Empörtes Frankreich "Den Frieden gewinnen“

Frankreichs Präsident Chirac schlief den Schlaf des Gerechten, als die US-Streitkräfte ihre erste Salve abfeuerten. Der Elysée-Palast, politisches Zentrum des internationalen Widerstandes gegen den Krieg, ließ sich Zeit mit einer Stellungnahme - ersichtlich wollte Chirac keine hysterische Krisenstimmung aufkommen lassen.

Von Romain Leick, Paris


Jacques Chirac: "Krieg kann man allein gewinnen, den Frieden nicht"
AP

Jacques Chirac: "Krieg kann man allein gewinnen, den Frieden nicht"

Paris - Frankreich wünsche, dass der Konflikt so schnell wie möglich beendet werde, hieß es lapidar im Laufe des Vormittags. Schneller als der Elysée-Palast reagierte das Innenministerium, wo ein operatives Zentrum zur Koordinierung der antiterroristischen Maßnahmen eingerichtet wurde. Für den späten Nachmittag riefen die Kriegsgegner zu einer großen Kundgebung auf dem Place de la Concorde in der Nähe der amerikanischen Botschaft auf. Am Abend wollen etwa 50 Künstler und Musiker ein Konzert für den Frieden geben.

In den trostlosen Trabantenstädten rund um Paris, in denen die muslimischen Einwanderer-Familien in ghettoartiger Konzentration leben, blieb alles ruhig - für die französische Regierung eine willkommene Nebenwirkung ihres entschiedenen Eintretens für den Erhalt des Friedens. Frankreich hofft auf einen "moderaten Sieg“ der USA: schnell und so unblutig wie möglich, ohne humanitäre Katastrophe, aber nicht triumphal.

Die US-Soldaten sollen nicht wie Befreier im Irak einmarschieren, damit Präsident George W. Bush nicht noch im nachhinein die Legitimität für seinen Krieg gewinnt, die ihm bislang fehlt.

Chirac ist zuversichtlich, dass die Uno wieder schnell ins Spiel gebracht werden kann, wenn die Amerikaner ihre militärischen Ziele erreicht haben, um eine "gerechte und dauerhafte Lösung“ zu finden. Sonst müssten die USA ein Besatzungsregime einrichten, das aus dem Irak eine Art neokoloniales Protektorat machen würde. "Den Krieg kann man allein gewinnen“, so Chirac, "den Frieden nicht.“ Beim Wiederaufbau des Irak und der Gestaltung der Nachkriegsordnung im Nahen Osten werde Frankreich den ihm zustehenden Platz einnehmen.

Als Sündenbock für das diplomatische Fiasko in der Uno will sich Chirac jedenfalls nicht anprangern lassen. Er setzt auf eine Deeskalation im Zerwürfnis mit den USA und Großbritannien. Deshalb will er auch nicht auf eine ausdrückliche Verurteilung der USA durch die Uno dringen - obwohl er noch einmal bekräftigte, dass dieser Konflikt eine schwere Hypothek für die Zukunft in sich berge.



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