Macron trifft Putin Schönwetter-Freunde

Die Präsidenten Frankreichs und Russlands inszenieren sich bei ihren Gesprächen am Mittelmeer als bewährte Kräfte in einer unberechenbaren Welt. Doch Konflikte zwischen den beiden bleiben auch diesmal nicht aus.

GERARD JULIEN/POOL/EPA-EFE/REX

Von , Paris


Schon aus dem Hubschrauber habe er gesehen, so erzählte der russische Präsident Wladimir Putin, wie schön es sein Gastgeber Emmanuel Macron an seinem Ferienort habe. Fort Brégançon ist eine alte Festung am Mittelmeer, wo französische Staatschefs ein offizielles Hausrecht genießen, aber nur ganz selten ihre Gäste empfangen - eine solche Ausnahme machte einst François Mitterrand im August 1985 für seinen großen Freund Helmut Kohl.

An diesem Montag folgten ihnen Macron und Putin an gleicher Stelle. Ein gemeinsamer, einstündiger Spaziergang entlang der Fortmauern ohne Delegationen. Ein Abendessen im kleinen Kreis nur mit den Außenministern und den zwei wichtigsten Beratern. Und eine Pressekonferenz im weichen, frühen Abendlicht auf einfachen Terrassenstühlen, bei der alle Welt zuschauen und begreifen sollte: Hier haben sich zwei wichtige Männer eine Menge zu sagen. Aber stimmte das auch?

"Europa von Lissabon bis nach Wladiwostok"

"Russland ist Frankreich gefolgt", behauptete Putin in Sachen Klimapolitik, um seinen Gastgeber international aufzuwerten. "Auch wenn es heute kein aktuelles Thema ist, kann ein Europa von Lissabon bis nach Wladiwostok morgen unumgänglich sein", verstieg sich Putin gar zu rosigen Visionen, die gewöhnlich nicht seine Sache sind. "Russland ist zutiefst europäisch, sein Nationalismus immer viel großzügiger, als er erscheint", begrüßte Macron seinen Gast entsprechend. Mit Russland, so Macron, wolle er "eine Architektur des Vertrauens wiederaufbauen".

Das Bemühen beider Seiten war also klar: Man wollte einander nach Jahren des Gegeneinanders näher kommen. "Der Zünder für eine Wiedererwärmung", titelte die Pariser Zeitung "Le Monde" über den "Gipfel vor dem Gipfel" (BFM-Fernsehen), da Macron zum Wochenende auch die Regierungschefs der G7 empfängt.

Plötzlich Freunde?

In Wirklichkeit waren Macron und Putin bisher alles andere als Freunde. Im französischen Wahlkampf vor zwei Jahren hatte Putin offen Macrons Gegnerin Marine Le Pen unterstützt. Bis heute besteht der Verdacht, dass die sogenannten Macron Leaks, gefälschte Werbemails der damaligen Macron-Kampagne, das Werk russischer Hacker waren. Entsprechend unterkühlt verlief der erste Besuch Putins bei Macron im Mai 2017 im alten Königsschloss von Versailles.

Ein Jahr später schien nichts besser, als der russische Präsident beim Fußball-WM-Finale im eigenen Land den feiernden französischen Gast an seiner Seite (Frankreich wurde Weltmeister) im Moskauer Regen stehen ließ, während er selbst unterm Schirm trocken blieb.

Bei der WM 2018 hatte Putin Macron noch im Regen stehen lassen
Kai Pfaffenbach / REUTERS

Bei der WM 2018 hatte Putin Macron noch im Regen stehen lassen

Noch ein Jahr später unternehmen Putin und Macron also schon den dritten Anlauf für eine Annäherung. Ist er der erfolgreiche?

"Gut möglich, denn der internationale Kontext bringt beide zusammen", erklärt der Pariser Außenpolitik-Experte Dominique Moisi, Gründer des französischen Instituts für internationale Beziehungen (IFRI), gegenüber dem SPIEGEL. "Ein geschwächtes Deutschland, die unberechenbaren USA, ein China, das in Hongkong vor dem Überschreiten des Rubikon steht - all das macht aus Macron denjenigen, der derzeit noch Rationalität verkörpert", sagt Moisi.

Das aber macht ihn auch für Putin interessant. "Wir müssen Missverständnisse, die sich seit Jahrzehnten zwischen Russland und Europa festgesetzt haben, hinter uns lassen und eine neue Dynamik finden", bot Macron dem russischen Präsidenten an. Moisi schmunzelt über die Worte seines Präsidenten, aber gibt ihm dennoch recht.

Dabei bleibt jedes Einzelthema kontrovers.

  • Beispiel Syrien: Putin machte auf Fort Brégançon keinen Hehl daraus, dass er die syrische Armee in ihrem Vernichtungskrieg gegen die verbleibende Opposition in Idlib im Nordwesten Syriens weiter unterstütze. Macron forderte dagegen humanitäre Maßnahmen.
  • Beispiel Meinungsfreiheit: Putin wehrte sich gegen Vorwürfe, gegen Demonstranten in Moskau zu hart vorzugehen, indem er auf die gewalttätigen Proteste der Gelbwesten in Paris im letzten Winter verwies. "Wir wollen nicht, dass so etwas auch in unserer Hauptstadt passiert", sagte er. Macron wehrte sich - aber dieses Mal nicht hartnäckig wie vor zwei Jahren in Versailles. Er erklärte nur stolz, dass die Gelbwesten jetzt in Frankreich bei Wahlen kandidieren würden.
Emmanuel Macron zeigte Wladimir Putin seine Ferienresidenz am Mittelmeer
Alexei Druzhinin / REUTERS

Emmanuel Macron zeigte Wladimir Putin seine Ferienresidenz am Mittelmeer

Macron wollte zeigen: Putins Russland ist auch als Nicht-Demokratie und Kritiker der EU nicht ihr größter Feind. Es ist in diesen außenpolitisch unsicheren Zeiten sogar ein potenzieller Freund. "Ich glaube an die europäische Souveränität und das europäische Russland", sagte Macron, als hätte er Putin bisweilen gar nicht zugehört.

Genau darin aber lag der Zauber von Brégançon: Das Fort ist viele Jahrhunderte alt, diente Königen und Revolutionären gleichermaßen. "Ich glaube an große Zeiträume", setzte Macron noch drauf, erinnerte an den Kampf von Russen und Franzosen gegen die Nazis. Und Putin spielte mit, lud Macron zu den 75-Jahres-Feiern des Kriegsendes im kommenden Mai nach Moskau ein.

So erschienen Syrien- und Demonstranten-Probleme plötzlich klein. Was daraus folgt? Weiß man nicht. Vielleicht gar nichts. Doch Moisi warnt: "Ich hoffe nur, dass Macron das alles mit Berlin abgesprochen hat." Es sind eben so viele Dinge in Bewegung, dass keiner weiß, welche Allianz am Ende zählt.



insgesamt 60 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
kkllaauussii 20.08.2019
1. ... ich hoffe dass er es mit Berlin abgestimmt hat ...
Ich hoffe, dass er es NICHT abgestimmt hat und Merkel keine Gelegenheit bekommt, dazwischen zu tratschen und wieder zu bremsen. Nur mit Russland kann Europa stabil wachsen. Die Sanktionen schaden uns mehr als Russland und spielen den USA und China in die Karten. Und warum das Ganze? Wegen einer Ukraine, die nicht zur EU oder NATO gehört, von Kleptkraten regiert wird und bei der es vorhersehbar war, dass Russland die Krim nicht aufgeben wird. Wenn die da so dusselig waren, nicht als Brückestaat leben zu wollen und statt dessen EU Gelder abgreifen, ist der Ukraine eh nicht zu helfen. Wir brauchen Russland, nicht die Ukraine. Deshalb ist der neue Ansatz gut und darf nicht in die Merkelfinger kommen.
BoMo_UAE 20.08.2019
2. Achse der Vernunft
Seit dem Orangeman in Washington und seiner irrationalen und anti-europaeischen Politik wird es Zeit, sich neue Verbuendete der Vernunft zu suchen. Putin hat wenigstens Verstand und alles was er sucht, ist die Akzeptanz und Zusammenarbeit mit Europa. die USA und GB wollen dies seit je her verhindern. Doch die sind Europa mehr und mehr fremd. So ist eine Annaeherung zu Russland nur logisch. Und was solls, wenn die Krim der Preis ist. Putin hat in Vielem laengst Fakten geschaffen.
gruen99 20.08.2019
3. Hoffentlich verpasst Deutschland diesmal nicht den Anschluss
In meinen Augen macht Macron alles richtig. Nicht klein klein, sondern das Grosse im Auge. Was das wäre? Stabilität und Frieden. Freundschaft und Diplomatie auf Augenhöhe. Diese Ersatzkriegsschauplätze zwischen Europas und Russlands Grenzen müssen trocken gelegt werden. Und Drittstaaten verwehrt werden dazwischen immer wieder zu zündeln. Hoffentlich ist das mehr als ein Wunschtraum. Immerhin neigt sich auch Putins Ära dem Ende entgegen und er will sicher eher als starker Friedensbewahrer denn als Despot mit kriselnden Grenzen in die Geschichte eingehen. Wenigstens das darf wohl als gesichert angesehen werden. Vor allem vor dem drohenden Rüstungswettstreit mit den USA unter dem nur Europa leiden wird. Bei einer solchen Entwicklung sollte Deutschland positiv mitwirken und nicht die Transatlantische Wackeldiplomatie, welche nur durch Eigennutz hervorsticht, befördern.
manskyEsel 20.08.2019
4. ...???...
Wenigstens sieht Putin besser aus als seine Vorgänger. Und ich kann nicht erkennen, inwiefern er eine Bedrohung für die Welt sein soll.q
brosswag 20.08.2019
5. Meine Meinung
Es ist schon genügend betont worden, dass Europa ohne Russland zu keiner für Europa positiven Entwicklung kommt Doch weiterhin haben die Transatlantiker das Ruder in der Hand und das sollte oder müsste sich ändern.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.