hinterland statt internationaler Glanz - Emmanuel Macron tingelt durchs ländliche Frankreich. Dort will er verlorenes Vertrauen zurückerobern. Doch in der Provinz warten unangenehme Fragen.

Emmanuel Macron
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Emmanuel Macron

Aus Étang-sur-Arroux berichtet


Kleines Gedankenexperiment: Mal angenommen, Emmanuel Macron hätte - statt sie zweimal zu vermasseln - die Aufnahmeprüfung an der berühmten École Normale Supérieure bestanden. Vielleicht wäre er nach seinem Studium Lehrer geworden, wie so viele Absolventen dieser renommierten Hochschule. Wahrscheinlich wäre er ein ziemlich guter Lehrer geworden, noch dazu: ein ziemlich beliebter. Egal, an welcher Schule. Er redet und erklärt gern, und, auch das ist nicht unwichtig: Er hört sich gern reden und erklären.

Was wiederum seine Ausdauer auf dieser Tour durch die Provinz erklärt. Diese Disziplin braucht er, um verlorenen Boden wieder gut zu machen. Es war im Dezember, als Macron, geschwächt durch die Aufstände der Gelbwesten und die wachsende Wut im Volk, sich und den Franzosen einen sogenannten "Grand débat" verordnete - eine große, landesweite Debatte.

Seither übt er sich - im Wortsinn, er trainiert - in Bescheidenheit.

Seit Anfang Januar tingelt er durchs Land, in abgelegene Winkel, diskutiert mit Lokalpolitikern oder mit ganz normalen Bürgern. Er erklärt seine Politik, vertritt seine Positionen zur Energiewende, zum Tempolimit, zur Steuergerechtigkeit oder zur politischen Teilhabe. Wo er früher auf den Podien illustrer Konferenzen das Wort ergriff, fährt er jetzt nach Grand-Bourgtheroulde, nach Souillac oder nach Bourg-de-Péage.

Und auch dort macht er das gut, siehe oben: Reden und erklären liegen ihm einfach. Manchmal gleichen die Diskussionen einem Volkshochschulkurs, der könnte überschrieben sein: "Die Grenzen der repräsentativen Demokratie". Oder: ihre Möglichkeiten.

An diesem verregneten Donnerstag nun verlässt Macron die Abteilung Erwachsenenbildung und muss tatsächlich pädagogische Fähigkeiten unter Beweis stellen. Denn hier, in Étang-sur-Arroux im Burgund trifft er zum ersten Mal auf Schüler. Macron liegt seine üblichen drei Stunden hinter dem Zeitplan, als er die Sporthalle betritt, die auf einem freien Feld liegt. Drinnen lange Stuhlreihen erwartungsvoller junger Gesichter; wenig Sauerstoff.

Die Bürgermeister jammern - das war zu erwarten

Justine, 16 und Nicolas, 18 sind "einfach mal gespannt" auf den Präsidenten. Er findet ihn in manchen Dingen gut und in anderen nicht. Sie findet ihn eigentlich nicht übel, aber ihre Eltern mögen Macron überhaupt nicht, und das hindert sie daran, ihn vollends gut zu finden. Am Vormittag hat Macron bereits in der Unterpräfektur von Autun zwei Stunden mit Bürgermeistern und Präfekten diskutiert, und kurz schien es, als wirke er etwas müde, erschöpft.

Natürlich sprach er trotzdem souverän über die Probleme, die das Leben auf dem Land mit sich bringen kann und notierte auf losen Zetteln die Klagen der Provinzbürgermeister über zu viel Bürokratie und zu wenig Kompetenzen. Klagen, auf die er natürlich vorbereitet war: Dass sie kommen, war im Hyperzentralstaat Frankreich in etwa so wenig überraschend wie auf einer Landstraße im Burgund an einer eine Pferdekoppel vorbeizufahren.

Es gehe jetzt darum "das Land zu erfinden, in dem wir leben wollen"

In der Turnhalle von Étang dauert es keine Stunde, da hat er das Sakko ausgezogen und die Ärmel seines Hemds aufgekrempelt. Es gehe jetzt darum "das Land zu erfinden, in dem wir leben wollen, nicht mehr und nicht weniger", ruft er der versammelten Jugend vor. "Denn dieses Land ist eures; es gehört euch viel mehr als mir".

Solche wuchtigen Worte jedoch bringen hier nicht den entsprechenden Beifall. Den kriegen eher Fragestellerinnen wie Estelle, die wissen will, was Macrons Regierung für die Inklusion von Autisten tut, oder wie auf sexuelle Belästigung an Schulen reagiert werden soll. Ein Mädchen fragt, wie man wohl "Frauen und Behinderte im ländlichen Raum fördern" könnte.

All das sind Fragen, die unberechenbarer sind und auf die man sich schlechter vorbereiten kann als auf jene der Würdenträger in ihrer gekränkten Eitelkeit.

Zumindest bisher scheint sein Kalkül aufzugehen. Seine Beliebtheitswerte klettern wieder auf annehmbare Höhen, er macht tatsächlich Boden gut. Der Präsident ist jetzt wieder so populär wie vor der Gelbwesten-Krise.

Macron scheint sich immer wohler zu fühlen, je länger die Debatte dauert. Hier in Étang hat er drei Stunden "Austausch" vorgesehen. Aber nach anderthalb Stunden werden seine Antworten länger und länger, und die Fragen seltener. Antworten zu Beginn manchmal auch der Bildungsminister oder die Arbeitsministerin, beide hat er öfters im Schlepptau, bestreitet er die Debatte dann zunehmend alleine. Spricht darüber, dass ein Referendum - obwohl er einer solchen Initiative gegenüber offen sei - nicht alle Probleme lösen könne, weil die Welt sich eben nicht allein mit JA oder Nein regeln lasse.

Einer Schülerin, die eine etwas kompliziert Frage über einen bestimmten Ausbildungsweg vorträgt, empfiehlt er, "sich gleich mal den zuständigen Minister zu schnappen" und das mit Jean-Michel Blanquer direkt zu klären.

Als die drei Stunden um sind, die Luft in der Halle ist mittlerweile zum schneiden, ruft er in Richtung seiner Berater und der Sicherheitsleute: "Können wir vielleicht noch ein bisschen weitermachen? Ginge das wohl?"



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Seite 1
thor.z1367 07.02.2019
1. Ich hoffe er findet seinen Weg
Macron ist ein Präsident eines großen Landes aber eines Landes das in der Sinnkrise ist.Das alte System eines großen Staatsmannes der über allem schwebt, ist verschwunden. Ein Präsident der wie ein kleiner Sonnenkönig residiert und das Volk ruft in zu .Hoch lebe Frankreich und hoch lebe der Präsident. Es ist eine Zeitenwende ohne Vorbild und Strategien. Nun der große Gewinn der Macht ohne eine vernüftige Blaupause und den Konzept einer längerfristigen Strategien. Wer dann nur Schwierigkeiten hat und die Unterstützung seiner Verbündeten nicht hat. Schaut dann sehr alleine aus. Denn Frankreich hat ein großes Soziale, Strukturwandel und Mentalitätsproblem . Und dann meint das Volk das es in Monaten und ohne Verluste geht. Nachdem Moto wasch mich aber mach mich nicht nass. Diese Zeit der politischen Extremismus ist das was seinen Weg noch schwieriger macht. Macron scheint vernünftig zu sein aber er ist manchmal ein Theoretiker der es mit kühler Intelligenz, aber er begeistert es nicht . Er muß versuchen sein Volk für seine Ideen zu begeistern und mit zu nehmen...Das wird sein politisches Überleben sichern.
whitemouse 07.02.2019
2. Hollande
Hollande hatte viel Pech, ich fand ihn recht sympathisch. Macron war mir von Anfang an nicht sympathisch und seine Politik überzeugt kein bischen.
McTitus 07.02.2019
3. @ whitemouse - Hollande?
Kommt in dem ganzen Artikel nicht vor. Thema verfehlt.
brux 07.02.2019
4. ???
Zitat von whitemouseHollande hatte viel Pech, ich fand ihn recht sympathisch. Macron war mir von Anfang an nicht sympathisch und seine Politik überzeugt kein bischen.
Das ist argumentativ arg dünn, aber die Meinung steht Ihnen zu. Die Fakten sind aber anders. Hollande war ein sozialistischer Funktionär ohne echte Lebenserfahrung. Ausserdem ein Bourgeois mit Hang zur Dekadenz (Kartoffeln nur von der Ile de Noirmoutier mit ihren Salzfeldern). Die Franzosen haben ihn vor allem als faul und mutlos wahrgenommen. Macron ist leidenschaftlich für die notwendigen Reformen in Frankreich unterwegs, und das sind viele. Vor allem muss sich die Mentalität ändern (vorgestern z.B. Streik der kommunistischen Lehrer, also genau 1 Person an der Schule meines Sohns). Mir imponiert Macron.
McTitus 07.02.2019
5. Läuft bei Macron.
Jedenfalls beim Umfragewert. Was für Ihn persönlich vermutlich eh der wichtigste Eckpunkt sein dürfte. Image is everything that counts. Never mind the people. Es geht irgendwie immer um scheinbar nötige Reformen. Aber dass er die an den Leuten vorbei durchdrückt, daran ändern auch die, im Nachhinein anberaumten, Debatten nix. Hinterher ist es immer relativ ohne Risiko behaftet jemanden in den Plan einzuweihen, der schon längst auf dem Weg ist. Das ist Augenwischerei.
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