Ende des Geiseldramas Kriegsschiffe eskortieren "Hansa Stavanger" nach Mombasa

Ihr Martyrium in der Gewalt somalischer Piraten dauerte vier Monate - nach der Freilassung ist die Besatzung der "Hansa Stavanger" wohlauf und überglücklich. Mittlerweile ist ein Marinearzt an Bord, zwei Kriegsschiffe begleiten den Frachter nach Mombasa. Doch das Schiff ist nach der langen Liegezeit extrem langsam.

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Berlin/Mombasa - Nach der Freilassung am Montag hat die "Hansa Stavanger" Kurs auf Mombasa in Kenia genommen. In Begleitung von zwei deutschen Kriegsschiffen der EU-Operation "Atalanta" fährt der Containerfrachter so schnell wie möglich gen Kenia - doch nach der langen Zeit in den Gewässern vor Somalia macht Muschelbewuchs am Kiel des Schiffes eine schnelle Passage unmöglich. Bisher kann das Schiff nur fünf Knoten Fahrt aufnehmen, deshalb erwarten die Seeleute erst für Freitag die Ankunft in Mombasa.

"Hansa Stavanger" (Archivbild): Langsame Fahrt wegen Muschelbewuchs
ddp

"Hansa Stavanger" (Archivbild): Langsame Fahrt wegen Muschelbewuchs

Kurz nach der Freilassung am Montag hatte die EU-Militäroperation "Atalanta" ein Treffen des Schiffs mit Kriegsschiffen organisiert, die im Golf von Aden kreuzten. Zum einen musste die "Stavanger" nach vier Monaten in der Gewalt der Piraten aufgetankt werden, weil der meiste Sprit aufgebraucht war. Zum anderen kam ein deutscher Marinearzt und Soldaten an Bord, um sich um die Mannschaft zu kümmern. Die 24 Männer sind erschöpft, aber wohlauf. Unter ihnen sind fünf Deutsche, unter anderem zwei 19-jährige Auszubildende, ein nautischer Offizier und der Kapitän. Sie wollen im Moment nur eins - möglichst schnell nach Hause.

Bei der Ankunft im Hafen von Mombasa soll ein Team der Hamburger Reederei Leonhardt und Blumberg die Seeleute empfangen und sich um deren Versorgung und Betreuung kümmern. Danach sollen sie so schnell wie möglich in ihre Heimatländer zurückgeflogen werden, sagte der Geschäftsführer der Reederei, Frank Leonhardt: "Ich habe mich in einem Telefongespräch davon überzeugen können, dass es den Besatzungsmitgliedern den Umständen entsprechend gut geht." Die "Stavanger" soll nach der Ankunft mit einer neuen Mannschaft weiterfahren.

Das deutsche Containerschiff war am Montag nach monatelangen Verhandlungen über das Lösegeld freigelassen worden. Ein Kleinflugzeug warf am Vormittag 2,75 Millionen Dollar für die Piraten ab. Nachdem diese das Geld gezählt hatten, verließen sie das Schiff und fuhren am Nachmittag ungestört ans Festland nahe des somalischen Hafens Haradhere. Kriegsschiffe der EU waren zwar in der Nähe des Übergabeorts, doch zu einer zuerst geplanten Verfolgung der Piraten und des Lösegelds kam es nicht.

Die Bundesregierung reagierte mit großer Erleichterung auf die Freilassung des deutschen Containerschiffs. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sagte, sie hoffe, "dass die freigelassenen Besatzungsmitglieder und ihre Angehörigen sich von den Strapazen und seelischen Belastungen der letzten Wochen möglichst schnell erholen". Auch Außenminister Frank-Walter Steinmeier zeigte sich erleichtert über das Ende des Dramas.

Trotz der Erleichterung ist die Zahlung des Lösegelds durch die Reederei auch eine herbe Niederlage für die Regierung. Eigentlich hatte man sich im Krisenstab geschworen, sich diesmal nicht auf die Zahlung von Millionen an Geiselnehmer einzulassen. Ein erster Versuch, die "Stavanger" kurz nach der Entführung am 4. April mit Hilfe der im Golf von Aden patrouillierenden deutschen Kriegsschiffe zu befreien, scheiterte jedoch. Die Piraten bemerkten die deutsche Fregatte und drohten mit dem Tod der Geiseln, wenn sich das Schiff nähere.

Die Nato-Kriegsschiffe im Golf von Aden
Flaggschiff und Zerstörer "Durand de la Penne"
Der italienische Zerstörer ist ein 5000-Tonnen-Mehrzweckkriegsschiff. Es dient der Abwehr von Luft- und U-Boot-Angriffen - letztere werden im Golf natürlich keine Rolle spielen. Bei Landgang und Küstenbombardierungen kann der Zerstörer Schützenhilfe leisten. Dieses erste Schiff der De-la-Penne-Serie wurde 1993 in Betrieb genommen. Der italienische Admiral Giovanni Gumiero führte den Nato-Flottenverband, bevor das Schiff zur Anti-Piraterie-Mission geschickt wurde.
Fregatte "Themistokles"
Die Fregatte "Themistokles" ist ein Schiff aus der Elli-Klasse der griechischen Marine. Sie wurde 1979 in den Niederlanden gebaut und 2003 an Griechenland verkauft. Dort wurde das Schiff modernisiert und zur "HS Themistokles" umbenannt. An Bord der 3100 Tonnen schweren Fregatte befinden sich neben Torpedos und Missiles auch zwei Hubschrauber.
Fregatte "Cumberland"
Die "Cumberland" ist eine F85-Fregatte der britischen Royal Navy. Das in Schottland gebaute Kriegsschiff wurde 1989 in Betrieb genommen. Ursprünglich sollte die Cumberland gegen U-Boote eingesetzt werden, bekämpft jetzt aber auch feindliche Schiffe und Flugzeuge. Sie kann auf eine Maximalgeschwindigkeit von 30 Knoten beschleunigt werden.

Umgehend hatte sich die Bundesregierung dann zu einer spektakulären Befreiungsaktion durch die deutsche Sondereinheit GSG9 entschieden. Rund 200 Elitepolizisten flogen in einer geheimen Aktion zuerst nach Mombasa und wurden dann von dem US-Schiff "Boxer" samt Hubschraubern und Ausrüstung in die Nähe der "Stavanger" vor Somalia gebracht. Kurz vor dem geplanten Zugriff aber platzte die gesamte Aktion Anfang Mai, weil die USA eine Befreiung als zu gefährlich erachteten.

Im Anschluss brach in Berlin ein heftiger Streit aus, ob Deutschland für Geiseldramen wie jenes auf der "Stavanger" gut genug ausgerüstet sei. Außerdem wurden erhebliche Probleme bei der Abstimmung der verschiedenen beteiligten Behörden deutlich, die zu organisatorischen Änderungen innerhalb der deutschen Behörden führten.

Am Ende lief am Montag alles wie immer in den Pirateriefällen der vergangenen Monate. Zwar hielt sich eine Fregatte der "Atalanta"-Mission auch am Montag stets in der Nähe der "Stavanger" auf und beobachtete die Lage, doch die Piraten mit dem Lösegeld wurden schließlich nicht verfolgt. Wenn die Freude über das Ende des Falls verflogen ist, wird auch dieser Umstand vermutlich zu neuen Diskussionen führen, was der EU-Einsatz im Golf von Aden eigentlich bringt, wenn die eingesetzten Kriegsschiffe mit ihren Soldaten davoneilenden Kriminellen am Ende nicht nachstellen können.

Moderne Piraten - Gefahr am Horn von Afrika
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Maschinengewehre statt Enterhaken
Fernab aller Seeräuberromantik ist die moderne Piraterie eine Form der organisierten Kriminalität. Nach dem Seerechtsübereinkommen von 1982 gelten als Piraterie räuberische oder erpresserische Überfälle auf Schiffe auf hoher See. Angriffe innerhalb nationaler Hoheitsgewässer werden als Strandpiraterie bezeichnet.

Am gefährlichsten sind die Gewässer vor Afrika. Somalia, Nigeria und Tansania sind Schwerpunkte der Angriffe. Vor der Küste Somalias operieren Piraten oft von Mutterschiffen aus, von denen sie auf pfeilschnellen Booten mit Maschinenpistolen und Panzerfäusten bewaffnet zu Raubzügen aufbrechen. Die gekaperten Schiffe werden dann vor die Küste gebracht.
Piratennest Puntland
Puntland ist eine Region am Horn von Afrika, rund 212.000 Quadratkilometern groß, 2,4 Millionen Einwohner. Vor zehn Jahren erklärte sich der trockene Landstrich zum autonomen Teilstaat von Somalia. Tonangebend sind die Stammesstrukturen der Darod, die dort ihr Hauptsiedlungsgebiet haben. Zwei Drittel der Menschen hier sind Nomaden, nahezu alle sunnitische Muslime. Einst lebten sie vom Fischfang vor der 1300 Kilometer langen Küste am Indischen Ozean sowie der Zucht von Kamelen, Schafen und Ziegen.

Gemessen an somalischen Verhältnissen galt die Region bisher als stabil, nach Selbstmordanschlägen auf Regierungsgebäude im Oktober wird aber befürchtet, islamistische Terroristen könnten auch im Puntland Fuß fassen. Inzwischen herrscht auch hier weitgehende Gesetzlosigkeit. Kriminelle Banden verdienten viel Geld mit dem Schmuggel von Flüchtlingen aus Somalia und Äthiopien auf die arabische Halbinsel. Dazu kommen Piratenüberfälle. Die Machthaber von Puntland wurden wiederholt beschuldigt, die Piraten zu unterstützen und einen Teil des Lösegeldes für Schiffe und Besatzungsmitglieder selbst zu kassieren.
Stützpunkte
Das berüchtigtste Piratennest ist Eyl. Gegenwärtig haben Piraten laut Amnesty International nahe der Küstenstadt mehr als 130 Menschen als Geiseln genommen. Insgesamt befinden sich in der Region noch knapp 250 Seeleute und Dutzende Schiffe in der Gewalt der Piraten. Verhandlungen über Lösegeld laufen vielfach.
Lukratives Geschäft
Piraterie in somalischen Gewässern hat sich in den vergangenen Jahren zu einem lukrativen Geschäftszweig ausgeweitet: Erfolgreiche Entführungen bringen nach Schätzungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung Lösegelder in Höhe von einer bis fünf Millionen US-Dollar. Der fast 20 Jahren tobende Bürgerkrieg und die damit einhergehende Verarmung und Militarisierung Somalias haben den Angriffen den Nährboden bereitet.
Zunehmende Entführungen
Somalischen Piraten gelingt es immer häufiger, Schiffe in ihre Gewalt zu bringen. Einem Anfang November veröffentlichten Uno-Bericht zufolge wurden trotz des Einsatzes der internationalen Flotte vor der Küste Somalias in den ersten neun Monaten 2011 37 Schiffe gekapert - im Vorjahreszeitraum waren es noch 33.

Es sei "erschreckend", dass die Piraten mittlerweile 438 Besatzungsmitglieder und Passagiere sowie 20 Schiffe in ihrer Gewalt hätten, sagte der Uno-Untergeneralsekretär B. Lynn Pascoe. Es müsse mehr getan werden, um die Ursachen von Raubüberfälle und Entführungen zu beseitigen.

Doch noch ist von einer Lösung keine Spur, im Gegenteil: Die Angriffe werden brutaler. Am 7. November 2011 erschossen somalische Piraten einen Mann, der die von ihnen gekaperte Yacht nicht verlassen wollte. Die anderen Geiseln - darunter eine Frau und ein Junge - wurden Augenzeugen zufolge an Land gebracht. Bislang kam die Tötung von Geiseln selten vor.
Folgen für Reedereien
Die zunehmenden Angriffe haben die Einfahrt ins Rote Meer bereits so unsicher gemacht, dass erste Reedereien Schiffe nicht mehr von dort durch den Suez-Kanal, sondern auf die weit längere Route um das Kap der Guten Hoffnung schicken. So sollen extrem hohe Versicherungsprämien wegen des Piraten-Risikos oder Kosten für eigene Sicherheitsmannschaften an Bord vermieden werden.

Britische Reedereien und Versicherer haben die Idee einer Privatarmee erneut in die öffentliche Diskussion gebracht.
Anti-Piraten-Missionen
Internationale Streitkräfte versuchen im Rahmen der NATO-Mission "Ocean Shield" und der EU-Mission "Atalanta", die Piraterie zu bekämpfen. Doch während die Kriegsschiffe im besonders gefährdeten Golf von Aden zwischen Somalia und Jemen patrouillieren, haben die Seeräuber ihren Aktionsradius zunehmend auf den Indischen Ozean verlagert. Manchmal gelingen allerdings auch Erfolge: Im April 2010 konnte die niederländische Fregatte "Tromp" den deutschen Frachter "Taipan" aus der Hand von Piraten befreien.

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