Ende einer Odyssee "Hansa Stavanger" hat in Mombasa angelegt

Es ist geschafft, der Kai in Mombasa erreicht: Nach vier Monaten in der Hand von Piraten und einer Woche Fahrt nach Kenia sind die 24 Besatzungsmitglieder der "Hansa Stavanger" in Sicherheit. Bald können sie zurück zu ihren Familien, davor werden sie untersucht und betreut.


Mombasa - Um 14.22 Uhr melden die Nachrichtenagenturen: "Hansa Stavanger" macht in Mombasa fest. Die Odyssee der 24 Besatzungsmitglieder, darunter fünf Deutsche, ist beendet. Sie sind in Sicherheit. Erst mehrere Stunden nach dem Einlaufen verließ die Crew am späten Nachmittag das Containerschiff. Die 24 Besatzungsmitglieder, darunter fünf Deutsche, seien in Bussen unterwegs in ein Strandhotel in Kenia. Dort sollen sie sich in den nächsten Tagen von den Strapazen erholen.

"Hansa Stavanger" im Hafen von Mombasa: Die Odyssee ist beendet
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"Hansa Stavanger" im Hafen von Mombasa: Die Odyssee ist beendet

Allen Männern geht es gut, sie erhielten bereits an Bord eine erste ärztliche und zahnärztliche Versorgung. BKA-Beamte standen bereit, um die Spuren auf der "Hansa Stavanger" zu sichern.

Vom Kai aus waren Crewmitglieder an Deck zu sehen. Einige trugen blaue Arbeitskleidung, andere T-Shirts. Sie winkten den versammelten Journalisten zu. Es schien, als seien sie gesundheitlich in guter Verfassung.

Die "Hansa Stavanger" war bereits vor einigen Stunden ins Hafenbecken eingelaufen, in Begleitung der deutschen Fregatte "Brandenburg". Etwa 300 Meter vom Kai entfernt ging man vor Anker, damit Experten das Containerschiff nach Sprengstoff durchsuchen konnten. Hintergrund sei, sagte ein Mitarbeiter eines lokalen Schiffsagenten, dass an Bord eines anderen von Piraten gekidnappten Schiffes, das nach seiner Freilassung Mombasa angelaufen hatte, Panzerfäuste gefunden worden seien.

Stavanger-Kapitän Krzysztof Kotiuk sagte nach dem Einlaufen seines Schiffes in Mombasa der dpa am Telefon: "Es ist immer noch stressig, aber uns geht es gut, wir sind glücklich, gesund und froh." Zuvor hatte er von einem Martyrium mit Scheinhinrichtungen und anderen Schikanen der Piraten während der viermonatigen Geiselhaft berichtet. Die Reederei Leonhardt und Blumberg erklärte, man wolle die fünf Deutschen so bald wie möglich in ihre Heimat ausfliegen, vermutlich am Montag. Die Besatzungsmitglieder würden sich nach ihrer Ankunft in Mombasa zunächst "im Hotel ausschlafen", so ein Sprecher.

Vor fünf Tagen haben die Piraten die "Hansa Stavanger" vor der somalischen Küste freigegeben. Doch das Schiff konnte nur mit rund fünf Knoten in Richtung des sicheren Mombasa fahren, Muschelbewuchs am Kiel infolge der langen Liegezeit hatte eine schnellere Reise unmöglich gemacht.

In Mombasa übernimmt Kapitän Bernd Jantzen das Kommando auf der Brücke der "Hansa Stavanger". Er ist sich künftiger Gefahren bewusst: "Ich bereite mich schon vorher vor und überlege, was im Fall eines Angriffs zu tun ist. Aber dann muss ganz schnell entschieden werden", sagte der 59-Jährige der dpa. "Ich und die Crew müssen vorbereitet sein", sagte Jantzen, der seit 1971 zur See fährt und seit 1987 Kapitän ist.

Ob er einen bewaffneten Begleitschutz an Bord präferiere? Jantzen: "Es wäre besser, wenn sich die Länder um das Piratenproblem kümmerten und es unter Kontrolle brächten." Eine erhöhte Anzahl an Kriegsschiffen aber sei "nicht die Lösung". Er selbst habe schon früher Probleme mit Piraten gehabt, habe aber entkommen können. In den Gewässern, in denen Seeräuber lauerten, gebe es empfohlene Routen. "Und wir sollten uns von der Küste fernhalten."

Notfalls greife er auch zur Selbsthilfe: "Wir setzen die Feuerwehranlage ein, falls Piraten das Schiff entern wollen." Seine Familie sei nicht glücklich darüber, wenn sie an die Gefahr durch Piraten denke. "Das ist mein Job und damit muss ich zurechtkommen." Jetzt müsse man erst mal den Schaden an Bord inspizieren und sehen, in welchem Zustand das Schiff sei, bevor die "Hansa Stavanger" wieder auf Fahrt gehen könne.

Das 170 Meter lange deutsche Containerschiff war am 4. April rund 400 Seemeilen vor der Küste zwischen Kenia und den Seychellen von Piraten gekapert und entführt worden. Monatelang verhandelte die Hamburger Reederei - am vergangenen Montag war es soweit: Ein kleines Flugzeug warf 2,75 Millionen Dollar Lösegeld über den Piraten ab.

Zwar waren EU-Kriegsschiffe in der Nähe des Übergabeorts, doch kam es nicht zu der zuerst geplanten Verfolgung der Piraten. Diese verließen die "Hansa Stavanger", nachdem sie das Geld gezählt hatten, fuhren ungestört ans Festland nahe des somalischen Hafens Haradhere. Entkommende Piraten - das wollte der Berliner Krisenstab eigentlich unbedingt vermeiden.

Ein erster Versuch, die "Stavanger" schon kurz nach der Entführung mit Hilfe der im Golf von Aden patrouillierenden deutschen Kriegsschiffe zu befreien, scheiterte jedoch. Die Piraten bemerkten die deutsche Fregatte und drohten mit dem Tod der Geiseln, wenn sich das Schiff nähere. Umgehend hatte sich die Bundesregierung dann zu einer spektakulären Befreiungsaktion durch die deutsche Sondereinheit GSG9 entschieden.

Rund 200 Elitepolizisten flogen in einer geheimen Aktion zuerst nach Mombasa und wurden dann von dem US-Schiff "Boxer" samt Hubschraubern und Ausrüstung in die Nähe der "Stavanger" vor Somalia gebracht. Kurz vor dem geplanten Zugriff aber platzte die gesamte Aktion Anfang Mai, weil die USA eine Befreiung als zu gefährlich erachteten. Später sagte der Kapitän der "Hansa Stavanger", eine solche Aktion hätte zu einem Blutbad geführt. Er beschrieb auch den massiven psychischen Druck, unter dem die Crew litt. "Nonstop waren schwere Maschinenpistolen auf unsere Köpfe gerichtet. Das war Psychoterror rund um die Uhr", sagte er.

Moderne Piraten - Gefahr am Horn von Afrika
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Maschinengewehre statt Enterhaken
Fernab aller Seeräuberromantik ist die moderne Piraterie eine Form der organisierten Kriminalität. Nach dem Seerechtsübereinkommen von 1982 gelten als Piraterie räuberische oder erpresserische Überfälle auf Schiffe auf hoher See. Angriffe innerhalb nationaler Hoheitsgewässer werden als Strandpiraterie bezeichnet.

Am gefährlichsten sind die Gewässer vor Afrika. Somalia, Nigeria und Tansania sind Schwerpunkte der Angriffe. Vor der Küste Somalias operieren Piraten oft von Mutterschiffen aus, von denen sie auf pfeilschnellen Booten mit Maschinenpistolen und Panzerfäusten bewaffnet zu Raubzügen aufbrechen. Die gekaperten Schiffe werden dann vor die Küste gebracht.
Piratennest Puntland
Puntland ist eine Region am Horn von Afrika, rund 212.000 Quadratkilometern groß, 2,4 Millionen Einwohner. Vor zehn Jahren erklärte sich der trockene Landstrich zum autonomen Teilstaat von Somalia. Tonangebend sind die Stammesstrukturen der Darod, die dort ihr Hauptsiedlungsgebiet haben. Zwei Drittel der Menschen hier sind Nomaden, nahezu alle sunnitische Muslime. Einst lebten sie vom Fischfang vor der 1300 Kilometer langen Küste am Indischen Ozean sowie der Zucht von Kamelen, Schafen und Ziegen.

Gemessen an somalischen Verhältnissen galt die Region bisher als stabil, nach Selbstmordanschlägen auf Regierungsgebäude im Oktober wird aber befürchtet, islamistische Terroristen könnten auch im Puntland Fuß fassen. Inzwischen herrscht auch hier weitgehende Gesetzlosigkeit. Kriminelle Banden verdienten viel Geld mit dem Schmuggel von Flüchtlingen aus Somalia und Äthiopien auf die arabische Halbinsel. Dazu kommen Piratenüberfälle. Die Machthaber von Puntland wurden wiederholt beschuldigt, die Piraten zu unterstützen und einen Teil des Lösegeldes für Schiffe und Besatzungsmitglieder selbst zu kassieren.
Stützpunkte
Das berüchtigtste Piratennest ist Eyl. Gegenwärtig haben Piraten laut Amnesty International nahe der Küstenstadt mehr als 130 Menschen als Geiseln genommen. Insgesamt befinden sich in der Region noch knapp 250 Seeleute und Dutzende Schiffe in der Gewalt der Piraten. Verhandlungen über Lösegeld laufen vielfach.
Lukratives Geschäft
Piraterie in somalischen Gewässern hat sich in den vergangenen Jahren zu einem lukrativen Geschäftszweig ausgeweitet: Erfolgreiche Entführungen bringen nach Schätzungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung Lösegelder in Höhe von einer bis fünf Millionen US-Dollar. Der fast 20 Jahren tobende Bürgerkrieg und die damit einhergehende Verarmung und Militarisierung Somalias haben den Angriffen den Nährboden bereitet.
Zunehmende Entführungen
Somalischen Piraten gelingt es immer häufiger, Schiffe in ihre Gewalt zu bringen. Einem Anfang November veröffentlichten Uno-Bericht zufolge wurden trotz des Einsatzes der internationalen Flotte vor der Küste Somalias in den ersten neun Monaten 2011 37 Schiffe gekapert - im Vorjahreszeitraum waren es noch 33.

Es sei "erschreckend", dass die Piraten mittlerweile 438 Besatzungsmitglieder und Passagiere sowie 20 Schiffe in ihrer Gewalt hätten, sagte der Uno-Untergeneralsekretär B. Lynn Pascoe. Es müsse mehr getan werden, um die Ursachen von Raubüberfälle und Entführungen zu beseitigen.

Doch noch ist von einer Lösung keine Spur, im Gegenteil: Die Angriffe werden brutaler. Am 7. November 2011 erschossen somalische Piraten einen Mann, der die von ihnen gekaperte Yacht nicht verlassen wollte. Die anderen Geiseln - darunter eine Frau und ein Junge - wurden Augenzeugen zufolge an Land gebracht. Bislang kam die Tötung von Geiseln selten vor.
Folgen für Reedereien
Die zunehmenden Angriffe haben die Einfahrt ins Rote Meer bereits so unsicher gemacht, dass erste Reedereien Schiffe nicht mehr von dort durch den Suez-Kanal, sondern auf die weit längere Route um das Kap der Guten Hoffnung schicken. So sollen extrem hohe Versicherungsprämien wegen des Piraten-Risikos oder Kosten für eigene Sicherheitsmannschaften an Bord vermieden werden.

Britische Reedereien und Versicherer haben die Idee einer Privatarmee erneut in die öffentliche Diskussion gebracht.
Anti-Piraten-Missionen
Internationale Streitkräfte versuchen im Rahmen der NATO-Mission "Ocean Shield" und der EU-Mission "Atalanta", die Piraterie zu bekämpfen. Doch während die Kriegsschiffe im besonders gefährdeten Golf von Aden zwischen Somalia und Jemen patrouillieren, haben die Seeräuber ihren Aktionsradius zunehmend auf den Indischen Ozean verlagert. Manchmal gelingen allerdings auch Erfolge: Im April 2010 konnte die niederländische Fregatte "Tromp" den deutschen Frachter "Taipan" aus der Hand von Piraten befreien.

In Berlin gab es damals nach der geplatzten Geiselbefreiung heftigen Streit, ob Deutschland für Geiseldramen wie jenes auf der "Stavanger" gut genug ausgerüstet sei. Außerdem wurden erhebliche Probleme bei der Abstimmung der verschiedenen beteiligten Behörden deutlich, die zu organisatorischen Änderungen innerhalb der deutschen Behörden führten.

Laut "Focus" ist die "Hansa Stavanger" bei ihrer Kaperung am 4. April nicht auf dem empfohlenen Kurs unterwegs gewesen. Der Kapitän sei bereits im Februar vom Hauptquartier der EU-Mission "Atalanta" davor gewarnt worden, zu nah an die Küste Somalias zu fahren. Wie alle gefährdeten Handelsschiffe hätte sich die "Hansa Stavanger" demnach östlich des 60. Längengrades halten und erst südlich der Seychellen im rechten Winkel die afrikanische Küste ansteuern sollen.

Der Bundeswehrverband unterdessen hat der Bundesregierung nun eine zu zögerliche Haltung während der Entführung vorgehalten: "140 Tage hatte die Bundesregierung Zeit, nach Alternativen für Lösegeldzahlungen zu suchen, aber nichts ist passiert", so Verbandschef Ulrich Kirsch zur "Neuen Osnabrücker Zeitung". Er warnte aber vor dem Versuch von Geiselbefreiungen, weil sie mit hoher Wahrscheinlichkeit Todesopfer fordern würden.

Die Bundespolizei und die Bundeswehr-Spezialtruppe KSK seien unter anderem auf Orts- und Häuserkampf trainiert: "Die Unübersichtlichkeit von Riesenschiffen erfordert eine ganz besondere, hochkomplexe Kampfweise", unterstrich Kirsch. Angesichts eines mysteriösen Vorfalls in der schwedischen Ostsee, wo Maskierte Ende Juli einen Frachter zwölf Stunden besetzt hatten, forderte er, "auch vor der heimischen Küste Vorsorge zu treffen - und zwar schnell".

Die Nato-Kriegsschiffe im Golf von Aden
Flaggschiff und Zerstörer "Durand de la Penne"
Der italienische Zerstörer ist ein 5000-Tonnen-Mehrzweckkriegsschiff. Es dient der Abwehr von Luft- und U-Boot-Angriffen - letztere werden im Golf natürlich keine Rolle spielen. Bei Landgang und Küstenbombardierungen kann der Zerstörer Schützenhilfe leisten. Dieses erste Schiff der De-la-Penne-Serie wurde 1993 in Betrieb genommen. Der italienische Admiral Giovanni Gumiero führte den Nato-Flottenverband, bevor das Schiff zur Anti-Piraterie-Mission geschickt wurde.
Fregatte "Themistokles"
Die Fregatte "Themistokles" ist ein Schiff aus der Elli-Klasse der griechischen Marine. Sie wurde 1979 in den Niederlanden gebaut und 2003 an Griechenland verkauft. Dort wurde das Schiff modernisiert und zur "HS Themistokles" umbenannt. An Bord der 3100 Tonnen schweren Fregatte befinden sich neben Torpedos und Missiles auch zwei Hubschrauber.
Fregatte "Cumberland"
Die "Cumberland" ist eine F85-Fregatte der britischen Royal Navy. Das in Schottland gebaute Kriegsschiff wurde 1989 in Betrieb genommen. Ursprünglich sollte die Cumberland gegen U-Boote eingesetzt werden, bekämpft jetzt aber auch feindliche Schiffe und Flugzeuge. Sie kann auf eine Maximalgeschwindigkeit von 30 Knoten beschleunigt werden.

sef/dpa/ddp/AP/AFP

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